Ars gratia artis?

Im heutigen Beitrag dieser städtischen Gebrauchsanleitung gehts um Billy Idol, die Marx Brothers, einen Hafenkran und Löwen – primär aber gehts um einen beispiellosen Anachronismus.

Eine simple schwarze Tafel, ein paar Worte in eigenwilliger Schnüerlischrift, et voilà: fertig ist das unfassbar anachronistische «L’art pour l’art»-Werk, das am 10. Mai beim Zürcher Kunsthaus entdeckt wurde. Foto: Alain C. Kupper

Natürlich kennen Sie den brüllenden Löwen im Logo der Filmproduktionsfirma Metro-Goldwyn-Mayer, kurz MGM – den kennen schliesslich alle, die ihrer kulturellen Pflicht nachkommen und, Home Cinema und Netflix hin oder her, ab und zu ins richtige Lichtspieltheater schlurfen.

Aber haben Sie auch gewusst, dass dieser Löwe 1923 noch gar nicht brüllte? Nöö, da zog er bloss eine Schnute mit der Schnauze, ähnlich wie dies Billy Idol tat, wenn er «Dancing with Myself» sang (das ist ein Lied von 1982, dessen wahre Botschaft sich erst erschliesst, wenn man dazu den Kommentar von «Beavis & Butt-Head» gehört hat). Und 1924 schüttelte er schlicht seine Mähne. Das Gebrüll war erstmals anno 1928 zu vernehmen, doch schon zwei Lenze später wurde es durch eine Art Gegähne ersetzt. Von 1932 bis 1934 gings plötzlich in die entgegengesetzte Richtung, da machte die Raubkatze immer angsteinflössendere Fratzen, gab immer noch wildere Geräusche von sich . . . was dann 1935 ironisch gebrochen wurde, indem man Groucho, Chico und Harpo Marx den Löwen nachahmen liess (wobei Harpo dafür eine Hupe benutzte).

Ein prächtiges Panoptikum an Variationen, das noch jahrzehntelang gewitzt fortgesetzt wurde. Dennoch, das mag erstaunen, hat das brüllende Tier in diesem Beitrag nur die Nebenrolle inne. Im Fokus steht nämlich der «Rahmen», also die goldene Filmrolle, die den Löwenkopf umgibt – und auf der zu lesen ist: «Ars gratia artis».

In der bekannteren französischen Version heisst das «L’art pour l’art», in der verständlicheren deutschen Fassung «die Kunst um der Kunst willen». Was wiederum die Haltung zum Ausdruck bringt, dass Kunst sich selbst genügt und keinen Zweck erfüllen soll oder muss . . . vielleicht mal abgesehen davon, dass sie als (auch temporäres) Denkmal zum Nachdenken anregt.

In Zürich gabs in den letzten Jahren immer wieder verblüffende «L’art pour l’art»-Experimente und -Momente. Das monumentalste war sicherlich der arbeitslose Hafenkran am Limmatquai, das sportlichste die allabendliche Wiederholung des emotional explodierenden Exponats «93. Minute» in der Flachpass-Bar im alten Letzigrund nach dem 13. Mai 2006 . . . und das holzigste der Bau des japanischen Architekten Shigeru Ban unweit des Stauffachers, in dem solch zwecklose Texte wie dieser hier verfasst werden.

All das wird nun jedoch durch ein Werk abgrundtief in den Schatten gestellt, das der Zürcher Grafiker und Musiker Alain Kupper letzten Donnerstag beim Kunsthaus entdeckt und uns als Fotografie zugehalten hat. Es besteht aus einer schwarzen Tafel, auf der man liest: «Alter Wein und junge Weiber das sind die besten Zeitvertreiber» (richtig, da fehlt ein Komma!) Kuppers Anmerkung: «Das ist ja fast wie 1978, als Sid Vicious mit Hakenkreuz-Shirt durch London flanierte.»

Hat was. Und darum bitten wir den anonymen Autor dieses derzeit wohl weltweit beispiellosen Anachronismus, sich bei uns zu melden – wir würden ihn gerne porträtieren. Mässi.