Als Weichei ausgemustert!

Ausgemustert und verstossen - unser Autor durfte kein Militär machen und leidet deswegen noch heute an fehlender Männlichkeit und Minderwertigkeitsgefühl.
Ich durfte mich nie gemeinsam mit Gschpänli verkleiden und schminken!

Ich durfte mich nie gemeinsam mit Gschpänli verkleiden und schminken!

Ich bin ein Weichei. Ich durfte damals nicht ins Militär, sondern wurde bei der Aushebung erst zurückgestellt und dann ausgemustert. AUSGEMUSTERT!  Wie ein Stück beschädigtes Material!

Letzte Woche monierte der SVP-Richard-Gere, Supersoldat Amstutz, dass viele «linke Weicheier» sich vor dem Militärdienst gedrückt hätten und darüber dann auch noch «Heldengeschichten» erzählten.

Das ist nicht fair! Auch wir Linken, bzw. Linksautonomen, wollten damals Militär machen! Bei meiner Aushebung zeigte ich alle Begeisterung fürs Militär, die in mir brannte. Ich wollte für eine bessere Welt kämpfen!

«Geben Sie mir ein Gewehr!», waren meine ersten Worte an den Aushebungsoffizier. Er ignorierte meinen Wunsch nach Wehrkraft und schickte mich zum Sport. Während der ganzen Aushebung insistierte ich, ich wolle nun endlich meine Waffe und meinen Wert als Schweizer Wehrmann beweisen. Um zu zeigen, dass auch Linke für eine bessere Welt kämpfen würden, trug ich stolz mein rotes T-Shirt mit dem schwarzen Stern.

Ich bekam kein Gewehr, weder an diesem Tag noch später. Ich wurde nach der psychologischen Evaluation zurückgestellt. Zur zweiten Aushebung musste ich nicht mal mehr vorstellig werden. Ich wurde wegen Schwerhörigkeit ausgemustert. Nur, ich höre noch heute bestens.

Fakt ist: Die wollten mich nicht. Und damit verdammten sie mich zu einem Leben in Diskriminierung und Minderwertigkeit. Ein Teil meiner Männlichkeit wurde mir genommen.

Bei jedem geselligen Zusammenseins, zu dem sich ein paar Männer einfanden, wurden spätestens nach dem achten Bier die Militärgeschichten ausgepackt und auf den Tisch gelegt. Heldentaten, die malerisch von Besäufnissen und Beinahe-Unfällen mit den Waffen erzählten. Von Kugeln, die sich lösten, von Sprengstoff, den man essen musste. Von Vorgesetzten, deren Autorität man unterwanderte, von Gras und Kokain, das alles in den Schatten stellte, was man nach der RS jemals wieder auf der Gasse fand. Von erniedrigenden, aber verbrüdernden Initiationsritualen, die Schwächeren oder Schwulen ihren Platz in der Hackordnung zeigten.

Und auf jede erzählte Geschichte kam eine noch krassere, die die vorherige zu übertrumpfen hatte. Männer und Militärgeschichten sind ein Weitbrünzelwettbewerb – und ich konnte nicht mitseichen! Ich musste mich mit den anwesenden Frauen auf die Bewunderung der Helden beschränken.

Und Helden waren das! Wenn man so viele Geschichten über besoffene Männer und scharfe Waffen, über Mutspiele mit Handgranaten und über Autofahrten mit Restalkohol und im Grasnebel hört, ist man froh um jeden unserer Helden, der es lebend wieder nach Hause schafft.

Sie sehen, ich durfte nicht dabei sein, ich bin ein Ausgestossener. Aber jeder, der damals eingerückt ist, hat meine ewige Bewunderung, dass er so viel ritualisierten Leerlauf, so viel Männerschweiss, so viel homoerotische Verbrüderung überstanden hat, ohne Schaden zu nehmen.

Ich würde übrigens gerne Gere-Amstutzs Heldengeschichten hören. Ich würde ihn dafür auch anhimmeln, ich schwör!