«Ich bi de Ernscht …»

Zitternd vom Entzug begegnete unser Autor dem Pfarrer Ernst Sieber zum ersten Mal. Ein persönlicher Nachruf.
Ein Menschenfreund mit Furror.

Ein Menschenfreund mit Furor.

Das erste Mal, als ich Pfarrer Ernst Sieber begegnete, war ich in keiner guten Verfassung. Zitternd und geschwächt vom Entzug sass ich im Aufenthaltsraum im Sune-Egge an der Konradstrasse. «Ich bi de Ernscht. Bruuchsch irgendöppis? Magsch nachher an Gottesdienscht cho? Isch für alli», sprach mich dieser Pfarrer an. Seine Stimme war schon immer grösser als seine physische Präsenz.

Natürlich musste ich mich erst mal aus Trotz als Atheist zu erkennen geben. «Ich glaub nöd a Gott», beantwortete ich seine Frage nach dem Gottesdienst. Er lachte. «Das macht nüt. Gott glaubt trotzdem a dich.» Pfarrer Sieber musste nie missionieren, er nahm alle an und überliess den Rest seinem Jesus.

Unerschütterlich war er in seinem Glauben an die Liebe Gottes. Doch sein Glaube an diese Liebe erschöpfte sich nicht in Theorie. In seinen Augen manifestierte sich die Liebe seines Gottes in der Liebe, die Menschen sich gegenseitig im Alltag gewährten – in Mitgefühl, Veständnis, Geduld und Fürsorge. In seinen Augen war der Mensch das Gefäss für diese Liebe. Nicht nur, um sie aufzunehmen, sondern um sie für andere aufzubewahren und weiterzugeben. Und da traf sich wohl mein humanistisches Weltbild mit seinem Gott.

Wenn man jetzt die Nachrufe liest, könnte man den Eindruck gewinnen, Pfarrer Sieber sei ein sanfter, etwas frömmlerischer Menschenfreund gewesen. Ein lieber Kerl, den alle mochten.

Das war er nicht. Menschenfreund wohl, aber nicht sanft. Sieber war ein Kämpfer. Und soviel Liebe er für die Schwachen hatte, so viel Furor konnte er den Ungerechten, den Asozialen, den Gierigen, den Mächtigen entgegenbringen. Der Ernscht war ein Kämpfer. Leute, die mit ihm aneinander gerieten, hatten einen schweren Stand. In erster Linie, weil Pfarrer Sieber sich nicht auf faule Kompromisse einliess. Er war nur seinem Gott und seinem Gewissen Rechenschaft schuldig. Und er war in den allermeisten Situationen moralisch im Recht. Aber er forderte von seinen Mitarbeitern den gleichen Einsatz, den er sich selbst abverlangte. Es gab in seiner Welt keine halben Sachen. Er war integer bis ins Mark, aber er wollte diese kompromisslose Hingabe auch von seinem Team. Nicht alle konnten oder wollten diesem absoluten Anspruch genügen.

Zwanzig Jahre später traf ich Pfarrer Sieber wieder, diesmal in meiner Funktion als Journalist. Seine Stiftungen hatten gerade finanzielle und rechtliche Schwierigkeiten, und er wirkte etwas müde. Er mochte keine Fragen über Organisation und Administration. Das war nicht seine Welt. Er wollte den Menschen helfen, sie nicht verwalten. Er brannte schon mit neuen Ideen und die Schlammschlacht um die rechtliche und buchhalterische Organisation seines Menschenretter-Imperiums bereitete ihm Unbehagen.

Das letzte Mal, als ich ihm begegnete, war er wieder in seinem Element. Er kümmerte sich im Pfuusbus um Obdachlose, organisierte zusätzliche Schlafsäcke, wies eine Helferin an, noch Suppe zu bringen. Er wollte keine theoretischen Fragen von diesem Journalisten hören. Er wollte die Geschichten der Menschen erzählen, um die er sich kümmerte. Er war wieder an der Front, wo er hingehörte.

Das Vermächtnis von Pfarrer Sieber sind nicht seine Institutionen. Es sind auch nicht seine öffentlichkeitswirksamen Medienauftritte oder seine wortgewaltigen Predigten.

Das Vermächtnis von Ernst Sieber sind Menschen wie ich, die dank seinem Werk ihre dunkelsten Stunden überlebten. Menschen, die er in Gefässe für Mitgefühl und Liebe verwandelte, mit oder ohne Gott. Menschen, denen er vorlebte, dass man kompromisslos zu seinen Werten stehen konnte. Menschen, denen er seinen Glauben weitergab. Nicht unbedingt seinen Glauben an Gott, aber ganz bestimmt den Glauben an das Gute im Menschen.

