Feiern ohne Puff

Schlägereien, Übergriffe, Drogen - das Image des Nachtlebens entspricht nicht der Realität. 99 Prozent der Anlässe sind unbemerkt friedlich.

Trotz über 5000 Feiernden für die Öffentlichkeit unhör- und unsichtbar: Outdoorparty am See.

Das Nachtleben ist laut und eine Welt in der Drogen und Alkohol konsumiert werden. Immer wieder mal vergessen Nachtlebende Sitte, Anstand und Kinderstube, nähern sich dem anderen Geschlecht auf ungebührliche Weise oder raufen sich mit dem eigenen.

Nicht eben der Humus, auf dem wohlwollende Berichterstattung wächst: „Nach Streit im Club kommt es draussen zur Schlägerei“, „Drogen, Lärm und Gewalt – Club nervt Anwohner“ und „Lärmklagen: So lärmgeplagt sind Club-Nachbarn wirklich“ sind nur ein paar der Schlagzeilen, die das Nightlife-Bild der Nichtclubberin und des Nichtclubbers in letzter Zeit gemalt haben.

Und dieses Bild legitimiert die Politik, die Nachtgastronomie als Störfaktor zu sehen, als etwas latent Wildwucherndes, das eingezäunt gehört. In einigen Kantonen wie Solothurn oder Aargau ist dieser Limitierung eine mit Stacheldraht bewehrte Betonmauer, in anderen, wie Zürich, meist ein freundlich gestrichener Lattenzaun.

Innerhalb dieser Zürcher Regelgrenzen hat am Samstag im Strandbad Mythenquai eine Party stattgefunden, an der 5‘500 Menschen teilgenommen haben. Der Anlass mit dem Namen „Ein Tag am See“ war eine Kooperation zwischen dem Partylabel Rakete und dem Langstrasse-Club Klaus. Türöffnung war um 14 Uhr.

Auf zwei Floors verteilt spielten DJs wie Playlove, Matija und Pazkal House und Techno, der Alkohol floss reichlich. Punkt 22 Uhr wurde der Sound abgedreht und die Feierlustigen strömten aus dem Strandbad. Keine Gewalt, keine Verletzten, keine Kastenwagen-Kolonne der Polizei und keine Vandalen-Horden, die ein über Tage sichtbares Schlachtfeld hinterlassen. Etwas Unrat da und quälende Katerbeschwerden dort, aber keine Katastrophen. Da haben einfach nur 5‘500 junge Leute einen Tag lang am See getanzt und sind nachher nach Hause oder in die Stadt-Clubs weiterfeiern gegangen.

Das ist langweilig, also gibt’s auch keine Schlagzeilen. Die nicht präsente Öffentlichkeit hat von alledem nichts mitgekriegt. Ausser vielleicht die Kreis 2-Bewohner in Bass-Hörweite, aber auch denen wurde die gesetzlich vorgeschriebene Nachtruhe pünktlich gewährt.

Es war eine Feier wie die allermeisten anderen auch: In Zürich existieren mehr als 600 Gastronomiebetriebe mit einer Nachtbewilligung, die allwöchentlich von hunderttausenden Menschen frequentiert werden. Daran gemessen ist die Zahl der schauderhaften Zwischenfälle geradezu lächerlich klein.

Da aber nur übers Nachtleben berichtet wird, wenn es wieder mal zu einem kommt, ist die Wahrnehmung der breiten Öffentlichkeit eine ganz andere. Dieses Zerrbild darf nicht die alleinige Entscheidungsgrundlage bei der Wahl zwischen Lattenzaun und Betonmauer sein. Politikerinnen und Politiker mit Einfluss in diesem Bereich sollten sich selbst ein Bild machen, um objektiv entscheiden zu können. Sie müssten bisweilen selbst durch die Clubs streunen. Tun sie aber nicht.

7 Kommentare zu «Feiern ohne Puff»

  • Christian Weber sagt:

    Und trotzdem hat klaus das gefühl er könne mich anfassen. No go

  • Richard Keller sagt:

    Mich stören diese kleinen Nebengeräusche wenig.
    Aber in einer so reichen Stadt wie Zürich, in der die wohl privilegierteste Jugend der Welt (bezüglich materiellem Wohlstand, zukünftigen Chancen, sich zu entfalten, etc.) besitzt, gesoffen wird, was das Zeug hält, sich zugedröhnt wird mit Drogen bis zum Exzess, stimmt mich traurig, Ohne die moralische Keule herauszuholen. Früher wurde ebenso gesoffen und Drogen genommen. Aber dort hat man noch für politische Ideale gekämpft, hat man noch Solidarität bekundet. Aber heute???

  • Thomas sagt:

    Den Artikel könnte man fast 1:1 für Fussballspiele / Fussballfans übernehmen.

  • Vinc sagt:

    Ja, das ist ja aber bei allem so. Oder nicht? Journalisten schreiben nun mal gerne über Unfälle, Katastrophen, Gewalt, Krieg, Elend. Und wir lesen es gerne. Unsere Welt ist aber nicht so schlecht wie es einem durch den Medienkonsum suggeriert wird. Auch wenn es nicht für alle eine gute Welt ist, wird es für immer mehr Menschen eine immer ein bisschen bessere Welt. Da der Mensch aber nicht perfekt ist, kann es auch nie eine perfekte Welt geben. Naja, hier bei uns kann einem im Normalfall in diesen Zeiten nur (meist unbegründete) Angst, Neid und fehlende Selbstverantwortung (z.B. die bösen Reichen sind an allem Schuld oder die bösen Ausländer sind an allem Schuld, dass es mir nicht so gut geht wie ich denke ich hätte es verdient) die Suppe versalzen.

  • tststs sagt:

    Wenn der Partygänger an den Laternenpfahl chötzlet, ist er ein Grüsel;
    wenn Rössli die Innenstadt vergaggen, ist es Brauchtum.

    Wenn die ERZ nach der Streepi 3h zusätzlich aufräumt, ist es die verwahrloste Jugend;
    wenn das Militär 3 Tage lang das Schwingerfest auf- und abräumt, ist es ein wichtiger Beitrag.

    Wenn 10xpro Wochenende an der Langstrasse eine Schlägerei stattfindet, dann ist es dort viel zu gefährlich;
    wenn 10xpro Woche im Kispi ein Fall von Kindesmisshandlung untersucht wird, dann ist das halt so…

  • Roman sagt:

    zum die Sau rauslassen, pöbeln, saufen und vandalieren geht man ja auch nach Zürich-West. Die ganzen Gentrifizierer sind ja selber schuld da zu wohnen…

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    feiern ohne puff geht – feiern im puff aber auch! 🙂

Kommentar

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