Was ein Kind im Tram mit dem ESC zu tun hat

Das Geschwisterpaar Gfeller hat am diesjährigen Eurovision Song Contest die Schweiz vertreten. Ihr Song erinnert an Jan aus dem Tram.

Die Geschwister Gfeller vertraten als Zibbz die Schweiz im diesjährigen Halbfinal des Eurovision Song Contest in Lissabon. (AP Photo/Armando Franca)

Junge, wie doch die Zeit vergeht. Vor knapp zehn Tagen klebte ich am Fernseher, um der gefühlvollen Ballade der Geschwister Gfeller zu lauschen. Die beiden erfolgreichen Musiker traten unter dem eingängigen Künstlernamen Zibbz beim ersten Halbfinal des Eurovision Song Contest (ESC) 2018 auf. Mir hat das Lied enorm gut gefallen. Ich finde, die beiden haben unser Land würdig vertreten. Als die Sängerin eine Fackel anzündete, lief es mir kalt den Rücken runter.

Seit zehn Tagen summe ich schon die deutsche Google-Übersetzung des Liedes still vor mich hin: «Wilder Joker auf einem goldenen Thron. Blutdiamant, Sommerhaus. Falsche Leute mit dem Recht zu wissen. Aber ich kann nichts dagegen tun.»

Ich sitze im Tram und überlege mir, was uns die Sängerin und ihr Bruder, der Trommler, damit eigentlich sagen wollten. Was haben Blutdiamanten mit einem Sommerhaus zu tun? Warum befindet sich der wilde Joker auf einem Thron aus Gold? Ich beherrsche den «Faust» auswendig und fühle mich in der angewandten Mathematik zu Hause. Es kommt wirklich selten vor, dass ich einen Text nicht verstehe.

Bei der Station Morgental steigt eine junge Mutter ein, mit Söhnchen im Kinderwagen. Der Bub ist vielleicht zwei Jahre alt. Er hält es nicht lange im Wagen aus und klettert auf den Sitz direkt vor mir. Auch das langweilt ihn bald. Er stellt sich auf und guckt mich direkt an. Sein Mündchen ist offen. Es duftet nach Maiswaffeln und Banane. Vielleicht stammt der Geruch auch von seinen Windeln.

Eine Sekunde, zwei Sekunden. Dann brüllt mich der Junge an: «Mama, das Tram jetzt halten?» Ich fahre erschrocken zusammen. Die Mutter beugt sich zu ihm: «Jan, jetzt schrei den Mann nicht so an!» Jan wendet seinen Blick nicht von mir ab. Dann, noch lauter: «Mama, warum der Mann Bart haben?» Die Mutter versucht es noch einmal: «Jan, du sollst den Mann doch nicht anschreien!» Was macht man in solchen Situationen? Man lächelt. Man murmelt: «Kein Problem.» Man nickt dem Jungen zu: «Du hast aber ein schönes Matchbox-Auto!»

Das dumme Kind gibt aber immer noch keine Ruhe und brüllt Zetermordio: «Mama, warum der Mann Bart haben?» Ich überlege kurz: Waren meine Kinder früher eigentlich auch solche Dumpfbacken und Nervensägen?

Die Mami versucht, Jan abzulenken. Das gelingt ihr nur bedingt. Eine Tramstation weiter richtet sich der kleine Diktator wieder auf. Ich ahne schon, was kommt. Jan starrt mich an und brüllt aus allen Rohren: «Mama, das Tram jetzt halten?»

Ich fluche leise vor mich hin. Warum ist Jan jetzt nicht im Hort? Ich gucke mir den Zibbz-Text nochmals an: «Wilder Joker», das muss Jan sein, «auf einem goldenen Thron», also im Tram,

 «Sommerhaus», da wär ich jetzt gern. «Falsche Leute mit dem Recht zu wissen», keine Ahnung, «aber ich kann nichts dagegen tun», leider.

13 Kommentare zu «Was ein Kind im Tram mit dem ESC zu tun hat»

  • Rolf Hefti sagt:

    Wenn ein Kind nervt, warum nicht weggehen oder einfach die Mutter darüber informieren ? Herr lass Rückgrat schneien ! Z – Z – Z ?

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    🙂 es gibt sie wirklich, die „arschlochkinder!“ 🙂

  • Tomasz der Aufklärer sagt:

    Ich sag immer die Haare sind von Oben am Kopf nach Unten gerutscht. Das versteht jedes Kind.

  • Matthias D. sagt:

    „Mama, warum Lia Text nicht verstehen?“

  • Henri sagt:

    Es freut mich zu lesen, dass wenigstens Sie dieses Lied zu ein paar Gedanken – die jedoch nicht so recht verstehe – inspiriert hat. Die meisten Zuschauer des ESC fanden das Lied ja überhörenswert.

  • Philippe sagt:

    Herrlicher Text!

  • Lori sagt:

    Der unerträgliche Misanthrop, der den Faust auswendig kann, ist eine Kunstfigur. Sozusagen die journalistische Version eines Trolls. Ob der Autor selber auch solche Züge hat? Keine Ahnung, aber ich glaube es eher nicht…

  • Lia sagt:

    hört endlich auf, diesen unerträglichen Misanthropen zu promoten! Wer ein Kind dumm ist, nur weil es etwas fragt und etwas lauter ist, und auch sonst gegen alles poltert, was nicht in sein mehr als engstirniges Weltbild passt, dem sollte keine Bühne geboten werden.
    Gnadenlos mag er sein, aber witzig oder proaktiv ganz sicher nicht. Ich habe gehört, er sei Primarlehrer – die Kinder, welche von ihm verbal zur Schnecke gemacht werden/wurden, tun mir mehr als nur leid.

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