In diesem Sinne: Danke, Ernscht. Danke, dass du mein Menschenbild geprägt hast, dass du Vorbild warst in deiner Unerschütterlichkeit, deiner Integrität und auch in deiner Kompromisslosigkeit für das Gute.

Tschüss, und hebs heiter!

43 Kommentare zu ««Ich bi de Ernscht …»»

  • Hans Minder sagt:

    Danke für den Artikel. Wiederum ist einer der Grossen von uns gegangen. Albert Schweitzer, Mutter Theresa, Cecil Williams (der Amerikanische Pfarrer Sieber) kommen mir spontan in den Sinn. Ist jemand in der Lage einen Atheisten zu nennen, der sich sein Leben lang mit solcher Kraft und Selbstlosigkeit ausschliesslich um Andere kümmerte?

    • Réda El Arbi sagt:

      Spontan kommt mir da Bruno Manser in den Sinn, der für seine Überzeugung gestorben ist. Dann gibts diverse Atheisten, die grossartiges leisten, aber nicht unbedingt Presse haben.

      In Kambodscha bin ich vielen Menschen begegnet, die ihr Leben den Armen gewidmet haben, ohne eine Aussicht auf ein nàchstes Leben.

      Was mich an vielen Christen so nervt, ist die Arroganz, die in ihrem Kommentar durchschimmert. Sieber hätte nie sowas gesagt.

      • Albert Muri sagt:

        Das stimmt. Er hatte zB in den Neunzigern mit den afghanischen Taliban zusammen ein Spital gebaut und wurde, als er dort war, von ihnen wie ein Heiliger verehrt – seine Konfession war ihnen völlig unwichtig. Zum Schluss schenkten sie ihm als Zeichen ihrer höchsten Achtung einen weissen Esel, den er aber, zu seinem grossen Bedauern, nicht ins Flugzeug mitnehmen konnte.
        Hoffentlich wird sein Dörfli auch entstehen, dann hätte er wirklich alles erreicht, was er sich gewünscht hat.

      • Hans Minder sagt:

        Es geht hier nicht um Arroganz. Es gibt viele Menschen, die bereit sind, sogar ihr Leben für die eigne Überzeugung niederzulegen: hier denke ich auch an Soldaten. Mein Kommentar bezog sich jedoch auf die endlose Kraft von Menschen, die ihr ganzes Leben für Andere hingeben, ungeachtet derer Überzeugung. Hätte Bruno Manser seine uneingeschränkte Hilfe auch einem Arsenisten oder einem baumfällenden Holz-Baron angeboten? Hätte er ein leben Lang diesen Menschen verzeihen können, wenn sie trotz seines selbstlosen Einsatzes rückfällig würden und erneut Waldbrände verusrachten oder Hektaren abholtzen? Atheisten mit derart selbstlosem Verhalten kommen mir keine in den Sinn.

        • Réda El Arbi sagt:

          Ich weiss nicht, welchen Sieber sie kennen. Ich kannte den Sieber, der den Gierigen und Asozialen mit Gottes Zorn und hartem Widerstand drohte. Der verzieh, wenn Reue da war. Wie gesagt, der Sieber war ein Kämpfer.

          Und was Manser oder andere angeht: Der Glaube an das Gute im Menschen ist wohl genauso stark wie irgendein religiöser Glaube. Und er bringt in meiner Erfahrung weniger Schaden, Heuchelei und Doppelmoral, als ich bei religiösen Menschen erfahren habe.

          Der Glaube an Gott kann dich zu einem besseren Menschen machen. Aber nicht grundsätzlich zu einem besseren Menschen als andere Menschen, die nicht an Gott glauben.

          • Hans Minder sagt:

            Ich kannte Pfarrer Sieber nicht persönlich, allerdings kenne ich Cecil Williams. Erstaunt bin ich über Ihre Aussage, dass Pfarrer Sieber den Gierigen und Asozialen mit Gottes Zorn drohte. Menschen wie Cecil drohen niemandem, da sie sich zu niedrig und unwissend betrachten, um Gottes Auffassungen auch nur ansatzweise interpretieren zu können. Allerdings sind auch solche Menschen nicht vor Frust/Wut/Resignation bewahrt, jedoch bezieht sich diese auf ihr eigenes Unvermögen. Ich kenne einfach keine kämpfenden Atheisten mit solch einer Bescheidenheit und unversiegenden Kraft, die jedem, helfen, sogar ihren „Feinden.“ Der Glaube ist mit Sicherheit kein Garant für „einen besseren Menschen.“ Im Gegenteil: er bedingt Umsetzung und endet oft im Scheitern, was dem Ungläubigen vorenthalten bleibt.

