Das Apfelbäumchen im zehnten Stock

Der kleine Baum blüht bereits wie ein grosser. Das lässt einen schwärmen – aber auch gleich jammern.

Die Blütenpracht auf dem Balkon. (Bild: Helene Arnet)

Normalerweise schreiben wir in dieser Kolumne über den ideologischen Graben, der zwischen der Stadt Zürich und der Agglo klafft. Es gibt aber noch einen anderen Grabenkampf: derjenige zwischen der Agglo und dem Land. Dabei hat das Land der Agglo zu verdanken, dass es noch Land ist. Sie wissen schon: Verdichtung statt Zersiedelung. Doch ist mir gerade viel zu poetisch zumute, als dass ich mich diesem durchaus wichtigen, aber eben auch trockenen Thema widmen könnte. Denn auf meinem Balkon blüht ein Apfelbäumchen.

Ich muss hier kurz abschweifen: Das kleinbürgerliche Agglo-Leben spielt sich in den Köpfen von Stadt und Landbewohnerinnen und -bewohnern in einem Reihenhäuschen ab. Darüber wurde an dieser Stelle auch schon geschrieben – über die Rasenmäher-Konzerte am Samstagmorgen etc. Doch ich lebe in einem Hochhaus. Im zehnten Stock. Und auf dem wirklich kleinen Balkon meiner Wohnung im zehnten Stock blüht nun eben gerade ein Apfelbäumchen.

Es ist ein kleiner Baum, etwa eineinhalb Meter hoch mit ganz und gar nicht ausladender Krone. Doch er blüht wie ein grosser: weiss-rosa, daneben das frische Grün der ersten Blätter. Ganz deutlich spüre ich in meinem Innern, dass selbst im eingefleischtesten Agglo-Menschen ein Bauer oder eine Bäuerin steckt. Das liegt in den Genen: Adam und Eva waren schliesslich Landwirte.

Doch während ich gerade die Bäuerin in mir entdecke, überkommt mich auch gleich das Jammern. Was, wenn die Eisheiligen dieses Jahr so richtig einfahren? Und sollte ich mein Apfelbäumchen eventuell bereits etwas düngen – biologisch versteht sich. Auf dem Waldweg, auf dem ich regelmässig jogge, liegen genügen Rossäpfel herum. Und: Sollte ich mein Apfelbäumchen vielleicht künstlich bestäuben?

Hier muss ich anmerken, dass auf meinem Balkon in früheren Jahren schon gewaltige Tomatenstauden wuchsen. Die Blätter waren gross und ausladend und ersetzten mir fast die Sonnenstore. Nur Beeren, also eben Tomaten, trugen sie nie. Ich erkläre mir das damit, dass die Bestäubung auf dieser Höhe nicht so toll funktioniert. Vielleicht wegen des steten leichten Windes. So plagen uns selten Mücken oder Wespen, aber es summen eben auch kaum je Bienen vorbei. Höchstens mal in der Dämmerung eine Fledermaus. Aber die taugt meines Wissens nicht zum Bestäuben.

Dabei erinnere ich mich an meinen Vater, der einst ein Aprikosenbäumchen hatte, das er liebte. Manchmal konnte man ihn beobachten, wie er versuchte, Hummeln oder Bienen, die irgendwo auf einer Tulpe oder einer Margerite herumschwirrten, auf sein Aprikosenbäumchen umzuleiten. Denn er befürchtete immer, dass sein «Baringeli-Baum», wie er ihn in bestem Luzärndeutsch nannte, zu wenig Früchte tragen würde.

Die Aprikosen gediehen Jahr für Jahr prächtig. Und das mitten in der Agglo. Nur eben: im Garten eines Reihenhäuschens. Und nicht auf einem kleinen Agglo-Balkon im zehnten Stock.

4 Kommentare zu «Das Apfelbäumchen im zehnten Stock»

  • Maiko Laugun sagt:

    „…also eben Tomaten, trugen sie nie.“

    Was hat dies mit Agglo zu tun?

    Hatte früher Tomatenstauden auf dem Balkon. Diese wuchsen prächtig – in der Stadt Zürich.

    • chrissie. sagt:

      @Maiko Laugun
      Haben Sie den Text wirklich gelesen? Mit der Agglo hat die ausbleibende Bestäubung nichts zu tun, aber mit der Höhe des in Zürich gelegenen Balkons…

  • Luzia sagt:

    Liebe Helen Arnet, ihr Bekenntnis zu den Luzerner Wurzeln rührt mein Innerschweizer Heimweh. Zu den Baringel, auch eine frühe Kindheitserinnerung, sie sind glaub kleine, runde, gelbe Pflaumen an längeren Stielen und keine Aprikosen. Man sieht sie nur noch selten.
    Gute Ernte dann…

    • chrissie. sagt:

      @Luzia
      Gemäss Idiotikon, Wikipedia et al. irren Sie sich offenbar… Vielleicht überzeugen Sie sich selbst?
      Schöne Grüsse!

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