Der Kampf um Leimbach

Lügen oder die Wahrheit erzählen? Beni Frenkels kleine Geschichtslektion. Oder: Wie Wollishofen tapfer gegen Nazideutschland kämpfte.

Zuerst musste der Entlisberg überwunden werden: Beim Kampf um Leimbach verlor das Naziregime 14 Panzer, 103 Soldaten und 56 Pferde – sagt Beni Frenkel. (Bild: Keystone)

Auf dem Entlisberg habe ich viele Bunker entdeckt. Den Jungen hat das sehr beeindruckt. Ich habe ihm erzählt, wie Wollishofen tapfer gegen Nazideutschland kämpfte. Das war im Spätsommer 1943. Ist alles lückenlos dokumentiert. Zu viert haben sich damals die Soldaten in den engen Raum gezwängt. Und warteten, bis die Deutschen endlich kamen.

18. August, 14.34 Uhr: Ein gegnerisches Bataillon fuhr die Paradiesstrasse hoch. Mission: Leimbach plündern. Doch zuerst musste der Entlisberg überwunden werden. Im Wald war es mucksmäuschenstill. Bei der Lichtung vorne qualmte es. Unsere tapferen Soldaten hatten vorhin nämlich Würste gebraten. Der Nazipanzer hielt an. Etwas stimmte nicht. Schon in Zürich war die Stimmung seltsam gewesen. Die Stadt war menschenleer. Wo zum Teufel waren nur die Schweizer? Stabsfeldwebel Horst Lämmel stieg aus seinem Geschütz und näherte sich der Feuerstelle. Lämmel hörte den ersten Schuss. Er war für ihn bestimmt. Es traf ihn an der Schläfe. Die vier Schweizer Soldaten im Bunker (Hans Kirchner, Max Hodel, Ernst Lerchner und Jörg Pfister) schossen nun wie wild aus ihren Scharten. Der erste Nazipanzer ging in Flammen auf, der zweite drehte um. Aber er kam nicht weit. Denn nun schoss es auch aus dem anderen Bunker, der ebenfalls gut getarnt war. Bei dieser Schlacht verlor das Naziregime 14 Panzer, 103 Soldaten und 56 Pferde.

Mein Sohn blickt mich mit grossen Augen an. «Und wo warst du genau, Papi?» Ich überlegte kurz. Soll ich wie immer lügen oder die Wahrheit erzählen? Ich zeigte ihm den zweiten Bunker: «Ich stand damals gleich hinter diesem Schiessloch und mähte mit dem Maschinengewehr die Nazis nieder. Neben mir zitterte Alois Gümpel, Territorialdivisionärskorporal Stufe 7. Er hielt den Munitionsgurt und betete. Gümpel fiel später wenig heldenhaft im Kampf um Leimbach. In seiner Hand hielt er noch ein Bild von unserm General Henri Guisan. Mögen ihre Seelen in Frieden ruhen. Also, die von Guisan und Gümpel. Amen.»

Der Junge blickt zu mir hoch. Er verehrt seinen Vater. Mir kommen die Tränen hoch. Endlich erfahre ich wieder etwas Anerkennung. Jeden Tag kriege ich nämlich schön verfasste Absageschreiben. Die Unternehmen bedanken sich herzlich für das «Interesse an einer Mitarbeit». Sie freuen sich jedes Mal über mein Vertrauen und wünschen mir weiterhin alles Gute. Mit freundlichen Grüssen.

Ich muss dann immer Alkoholisches trinken. Und zwar etwas Feines: Ich mixe zwei Deziliter Eierlikör mit einem Erdbeerjoghurt. Das stelle ich in den Tiefkühler und warte eine halbe Stunde. In der Zwischenzeit lasse ich Wasser in die Badewanne laufen.

Leider können Sie mich jetzt nicht sehen. Ich bin nämlich schon nackt. Im Hintergrund hört man den Schlager «Du, die Wanne ist voll» von Didi Hallervorden. Lasziv lege ich mich ins heisse Wasser. In der Rechten den Eier-Erdbeer-Likör. Auf Gümpel! Auf Guisan!

9 Kommentare zu «Der Kampf um Leimbach»

  • Serge sagt:

    Beni for Literaturnobelpreis!! Ehrlich, du bist der Beste, wo mer händ! Danke für deine unkonventionelle, bitter-bös witzige Art.

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    ähm. herr frenkel, mit verlaub. trinken sie bitte den alkohol präventiv! 😉

  • Iris Seidler sagt:

    Grossartig Herr Frenkel. Ich freue mich immer sehr über Ihre Geschichten. Sie sind so herrlich anders, ein bisschen unkorrekt und einfach amüsant. Vielen Dank dafür!

  • Walti sagt:

    Hat es damals bereits eine Autobahn durch den Entlisberg gegeben und sind Nazi auf dieser vorgerückt?

  • Robert F. Reichmuth sagt:

    Herrlich – so schön kann „CH-Geschichte“ sein!
    .
    Weniger schön diese Geschichte: Der alte Robert der I. erzählte vor vielen Jahren, seinem Robertli dem II. – er habe zusammen mit vielen internierten POLEN die Säumerpässchen „SATTELEGG“ und „IBERGEREGG“ zu kleinen Passstrassen ausgebaut. 100% handmade!
    .
    2011 Ereignisort Postautohaltestelle PLZ-8842: mit mir zusammen wartet eine „weinende Frau mit Rollkoffer“ auf das nationale POSTAUTO – auf meine nicht ausgesprochene Frage – hier ihre Antwort in gut verständlichem Deutsch –
    „ich bin auf der Heimreise nach WARSCHAU, dort habe ich 2 studierende Töchter – der CH-Arbeitgeber hat mir soeben fristlos gekündigt …

  • Mike Sgier sagt:

    Nicht gerade Kaminski, aber auch schön unterhaltsam.

  • Claude Fontana sagt:

    Sie hätten Parteivorsitz werden sollen. Politik scheint Ihnen zu liegen. 🙂

  • David sagt:

    Wunderbar! In etwa so stelle ich mir vor erzählen die Geheimarmeeveteranen der Schweiz von ihrem Heldenhaften Kampf. Ich bin übrigens ein Fan der erfrischenden Buchstaben von Beni Frenkel. Merci jedesmal.

Kommentar

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