            • Réda El Arbi sagt:

              Das Sympathischste an Sieber war, dass er kein Heiliger war. Nur ein Mensch, der sich soweit menschenmöglich treu blieb.

              Und Atheisten stellen sich der grösseren Herausforderung: Sie tun das Beste, ohne auf Belohnung oder Beistand zu hoffen.

              Ein atheistischer Menschenfreund will das Richtige nur um das Richtige zu tun. Die Tat ist Anreiz und Belohnung. Pur, sich selbst genügend.

    • Hans Hasler sagt:

      Mutter Theresa mag ja als inbegriff der Selbstlosigkeit gelten. Dies ist aber Resultat schamloser PR und Selbstvermarktung. Mutter Theresa hat sich primär um sich selbt gekümmert und um ihren Ruf. Währendem sind massenhaft Kranke, die geheilt hätten werden können wegen mangelnder Hygiene und Betreuung qualvoll gestorben, da es der Frau primär wichtig war nur ja keine Schmerzmedikamente zu verabreichen (selber hat sie die dann aber doch genommen).
      Wenn es eine Hölle gäbe würde die Mutter Theresa darin schmoren!
      Atheisten habe einfach nicht die gleiche PR Lobby wie die Katholiken. Darum gelten sie nicht als „heilig“.

  • Thomas Maag sagt:

    … damals im Jahr 1973…irgendwann nacht s um 3 Uhr…..in desolatem Zustand…..
    eine Bleibe suchend…gewährte mir Pfarrer Ernscht Unterschlupf im Stall neben dem Pfarrhaus in Altstetten…im behaglichen Strohlager zwischen seinen Eseln fand ich den schnellen Schlaf ! nicht vergessen möchte an dieser Stelle Ernscht Siebers Konfirmanden Lager in Florenz…in den späten 60 er Jahren !
    Ein grossartiger hilfsbereiter Mensch hat seinen letzten Weg angetreten !
    Ruhe in Frieden Ernscht

  • elvira zuppinger-riva sagt:

    ernst sieber ist mir ein grosses vorbild- im umgang mit menschen und in seiner art, den glauben zu leben- und erst noch mit einem speziellen humor! er fehlt!

  • Charles Geiger sagt:

    Vielen Dank Réda für diesen mutigen Artikel.

  • Sigrid sagt:

    1983 machten wir mit Campus für Christus die Aktion „Neues Leben“ in der Schweiz, da lernte ich Pfr. Sieber persönlich kennen. Mich beeindruckte schon damals seine wahrhaftige, einfache Art. Ein starker Charakter und was er glaubte, hat er wirklich praktiziert!! Danke für den wunderbaren Nachruf! Mögen die Nachfolger sein Werk zu Gottes Ehre und in seinem Sinn fortsetzen! Heute morgen war er auch am See in Ascona Frühstücksgespräch…
    wir sind alle traurig aber freuen uns Dich droben wiederzusehen Ernst.

  • Felix Fischer sagt:

    Vielen Dank für diesen äussert trefflichen und berührenden Nachruf über einen grossen Menschen ! Möge das Werk von Ernst Sieber weitergeführt werden !

  • Zeugin Heinz sagt:

    Vielen herzlichen für den Nachruf Ernst Sieber er hat allen geholfen wo am Rande wohnen. Ob minus Temperaturen bei jedem Wetter. Ernst Sieber Ruhe in Frieden. Du bleibst mein Vorbild liebe Grüsse
    Zeugin Henz

  • Albert Muri sagt:

    Danke für diesen berührenden Nachruf! Er hat jedem, der das Glück der Begegnung mit ihm hatte, für immer vermitteln können, was Menschlichkeit real bedeutet: sich nicht wichtig nehmen und jeden, der Hilfe braucht, wie den eigenen Bruder behandeln. Mat 25,40 (was man dem Geringsten…) war seine Überzeugung und seine Mission, für die sein grosses, gütiges Kämpferherz bis zuletzt geschlagen hat. Er geht viel zu früh und hinterlässt eine grosse Lücke, die schmerzt und nie wieder geschlossen werden kann. Sein letztes grosses Vorhaben, das „Dörfli“ in oder neben Zürich, durfte er nicht mehr bauen-hoffentlich wird es trotzdem entstehen.
    Ruhe in Frieden lieber Ernst.

