Ein Dörfler entdeckt Namibia in Zürich

In einem Artikel des «Engstringer Kuriers» schildert ein Autor, wie er mit dem Bus durch Zürich fährt. Weit kommt er in seiner Betrachtung nicht: sie dreht sich um «drei Farbige», die der Autor auch mal als «Extrem-Pigmentierte» bezeichnet.

Ein freier Autor des «Engstringer Kurier» ging mit dem 31er-Bus auf Reisen. Und schrieb befremdlich über sein Stadterlebnis.
(Bild: Thomas Egli)

Der Blick aus der Vorstadt in die grosse, weite Welt offenbart mitunter Befremdliches. Diese Geschichte beginnt mit einem Artikel im «Engstringer Kurier», dem allmonatlichen Mitteilungsorgan der beschaulichen Limmatufer-Gemeinde. Da beleuchtete ein freier Autor «Geschichten aus der Nachbarschaft» anhand seiner Beobachtungen aus der Grossstadt. Konkret: Er fuhr mit den Buslinien 46 und 31 durch Zürich. Seine Erfahrung als «weit gereister» Gemeindebürger erlaubte es ihm, von der Haltestelle Giblenstrasse einen «langen Faden nach Südwestafrika» zu ziehen. Dem gemeinen Agglomeranten sollten die Schilderungen damit auf einfachste Weise eine Einordnung der aktuellen Lage geben.

An der Giblenstrasse nämlich sah der selbst ernannte Reiseberichterstatter «drei Farbige» zusteigen. Gross und stark, in Jeans gekleidet, «und selbstverständlich in der rechten Hand das neuste Handy». Der Buschauffeur schien die «Extrem-Pigmentierten» beim Einsteigen zu negieren, beobachtete der Schreiber und notierte: «Die drei haben das nicht bemerkt, sonst hätten sie einen Anwalt der Flüchtlingshilfe genommen und den Busfahrer wegen Diskriminierung angeklagt.»

Giblenstrasse, sinnierte der Autor weiter, stamme von «Geissen» ab und mutmasste: «Die drei Farbigen haben in ihrer Heimat vielleicht auch Geissen gehütet.» Und man wisse ja, dass aus Afrika eine der grössten Völkerwanderungen stattfinde. «Ganze Stämme verlassen ihre schöne Heimat.» Dem Leser wurde nun ein Exkurs über Namibia zuteil, wo es «nur noch bergab geht», seit die Ovambos übernommen hätten. Selbst in Luxuslodges habe es heute mehr Kakerlaken als Gäste. «Diese Parasiten sind feiss wie die Ovambos, aber nicht so träge und tausendmal schneller als die neue Oberschicht.» Und wer weiss: «Es könnte ja sein, dass die drei aus dem Ovamboland stammen.»

Es ging noch weiter, bis dem Weitgereisten selber schwante, «ich kann jetzt nicht noch politischer werden». Das brauchte er auch nicht. Dieser dritte Teil war der letzte seiner «Geschichten aus der Nachbarschaft» im «Engstringer Kurier».

Ein kritischer «Kurier»-Leser schrieb dem «Tages-Anzeiger», es sei peinlich, «dass mehrheitlich tolerante und intelligente Einwohner von einer quasi offiziellen Vorstadtpostille mit fremdenfeindlichem Geschreibe desavouiert werden». Wohl auch andere Proteste zeigten Wirkung: Die Kolumne wurde jedenfalls nicht mehr abgedruckt.

Das geschah aber ganz dörflich still und leise. Die Geschichten seien dem «Engstringer Kurier» gratis angeboten worden, und «leider wurde der Inhalt zu wenig geprüft», schrieb der Gewerbeverein, der den Kurier herausgibt. Aber: «Vorstand und Redaktion haben sich klar von den rassistisch geprägten Inhalten distanziert.»

Allerdings haben die Engstringer davon nichts erfahren. In der nächsten Ausgabe hiess es nur: Man habe beschlossen, «Geschichten aus der Nachbarschaft» künftig «in anderer Form» zu publizieren. Und da könne jeder mitmachen. In der Agglo ist also – wie so oft – nichts passiert.

9 Kommentare zu «Ein Dörfler entdeckt Namibia in Zürich»

  • Fredy sagt:

    Weitgereist mit dem ZVV. Man sollte Geld sammeln und den Mann nach Namibia schicken, damit er wirklich mal was sieht von der Welt. Frei nach dem Motto: Mein SVP-Gratisblatt ist auch ein Flugzeug.

  • Zola Sanna sagt:

    @ Thomas Meiner und Elisabeth Müller

    Genau an euch läge es als weisse Schweizerbürger Initiative zu ergreifen und Anzeige zu erstatten statt nur sich darüber aufregen lieber handeln!!

    Es wird Zeit, dass wir in einer „neutralen“ Schweiz endlich gleich behandelt werden wie alle Anderen, schliesslich leisten wir ebenso unseren Beitrag zur Gesellschaft und dem Wohlergehen Aller indem wir zum Teil Arbeiten übernehmen, die ein gebürtiger Schweizer garnicht kann/will!! Siehe Pflegeberufe, Gastronomie, Baustellen und Abfallentsorgung!!!

    • Matthias sagt:

      @Sanna: Verstehe ich nicht. Warum benachrichtigen SIE nicht einfach die Staatsanwaltschaft, wenn Sie das für angebracht halten? Anzeige erstatten kann in der Schweiz jede(r), ganz egal welcher Hautfarbe oder Nationalität. Und in diesem Fall müssen Sie wohl noch nicht einmal Anzeige erstatten, da der Verstoss gegen das Antirassismus-Gesetz meines Wissens ein Offizialdelikt ist. Es reicht, wenn Sie die Behörden informieren. Bei Vorliegen von ernsthaften Verdachtsmonenten müssen diese dann selbstständig ermitteln und ggf. ein Strafverfahren eröffnen. Der Kläger ist in diesem Fall der Staat.

    • Margot sagt:

      Tatsächlich? Dann lügt das BfS bei der Statistik zur Sozialhilfequote.

  • Elisabeth Müller sagt:

    Dem „Weitgereisten“ möchte ich empfehlen, zukünftig doch die Giblenstrasse grossräumig zu umgehen. Solche „Auswärtigen“ brauchen wir hier nicht!
    Ja, es hat Schwarze hier im Quartier. So what? Vielleicht war einer dieser drei jungen Männer der mittlerweile gross geworden Bub, der früher immer sehr liebevoll und fürsorglich sein kleines Schwesterchen zur Schule begleitet hatte. Der jedes Mal freundlich und mit einem strahlenden Lächeln gegrüsst hat. Dies im Gegensatz zu vielen „weissen“ Kindern. Gerade auch bei „echten“ Schweizern lässt nämlich Freundlichkeit und Anstand oft zu wünschen übrig. Die werden dann wohl solche Erwachsenen wie der „Weitgereiste “ aus der Agglo…
    Woher wusste der Agglo überhaut, dass es das neueste Handy war? Hat er gar am Änd selbst so eins…?

  • thomas meiner sagt:

    Wirklich nichts passiert? Wirklich? Ich sehe ein klarer Verstoss gegen die Antirassismus-Norm.
    Offener Rassismus und alle schauen weg? Wieso macht niemand Anzeige? Liegt es vielleicht daran, dass es keine direkt betroffen Ovambos gibt in der Schweiz? Ich würde es sehr begrüssen, wenn die verantwortliche Redaktion und der Autor mindestens eine Busse bekämen. Die Antirassismus-Norm ist schliesslich genau wegen solchen Leuten entstanden.

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