Ich bin der perfekte Pflegefachfrau-/mann

Wer eine Nacht neben einer Sterbenden überstanden hat, der muss ein guter Pfleger sein.

Arbeitslos? Unser Autor kennt den Ausweg: einen Job in der Pflege. Foto: Keystone/Oliver Berg

 

Wie Sie wissen, bin ich arbeitslos. Das hat viele Zürcher und Zürcherinnen dazu bewogen, mir Fresspakete zu schicken. Vielen Dank. Ich weiss aber nicht, ob ich schon einmal erwähnt habe: Fertigprodukte mag ich gar nicht. Und Spaghetti, Nudeln oder Reis kann ich mir noch selber leisten.

Ich bitte Sie also, mir keine Nahrungsmittel mehr zu schicken. Ausserdem trete ich bald eine neue Stelle an. Ich habe mich nämlich zum Eignungstest für Pflegefachfrau-/mann HF angemeldet. Die Ausbildung zum Pflegefachfrau-/mann dauert zwar drei Jahre, aber ich verdiene dabei jeden Monat mehr als 4000 Franken! Während der Ausbildung!

Ich denke, den Eignungstest schaffe ich spielend. Was muss man da schon können? Bilden Sie aus folgenden Wörtern einen logischen Fragesatz: Wischen, Popo, Meier, Ihren, soll, Ihnen, ich, Frau. Und in Mathematik: Lösen Sie folgende Gleichung ohne Taschen­rechner: 6 Pflegepunkte + 7 Pflegepunkte = ?

Ich bin ein sehr guter Pflegefachfrau-/mann. Vor vielen Jahren habe ich im jüdischen Altersheim Mendelheim Wochenenddienst geschoben. Das war jetzt überhaupt nicht anstrengend. Ich musste mit den alten Leuten gemeinsam essen und das Tischgebet vorsingen. Am Nachmittag hielt ich einen Kurzvortrag über irgendein Thema. Zum Beispiel die Landi 39, Duttweiler oder Wilhelm Tell. Danach gab es ein feines, püriertes Abendbrot. Spätestens um 20 Uhr durfte ich wieder in mein Zimmer gehen. Im Zimmer befand sich ein Fernseher. In der Nacht schlich ich mich zum Kühlschrank des Altersheims und entnahm einen Liter Milch und eine Packung Kellogg’s. Dann guckte ich einen Film für Erwachsene.

Nur einmal wurde ich in der Nacht gestört. Roberto, ein anderer Pflegefachfrau-/mann, hämmerte wild an meine Tür. Ich guckte gerade einen «Schulmädchenreport» auf Sat 1 und nervte mich kolossal. Aber Roberto schrie wie blöd: «Frau Bollag liegen im Sterben. Rabbi, du kommen!»

Ich riss die Tür auf. «Ich bin kein Rabbi! Ich gucken wichtigen Film!» Aber Roberto drängte darauf, dass ich eine jüdische Totenwache halten soll. Ich weiss bis heute nicht, wie das geht. Aber der Roberto zerrte mich in das Zimmer von Frau Bollag. Da lag sie. Überall Röhren und Maschinen. Frau Bollag röchelte und guckte mit aufgerissenem Mund Richtung Decke.

Ich setzte mich neben sie hin und überlegte: Was würde jetzt ein Rabbiner machen? Ich hielt ihre zerbrechliche Hand und summte Schuberts «Ave Maria». Ich summte so berührend, dass ich selber weinen musste. Am Schluss guckte ich, ob Frau Bollag jetzt tot ist. Aber das konnte ich nicht entscheiden, ich war ja noch kein richtiger Pflegefachfrau-/mann. Aber ständig kam Roberto rein und raus und wollte wissen: «Rabbi, isse tot?»

Nein, Frau Bollag starb in dieser Nacht nicht. Ich blieb die ganze Zeit bei ihr, bis am Morgen dann ein richtiger Rabbiner kam.

20 Kommentare zu «Ich bin der perfekte Pflegefachfrau-/mann»

  • Remo Stalder sagt:

    Also ich finde der Beni hat das hervorragend gemacht mit der Begleitung, auch wenn es dann doch nicht geklappt hat mit dem Sterben. Aber das war ja nicht seine Schuld. Im Übrigen: danke einmal mehr für einen rabenschwarzen, witzigen Text! Weiter so, lass dich von den biederen Bünzlis nicht beirrren, wir brauchen dich , Beni!

  • Ziehlmann Sarah sagt:

    @ Maiko Laugun
    Egal ob der Text provokativ und brillant geschrieben ist………sehe den Sinn nicht, dass man so ein Thema wählt zum Provozieren.