  • Heinrich Staub sagt:

    Heinrich Staub
    Ich lernte Pfarrer Sieber als jungen Geistlichen kennen. In Vordemwald AG.
    Als sehr an der Natur und dem Gärtnern interessiert. Er war ein toller Nachbar.
    Danke und uf wiedrluege.

  • Barbara Feuchter sagt:

    So ein schöner Nachruf! Danke vielmals!

  • Hanspeter sagt:

    Danke Reda

  • Ben B. Ware sagt:

    Am Letten lernte ich zwei Geistliche kennen; ein Benediktiner, oft vor Ort (und dessen Namen mir leider nicht mehr einfallen will) und Ernst Sieber. Der Benediktiner hatte etwas Unnahbares, gar Überhebliches, obschon er auf die Süchtigen zuging. Es wirkte gekünstelt, nicht aus intrinsischer Motivation. Schon nach jeweils wenigen Worten lenkte er das Gespräch zum Thema Gott und dass wir verlorenen Seelen vom Letten nur uns in Gott ergeben müssten, um Heilung zu finden. Als ich beim ersten Kontakt genau den gleichen Satz zu ihm sagte, wie Reda zu Ernst Sieber, nämlich dass ich nicht an Gott glauben würde, entgegnete er mit einer abschätzigen Überheblichkeit: „Ja, und Du siehst ja wohin Dich das gebracht hat!“ Bamm! Ernst Sieber missionierte nicht. Er half einfach. Er prägte auch mich. Danke

  • Doris Orsatti sagt:

    Schön, das in Zürich so ein grossartiger Mensch gelebt hat. Immer wieder war ich dankbar, dass er da war und allen die ihn brauchten ohne wenn und aber half. Leider ist es jetzt das letze Danke, dass man man hinterherrufen kann.
    Auch Danke dem Journalisten für seinen ehrlichen Nachruf. Doris

  • Heiner Gabele Sen. sagt:

    Ich bin gerührt, vielen Dank.

  • Thomas Münzel sagt:

    Was für berührende Worte! Einen schöneren Nachruf kann man nicht schreiben! Danke!

  • Jacqueline sagt:

    Danke Reda. Echt, mutig und betührend. Und DANKE, Ernscht. Hebs heiter, wie schön, dieser Wunsch.

  • Katharina Frei-Glarner sagt:

    Super! Bin berührt. Pfarrer Sieber war für mich in meiner beruflichen Entscheidung massgebend und motivierend. Schon als junge Frau ( Jrg. 54) hat er mich mit seiner Überzeugung beeinflusst. Er ist und bleibt mein Vorbild.

  • andy sagt:

    Ein edler Hirte hat uns im guten Gewissen für immer verlassen.

  • Bernhard Schlegel sagt:

    Sehr schön, dass de Ernscht mitgeholfen hat, dass wir heute so einen guten Journalisten haben wie Réda!

  • Tobias sagt:

    Herzlichen Dank für diesen Artikel!

  • Maiko Laugun sagt:

    Pfarrer Sieber war offensichtlich einer von ganz wenigen Vertretern der katholischen Kirche, welcher selbstlos die christliche Nächstenliebe umsetzte. Als Atheist hoffe ich, dass sein Geist weiterlebt.

    R. I. P.

  • Rolf Hürlimann sagt:

    Danke!

  • Irene feldman sagt:

    Reda, vielen dank fuer dein teilen der persoenlichen geschichte und wie sie ernst sieber so perfekt beschreibt.

  • Ante sagt:

    Danke für deine herrlichen Bericht Reda, in einer Welt die immer kälter und egoistischer wird, in einer Welt in der es immer mehr nur noch um Profit, Macht uns Ansehen geht, ist es sehr schön solch einen Bericht zu lesen.

  • Marcel Sauder sagt:

    Ganz tolle Artikel, Danke!

    RIP Ernscht!

  • Salome sagt:

    Auf das seine Einstellung in vielen Menschen weiterlebt!

  • Artikel sagt:

    Mein Respekt vor diesem Artikel, danke

  • Michael Dürst sagt:

    Berührend. Danke Reda für den schönen und authentischen Nachruf, ich glaube damit wirst du ihm gerecht. Und ja, ich glaube er häts „heiter“.

  • Gabrielle Dupras sagt:

    Danke !!!!!!

  • Markus Demarmels sagt:

    Super Artikel! Merci vielmals.

Kommentar

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