Meine Helden des Zügelalltags

Zügeln ist grausam. Zum Glück gibt es jene, die einen in dieser Situation fürsorglich unterstützen.

Eine Hymne auf das Handwerk: Ohne diese Frauen und Männer wäre Zügeln noch schlimmer. Bild: Reto Oeschger

Seit zwei Wochen lebe ich in der Agglo. Und es gefällt mir in der Agglo. Sehr sogar. Allerdings möchte ich nicht vorschnell und unqualifiziert meine Spontan-Eindrücke schwarz auf weiss verewigen, bevor ich geklärt habe, ob meine Wahrnehmung unter dem Allem-Anfang-wohntein-Zauber-inne-Einfluss steht oder tatsächlich die Agglo-Wirklichkeit spiegelt. Deshalb wende ich mich einem Übergangsthema zu: Zügeln.

Es lässt sich in einen kurzen Satz packen: Zügeln ist grausam. Hinzu kommt: Zügeln ist zwar für die Betroffenen eine Plage, für alle anderen ist das Thema jedoch von beschränkter Faszination. Deshalb wird hier justiert, inhaltlich wie punkto Tonalität – es ist nun nämlich der Moment für eine Hymne gekommen, man sehe mir nach, dass ich mich ein paar Zeilen lang der Zurückhaltung entledige.

Es ist eine Hymne auf das Handwerk – auf das Schreiner-, Maler- oder Elektriker-Handwerk. Es ist eine Hymne auf das Baustellenpersonal, welches die Zügelei erst ermöglicht, indem es die neue Wohnung präpariert – Männer und Frauen, manche noch in der Lehre, andere mit der Erfahrung von Jahrzehnten, alle beseelt von einer Leidenschaft und einem Willen zur Gründlichkeit, die ihresgleichen sucht. Da wird mit geradezu chirurgischer Präzision gemalt, werden mit feinen Pinseln schadhaften Stellen im alten Haus geflickt, und am Ende, wenn das Werk vollbracht ist, steht der Maler davor, mustert seine Arbeit, bittet um temporäres Nicht-Berühren und erklärt fast entschuldigend: «Das liegt mir jetzt eben wirklich sehr am Herzen.»

Und dann – als zweite Strophe der Hymne: ein Hoch auf die Zügelmänner. Man stelle sich vor: ein Haus, dessen Sanierung noch nicht ganz vollendet ist, weshalb weiterhin Handwerker verschiedenster Gattung durch die Zimmer eilen. Ein altes Haus mit engem Treppenhaus und noch engerem Aufgang zum Estrich. Eine fünfköpfige Familie mit nicht wenig Umzugsgut. Und jetzt? Herr Ramos hilft.

Herr Ramos und seine Männer haben unter denkbar anspruchsvollen Bedingungen nicht eine Sekunde lang ihre fröhlich-freundliche Gelassenheit verloren. Sie haben nicht ein Glas, nicht einen Teller, nicht sonst etwas beschädigt. Sie sind nicht ein einziges Mal gegen eine Wand oder eine Tür gestossen, kein Schaden, nirgends. Und auf jeden Spezialwunsch dieselbe Antwort: «Kein Problem, machen wir» – selbst wenn der Spezialwunsch beinhaltete, dass ein Tisch, den man soeben ins Obergeschoss gewiesen hatte, der dort aber nicht wirklich gefiel, doch bitte in den Keller zu verfrachten sei.

Mag sein, dass einen die – dem Zügeln wesenhafte – Überforderung, gepaart mit der Dankbarkeit gegenüber jenen, die einen in dieser Situation fürsorglich unterstützten, etwas pathetisch macht. Aber vielleicht schadet ein bisschen Pathos auch gar nicht. Darum: Herr Ramos, seine Männer und überhaupt die ganze Handwerkertruppe – sie sind meine Helden.

3 Kommentare zu «Meine Helden des Zügelalltags»

  • Rainer Winkler sagt:

    Zügeln ist Männersache. Als 2meter Mann mit 120kg und 180kg Kniebeugen werde ich von jeder noch so entfernter Freundschaft zum Zügeln aufgeboten. Da darf man auch ruhig mal sagen, dass Frauen für gewisse Arbeiten einfach nicht zu gebrauchen sind. Viel Spass in der neuen Wohnung!

  • Meinrad Wiederkehr sagt:

    Dem kann ich nur zustimmen. Bin letztes Jahr gezügelt, von einer 4.5 Zimmer-Wohnung im 2. OG ohne Lift in ein Haus.

    Da kamen dann also pünktlich um 7 Uhr sechs Männer und ein LKW. Möbel auseinander gebaut, getragen, verstaut. Im Keller hatte ich noch ein kürzlich erstandenes Klavier, das im Haus im OG endlich zum Einsatz kommen sollte. „Das werden so 250-300 Kilo sein. Kein Problem.“ Tragegurten angelegt und das Klavier zu zweit (!) die Treppe hoch getragen.

    Um 12 Uhr war das letzte Möbel aufgestellt.

    Man denke an Männer wie diese, wenn wieder einmal das Rentenalter 60 für Bauberufe zur Diskussion steht!

    • Peter Bollhalder sagt:

      Naja die Frühpensionierung in welche man mit 60 Jahren sich verabschieden kann betrifft diese Zügelmänner nicht. Da sie nicht im Bauhauptgewerbe angestellt sind und dadurch auch nicht in den Genuss des FAR’s kommen.
      Des weiteren will ich gar nicht wissen was diese Zügelmänner für einen Lohn erhalten.

      Haben Sie werter Herr Wiederkehr nachgefragt?

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