  • S. Müller sagt:

    ui ui, normalerweise lese ich gerne Ihre Kolumnen, aber diesen finde ich ein bisschen arg geschmacklos.

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    gott. welch ereiferung, hier wieder. lustigerweise hauptsächlich von den damen. wieso soll der tod stigmatisiert werden. ist doch heuchlerisch. in den meisten fällen. kaum ist man unter der erde gehen die erbschaftsstreitigkeiten los. DAS ist pietätlos. aber usanz. herr frenkel schilder die unprätentiösen fakten.

    • Ziehlmann Sarah sagt:

      @Philipp
      Wie kommen Sie darauf dass der Tod stigmatisiert wird? Sicher nicht von den Pflegefachpersonen die täglich mit dem Sterben konfrontiert werden. Hr.Frenkel zieht mit seinem Text die Sterbebegleitung in’s Lächerliche und findet es witzig zu beschreiben, wie Pflegefachpersonen angeblich mit einer terminale Situation umgehen. Irgend wo hört der Spass auf!

  • Meisti sagt:

    Also Laugun, dann lassen Sie uns doch an dieser brillianz teihaben, denn ich muss zugeben ich bin zuwenig intelligent diese zu erkennen (ersichtlich an meiner Gramitk und Rechtschreibung). Evtl. Ueberzeichnung oder Satire? Oder Missstände aufzeigen?
    Ich erfeue mich sonst auch an gut geschriebenen Texten, die ich nicht auf anhieb oder erst durch erklärung verstehe, auch denn wenn ich anderer Meinung bin.
    Nochmals die ernst gemeinte bitte, lassen sie mich verstehen.

    • Maiko Laugun sagt:

      @Meisti: „..ich bin zuwenig intelligent diese zu erkennen (ersichtlich an meiner Gramitk und Rechtschreibung)…“

      Ihr Kommentar impliziert bereits, dass Sie nicht dumm sind, im Kehrsatz also intelligent.

      Dies sollte als Antwort genügen. Falls nicht, dann habe ich mich geirrt – und Sie sind wirklich nicht intelligent.

  • BB sagt:

    peinlich, abwertend und wirklich geschmackslos. Vielleicht sollte man mal eine Aussensicht von dem was hier gemacht wird schreiben? Ist wohl auch nicht das was ein Journalist macht … eigentlich, oder?

  • L.iliane sagt:

    Seit 35 Jahren arbeite ich als Pflegefrau in verschiedenen Bereichen, der Autor hat wohl überhaupt keine Ahnung, was dieser Beruf beinhaltet. Klar meint er es witzig, eine terminale Situation auf diese Weise zu beschreiben finde ich eher geschmacklos. Vielleicht sollte er sich anderen Themen widmen wo er mehr darüber weiss. Die Betreuung von sterbenden Menschen ist eine anspruchsvolle aber sehr schöne Aufgabe.

  • Marion Schmid sagt:

    Der Artikel beweist eindeutig, dass Herr Frenkel für den Beruf des Pflegefachmannes denkbar ungeeignet wäre – und leider ist er dies ebenso sehr als Kolumnist.

    • Ralf Schrader sagt:

      Der Text will illustrieren, dass man einen Arbeitslosen oder Sozialhilfeempfänger nicht einfach so als Pfleger umschulen kann. Auch nicht wenn er körperlich und geistig fit ist. Pflege ist kein Brotberuf. Wer arbeitet, nur um damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen, ist in allen sozialen, medizinischen und pflegerischen Berufen falsch. Das moralische Grundgerüst dafür lernt man als Kind, oder nie. Im Erwachsenenalter ist es dafür zu spät.

      Ironieresistenz scheint unheilbar zu sein und die Eigenart, Texte wörtlich zu lesen ist leider wieder in Mode gekommen.

  • xy sagt:

    Dieser Artikel hat mir einen Stich ins Herz versetzt. Ich meine, der Teil mit „Pflegefachmann sein ist ja so leicht“ könnte ja noch ironisch gemeint sein. Nach langem Suchen und Überlegen. Aber das Sterben bzw. Nicht-Sterben dieser Frau so zu beschreiben macht mich echt nur traurig. Verstehe nicht ganz, was das sollte…

    • Gabriel sagt:

      „…könnte ja noch ironisch gemeint sein. Nach langem Suchen und Überlegen.“ Nein, liebe(r) xy, der ganze Text ist vollgepumpt mit Ironie – wenn Sie tatsächlich das Offensichtliche nicht erkennen, haben Sie ein Verständnisproblem. Aber Ironie zu verstehen war noch nie jedermanns Sache.

