Der Klassentreffen-Wahnsinn

Irres Kopfkino spult sich im Hirn unseres Autors ab, nachdem er eine Einladung zum Primarschul-Klassentreffen erhielt. Helfen Sie ihm bei seiner Entscheidung!
Genau so, einfach noch viel geiler.

Genau so, einfach noch viel geiler.

Zurück ins Klassenzimmer, auf den Pausenplatz, zurück ins Lehrerzimmer, eine Zeitreise zurück an all die Feten, an denen ich so kläglich abseits stand? Zurück an Orte, die mein Unterbewusstsein mit Tortur und Leiden in Verbindung bringt?

Da war sie nun, die verfluchte Einladung für das Klassentreffen der vierten Klasse, damals im Schulhaus XXXX. Randvoll mit Erinnerungen hockte sie fett in meinem Mailpostfach. So eine Einladung setzt gleich den ganzen Wahnsinn, zu dem mein Hirn fähig ist, frei. Ohne zu fragen legt das Kopfkino mit Szenarien los.

Natürlich soll das Ganze in einem mit Spannteppich ausgelegten Keller stattfinden, wie all die hausgemachten Parties, an denen ich gedemütigt wurde. Und dann Auftritt: Me. Ich. Moi.

Ich stelle mir vor, wie ich lässig in den Raum schlendere, alle Spotlights auf mich und meinen teuren, aber légèren Anzug, der in alle Richtungen «ERFOLG» schreit, gerichtet. Mein Kopfnicken im Beat des inneren Soundtracks (der mein geiles Leben unhörbar immer begleitet) in alle Richtungen und an niemanden speziell. Ein Augenzwinkern da, eine coole Geste dort. Tscha.

Ich sehe mich beim Smalltalk in der Mitte einer Gruppe von Bewunderern, die mich zum weltbekannten Stadtblog und meinem glamourösen Leben befragen, während ein Lichtstrahl der Discokugel in meinem nicht vorhandenen Goldzahn blinkt und ich ein imaginäres Stäubchen vom Kragen wische.

Danach tanze ich wie Travolta in Saturday Night Fever mit all den Girls, die mich damals in der Ecke stehen liessen und streiche mir dabei mit der freien Hand die vollen Locken aus der Stirn. Mein Hüftschwung ist heisser als die Wärmplatte für den Kaffee am Buffet.

Später höre ich mir verständnisvoll die betrunkenen Lebensgeschichten meiner ehemaligen Nicht-Kumpels an, um ihnen dann kumpelhaft auf die Schulter zu klopfen und Nichtigkeiten wie «Kopf hoch, dem Tüchtigen winkt das Glück» fallen zu lassen, während ich hinter ihren vor Gram gebückten Rücken ihren Frauen zuzwinkere. Discokugel-Goldzahn-Blinken.

Ich flirte aber nur kurz, um gleich darauf mit meiner Frau anzugeben, die gerade mit ihrem Team von Spitzenwissenschaftlern irgendwo im Dschungel die letzten Rätsel des Planeten löst.

Natürlich verlasse ich das Treffen früher, weil da sind noch wichtige Parties und ich muss noch schnell die Welt retten. Ich werfe noch ein «Ruft mich nicht an, ich rufe euch an!» in die Runde, bevor ich zur Tür schreite.

Und alle stehen draussen und winken mir nach, während ich wichtig in die Nacht entschwinde.

Ihr seht, ich trage noch ein schweres Trauma aus der Schulzeit mit mir herum.

Ich wurde nicht direkt gemobbt, aber ich war auch nie Teil der Klasse. Ich war damals ein Aussenseiter. Das hatte zum Teil mit meinem Namen zu tun, zum Teil damit, dass meine Mutter eine geschiedene Alleinerziehende in den 70ern in der Agglo war. Oder damit, dass wir uns keine Markenklamotten leisten konnten. Oder damit, dass ich lieber Bücher las als Fussball spielte. Oder damit, dass ich zu allem bereits eine Meinung hatte, vor allem den Lehrern gegenüber.

Soll ich also nun morgen hingehen und mich dem Trauma stellen, nur um herauszufinden, dass die Leute gar nicht so schlimm sind, wie sie in meiner Erinnerung erscheinen? Oder soll ich wegbleiben und meinem Trauma meine eigene Fantasie entgegenstellen, so dass sie zwei Arten von Wahnsinn die Waage halten?

Hingehen oder nicht? Was meint ihr?

 

20 Kommentare zu «Der Klassentreffen-Wahnsinn»

  • Balint Keszthelyi sagt:

    *lach*
    Bin jetzt aber nicht wirklich überrascht, dass Dich die Leute schon damals nicht mochten. Dein Name dürfte dabei das kleinste Problem gewesen sein. Dein Äusseres und kauziges Wesen waren da wahrscheinlich schon von grösserer Bedeutung.

