Heimkommen, irgendwie

Unser Autor kehrt zurück ins Restaurant, wo er aufgewachsen ist. Und erlebt eine angenehme Überraschung.

In der Beiz der Grosseltern: Früher war alles anders, und doch irgendwie gleich. Foto: Thomas Wyss

Als die riesige Tanne hinterm Haus noch ein Winzling war, buddelte sie ein frecher Emmentaler im Nationalpark aus und hier, in Wollishofen, wieder ein; vor etwa 40 Jahren schmückte sie der Sohn des «Diebs» zur Weihnachtszeit immer mit elektrischen Kerzen, bei Schneefall sah das milchige Licht bezaubernd aus.

Im Sommer dagegen wusch der Filius des Emmentalers vorne, auf dem grossen Parkplatz, fast jede Woche mit einem Hirschleder seinen Alfa; eine ferrarirote Giulia (mit 8-Spur-Kassettengerät!, die Tonbänder hatte sein Kumpel, der Discjockey des Wollis­hofer Nightclubs Rolls-Royce, mit damaliger Discomusik bespielt).

Hinzu kam, dass die weisse Seitenwand des Hauses in jener Zeit mit ­unregelmässig verteilten braunen Flecken übersät war – aus immenser Entfernung und durch einen Feldstecher betrachtet, hätte diese Fassade wohl ausgesehen wie ein vom Aussterben bedrohtes afrikanisches Tier. Die Flecken stammten vom Tennis­spiel des Enkels des Emmentalers, der nämlich liebte es, bei Wind und Wetter Filzbälle an die Wand zu dreschen. Zu sehen ist das aber nicht mehr, die Wand wurde neu gestrichen.

Wieso ich all das so präzise weiss? Weil ich jener Enkel bin. Der jetzt, Jahrzehnte später, als Gast ins Restaurant (und Haus) zurückkehrt, in dem er aufwuchs, und das damals nach dem Grossvater Aeschlimann benannt war und heute Il Grappolo heisst.

Als wir uns in den Garten setzen, ist es ein Heimkommen. Irgendwie zumindest, denn das Mobiliar ist ein anderes, der Kies- einem Plattenboden gewichen, die Rundumhecke bunt beleuchtet – und auf der Speisekarte hat es 34 Pizzas, eine ist gar nach dem ­Quartier benannt.

Es hat jedoch auch reichlich andere italienische Classici. Wie Melanzane, Zucchini e Peperoni alla griglia (16 Fr.). Carpaccio di manzo con rucola (19 Fr.). Und Piccata milanese mit Tomatenspaghetti (38 Fr.). Oder, eher mondän weil vom Lavasteingrill, das Filetto di Angus mit Beilage nach Wahl (45 Fr.).

Dies sind unsere Speisen, begleitet werden sie von einem Sito Moresco aus dem Hause Gaja. Die edle Assem­blage, die helfen soll, wogende Emotionen zu glätten, kostet hier am Stadtrand 75 Franken, in der City bezahlt man da und dort glatt das Doppelte.

Begleitet werden sie aber auch von wehmütigen Räubergeschichten rund um die einstige Familienbeiz, die meine Begleiterin mild lächelnd über sich ergehen lässt (sie kennt sie in- und auswendig) und die wieder mal klarmachen: Loslassen ist elend schwer.

Elend gut – damit zum Wichtigsten – ist dagegen die Kulinarik: Gemüse- und Fleischqualität sind erstklassig, der Wein ein ganz grosser, und Nebenschauplätze wie die Piccata-Panade verraten den Meister in der Küche. In diesem Sinne: Grazie, ci vediamo.

Il Grappolo, Widmerstr. 64, 8038 Zürich. Di bis Fr 11–14 und 17–22 Uhr. Sa 17–22 Uhr, So 11.30–22 Uhr, Mo geschl. Tel. 044 481 70 60. www.restaurant-ilgrappolo.ch

1 Kommentar zu «Heimkommen, irgendwie»

  • doris sagt:

    Grossartig! Ich liebe kleine Reisen in die Vergangenheit und danke dem Autor
    für seine liebevollen Schilderungen. Jetzt wird mir auch klar, warum Herr Wyss seit Jahren diverse Beizenbummel so trefflich und anschaulich schildern kann. Er ist ein Beizenkind, weltoffen und unkompliziert. Danke, Herr Wyss.

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