  • Daniel Jenni sagt:

    Lieber Herr Frenkel,

    ich bin Arzt und habe in meinem Praktikum vor dem Medizinstudium 3 Menschen in den Tod begleitet, als Arzt weitere auf der Notfallstation/Intensivstation und Normalstation und schliesslich auch meine beiden Eltern Zu Hause und in der Palliativ Care. In den meisten Fällen hatte ich Pflegekräfte an meiner Seite, welche mich begleitet und unterstützt haben und ich bin allen dankbar für die gemeinsame Zeit und Trauer. Bei vielen der Pflegekräfte spürte ich Anteilnahme und Menschlichkeit, was in Ihrem Artikel leider völlig unter geht. Danke an alle, welche trotz Überbelastung und Pressing an der Menschlichkeit festhalten

  • Cadruvi Claudia sagt:

    Ich bin entsetzt über den von Ihnen verfassten Beitrag, Herr Frenkel. Er ist überheblich , arrogant und herzlos. Er löst in mir Unmut und Unverständnis aus und ich hoffe dass sie dies in einem weiterführenden Beitrag überdenken. . Sie können wohl nicht unterscheiden zwischen Pflegenden die ihre Arbeit mit enormen Einsatz, Herz und Wissen tagtäglich ausführen und solchen die diesen Beruf wählen, vorallem des hohen Lehrlohns wegen. Mir fehlen die Worte und ich hoffe , ihre Pflege nie in Anspruch nehmen zu müssen.

  • Bruno Müller sagt:

    Ach Leute entspannt Euch. Ich fand den Beitrag echt witzig geschrieben! Und ich habe deswegen nicht weniger Respekt vor Pflegefachmenschen.

  • Jennifer Hughes sagt:

    … auf Missstände im Bereich der Fürsorge für andere Menschen hinzuweisen. Dass es diese gibt ist unbestritten und dennoch bin ich der Überzeugung dass jede/r Einzelne der diesen Beruf ergreift es grundsätzlich gut mit seinem Gegenüber meint. Was die Umstände und die persönlichen Fähigkeiten um mit den harschen Realitäten umzugehen anbelangt steht auf einem anderen Blatt.

    Würde mich freuen, wenn ich mit Ihnen einen Kaffee trinken gehen dürfte um die Hintergründe für diesen meines Erachtens solchermassen überheblich und abschätzig geschriebenen Text zu erfahren und gegebenfalls die Ehre meines Berufsstands zu verteidigen / meinen Standpunkt ausführlicher darzulegen.

    Merci fürs Lesen,
    Jennifer Hughes

  • Jennifer Hughes sagt:

    Sehr geehrter Herr Frenkel,
    ich bin mir nicht sicher, wie ich diesen Beitrag verstehen darf. Aber ich merke, dass er sehr grosse Widerstände in mir als Pflegefachfrau auslöst. Sofern der Beitrag Ironie enthalten sollte, ist mir diese abhanden gekommen im Angesicht des knochenharten Jobs den ich und meine Berufskollegen tagtäglich ausführen. Sollte er provozieren: Bitteschön, Ziel erreicht. Ich frage mich aber ob „den Angesprochenen die Galle hoch kommen lassen“ der richtige Weg ist um zu einem Umdenken oder einer Sensibilisierung für ein Thema anzuregen.

    Ich empfinde Ihren Blogbeitrag sehr überheblich formuliert. Einmal Rundumschlag gegen einen ganzen Berufsstand, null Respekt vor sterbenden Personen und ihrer eigenen Geschichte und Tradition – es gibt absolut andere Wege um…

    • Ziehlmann Sarah sagt:

      Absolut zynischer, respektloser Beitrag. Herr Frenkel, Sie haben ja keine Ahnung, was Pflegende in ihrem Berufsalltag alles verrichten. Doch in vielen Köpfen herrscht eine ähnliche Vorstellung, was die Hauptaufgaben von ausgebildeten Pflegefachpersonen sind. Sobald Sie selber mal Patient sind oder Sterbebegleitung benötigen wird sich Ihr Bild von einer Pflegefachfrau bestimmt verändern……….spätestens dann werden Sie sehen u. spüren Herr Frenkel, was in diesem Beruf wichtig ist.
      Es wäre wohl besser für die Bevölkerung, Sie nicht in diesem Beruf anzutreffen. Suchen Sie sich doch einen anderen Job!

      • Maiko Laugun sagt:

        @Ziehlmann Sarah: „Sie haben ja keine Ahnung, …“

        Herr Frenkel provoziert, nichts anderes. Merken Sie das nicht?

        Der Artikel ist brillant geschrieben, allerdings nur dann, wenn man ihn auch richtig versteht.

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