    Als ich aus Ungarn zurückgekommen war, hatte ich grosse Probleme, mich wieder zu integrieren und war in der Klasse alles andere als beliebt. Manche freuen sich trotzdem, wenn wir uns heute auf der Strasse treffen, andere grüssen nicht einmal mehr. Die Leute aus Ungarn treffe ich bis heute gerne und möchte schon lange eine Klassenzusammenkunft besuchen.

  • Estrella sagt:

    Tun Sie sich das nicht an, bleiben Sie fern. Oder interessiert Sie wirklich, was aus Ihren alten Kollegen geworden ist? Wenn Sie Ihren Namen nicht gewechselt haben, ist bekannt, dass Sie Ihren Weg gemacht haben. Hut ab.

  • Tabea sagt:

    Unbedingt hingehen, staunen, wie wenig sich doch alle verändert haben und uns Leser/innen danach davon berichten!

  • axel do sagt:

    einen damals eher unbeliebten, zwanghaft kritischen schreiberling und blogger zum klassentreffen einladen? das müssen dann tatsächlich nicht die grössten leuchten gewesen sein. auf jeden fall hingehn.

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    fürs hingehen spricht:
    – neugier,
    – alkohol,
    – schadenfreude.
    fürs nicht-hingehen spricht:
    – traumverlust und altersfrust,
    – der erfolg der andern,
    – die erkenntnis der realität,
    – der kater danach.

  • geezer sagt:

    ich ging einmal ans klassentreffen; nur wenige jahre, nachdem wir die oberstufe hinter uns gebracht hatten. es war ernüchternd: plötzlich sehr viele stieri bünzlis……obwohl wir damals eigentlich eine lustige und freche klasse hatten……

    • Kunimu sagt:

      Unbedingt hingehen, im sinne einer expisition nd klarstellen der berechtigung deiner damaligen eindrücke: all die leute nd lehrer waren wirklich genauso doof wie sie dir erschienen sind!
      Aber nur zum essen bleiben nd um 8 musst du unbedingt weiter zu einer andern party. Dann ab nach hause nd dich freuen, dass diese zeit eeeendlich vorüber ist!

  • Dani sagt:

    Unbedingt hingehen. Ich war 30 Jahre später beim Klassentreffen der Primarschule (1. 3. Klasse). Superlusstig.

  • Frank Feller sagt:

    Geh hin. Unbedingt. Du wirst das hässliche Entchen sehen, das zum Schwan geworden ist, der Klassenking ist Filialleiter im Volg von Egerkingen, das heisseste Girl ist geschieden, hat keinen Mann, dafür vier Kinder. Der Doofkopf ist immer noch ein Doofkopf und der Klassenclown hat sich umgebracht. Du wirst dich gut mit Leuten unterhalten, mit denen du nie ein Wort gesprochen hast und dein bester Kumpel entpuppt sich als Idiot – aber das hast du ja schon damals gewusst. Die Musterschülerin ist Psychiaterin geworden und der Klassenprimus Klavierbauer. Und so weiter. Und wenn es dir trotzdem zu blöd ist, gehst du einfach nach Hause, setzt dich vor den Computer und erzählst uns, wie’s gewesen ist. Wir warten.

  • stella3 sagt:

    Ich bin schon gar nicht eingeladen worden, soviel dazu, nicht zuzugehören…. ich geh nur an Klasse treffen, bei denen ich gerne im der Klasse war. wonst sind das einen Haufen fremder Menschen, die kann ich bei Friendscout auch kennenlernen.

  • Feldmaus sagt:

    Das klassentreffen fand schon statt, in deinem kopf, facebook und nun hier im stadtblog. Du musst niemandem nichts beweisen reda, thats the point. Sei gluecklich ueber wie toll dein leben heute ist. Fuer die meisten STARS von frueher( schulklasse) stehts heute beschiessen. Das scheint mir die tatsache.

  • Christoph Meyer sagt:

    Alles halb so wild. Wir, alle 45/46 hatten unser erstes Klassentreffen aus der Primarschule (1. bis 6.) gerade am Samstag. Ich war damals auch ein Aussenseiter. So what – Die einen Menschen verändern sich, die anderen nicht – wer hingeht, nur um zu vergleichen, Thema Neid oder was auch immer – der soll es lassen, dem bringt das nichts oder nicht viel. Natürlich war die Vergangenheit ein Thema – aber genauso wichtig, war es zu sehen, wie sich die Menschen entwickelt zu haben. Offen sein für die anderen Menschen! Und ja, wir haben viel gelacht, viel ausgetauscht – und beschlossen, schon bald ein weiteres Treffen, möglichst mit mehr TeilnehmerInnen durchzuführen. Diejenigen, welche nicht dabei waren, haben definitiv etwas verpasst.

  • Andy sagt:

    Geh nicht hin.

    Das damals von allen Jungs bewunderte Mädchen wird nicht mehr „DAS“ Highlight sein, somit würde nur ganz viel „Kopfkino“ zerstört:-)

  • Astrid Hasler sagt:

    Geh hin, damit wir das Ende dieses Albtraums miterleben können! Wundere dich jedoch nicht, wie alt alle – ausser dir – geworden sind…..

Kommentar

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