Zum ersten Mal

Irgendwann fällt einem auf, dass der kulturelle Horizont enger und enger wird. Irgendwann merkt man, was man alles verpasst. Und irgendwann sehnt man sich zurück, zurück an das Kinderkonzert im Falcone in Wiedikon, wo man johlen und pfeifen durfte.

Wann erlebte ich das letzte Mal ein Rockkonzert, nass geschwitzt und müde getanzt. (Bild: Keystone)

Kürzlich war ich an einem Rockkonzert in Wiedikon, oben im Saal des Restaurants Falken, das jetzt Falcone heisst. Mein älterer Sohn spielte mit seiner Band von der Musikschule. Es war ihr erster Auftritt, Lieder von Red Hot Chili Peppers und Green Day. Sie stimmten ihre Instrumente in der Lounge am Ende der Treppe, man hat von dort einen Blick auf die Bühne. Mein Sohn war nervös, das sah man von weitem. Vor ihnen war eine andere Band dran mit einem Lied von Nirvana. Die Jungs auf der Bühne schienen ein paar Jahre älter, aber sie wirkten genauso angespannt. Ich hatte sie schon früher an Anlässen der Musikschule gesehen und fragte mich, ob sie als Band entdeckt worden waren.

Der Saal war bis auf den letzten Platz besetzt, lauter Freunde und Angehörige. Die Stimmung war am Kochen. Als dann die Band meines Sohns dran war, fiel das Mikrofon der Sängerin aus, neben mir diskutierte die Mutter eines Buben lautstark mit der Lehrerin, Schulprobleme, doch dann kam alles gut. Beim Schlussakkord pfiff und johlte ich, dass sich ein paar Leute im Publikum umdrehten und sich nach dem Idioten umsahen, der so begeistert von seinem Kind war.

Auf dem Heimweg fragte ich mich, wann ich das letzte Mal ein Rockkonzert erlebt hatte, nass geschwitzt und müde getanzt. Man verbringt viel Zeit mit Amateurkultur, wenn man Kinder hat. Ist ja schön und gut. Chorkonzert, Zürich tanzt, Theater Metzenthin, manchmal nett, immer liebevoll, irgendwann fällt einem auf, dass der kulturelle Horizont enger und enger wird. Irgendwann merkt man, wie wenig man mitreden kann, was man alles verpasst.

Aber das Interessante ist, dass es weitergeht. Die Kinderanlässe sind das Fundament, der Anfang einer Lawine von Freunden, die in der Freizeit malen, von Verwandten, die Theater spielen, von Kollegen, die den Blues singen. Nicht zu reden von den professionellen Darbietungen der Freunde und Bekannten, den Filmpremieren, Lesungen, Vernissagen, an die man eingeladen wird, wobei man es selten schafft, hinzugehen. Weil man nicht mehr mag. Weil man keine Zeit hat, aus dem letzten Loch pfeift. Dabei ist es dieses kulturelle Geflecht, das unsere Stadt zusammenhält, unsere Zivilgesellschaft bildet: die gegenseitige Neugierde, die Anteilnahme an den Unternehmungen der anderen.

Aber eben: Wie schafft man es, auf dem Karussell der Einladungen und Verpflichtungen? Wann muss man hingehen? Wann darf man? Und wenn man dort ist, wie schafft man es, die Meinung zu sagen? Denn irgendwann ist der Kinderbonus vorbei. Irgendwann sollte man jemandem mitteilen, dass einem der Roman nicht gefällt und dass man das Bild scheusslich findet. Aber nein, man quält sich mit einem Lächeln durch den Abend und denkt mit Sehnsucht an das Kinderkonzert im Falcone in Wiedikon, wo man johlen und pfeifen durfte. Wo alles anfing. In reiner Unschuld

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