Das süsseste Tabu

Im heutigen Beitrag dieser städtischen Gebrauchsanleitung geht es um Quinoa-Samen und lasche Heinis, um Sade und Prince – vorab aber gehts um unsere (scheinbar) enthemmte Gesellschaft.

«An meinem Grab müssen alle ‹Let the Sunshine in› aus dem Musical ‹Hair› mitsingen!»: Das wäre für einen Protagonisten dieser Geschichte der süsseste Tabubruch. Hier im Bild übrigens jene Darsteller, die das Hippie-Musical 1970 in Zürich aufführten. Foto: Keystone

Die Diskussion dauert nun schon 33 Jahre, und noch immer hat niemand die Wahrheit herausgefunden, noch immer wird dies und das behauptet, wenn auch nicht mehr in der Heftigkeit von einst, und auch kaum mehr Manhattan nippend in der Late-Night-Bar, jetzt trifft man sich im Onlineforum, das kennt weder Dresscodes noch Öffnungszeiten, da kann man nebenher auch Quinoa-Samen knabbern, Molke trinken, sich an der Scham kratzen oder sonst was Eigenartiges tun, sieht ja niemand, wegen allgemeiner Paranoia haben eh alle die Computerkamera abgeklebt.

Jedenfalls meinen die einen: «Kein Zweifel, es geht um die Entjungferung.» Andere entnehmen den Zeilen lesbischen Sex. Oder Analverkehr. Oder sie interpretieren den weiblichen Orgasmus hinein, über den habe man damals nämlich nicht öffentlich reden können. Und dann gibt es noch die, die Musikheftli gelesen haben und darum zu wissen glauben: «Sie thematisiert in diesem Song ihre Heroinsucht.»

«Sie», das ist Soulsängerin Sade, der enigmatische Song ist «The Sweetest Taboo» von 1985. Er lief oft im gepützelten Dancing «Riverside» an der Schifflände (das es niemals auf die Liste «Zürichs unvergesslichste Nightclubs» schaffen würde, was vermutlich mit ein Grund war, dass ich da bereits mit 17 problemlos rein und ebenso problemlos zu Southern Comforts mit Limejuice kam), wo überhaupt alles von Sade lief, und vieles von Prince, am häufigsten glaub «Little Red Corvette», was passte, weil es da ja auch nicht wirklich um den Sportwagen geht, sondern um die danach benannte Vagina eines promiskuitiven Mädchens; offenbar stand der «Riverside»-DJ auf musikalische Camouflagen.

Voilà, und damit zum Kernthema, das lautet: Existieren in der enthemmten, zwischenmenschlich häufig schroffen und übersexualisierten Gesellschaft von heute überhaupt noch süsseste Tabus, die frau/man zu gerne mal brechen würde?

Das war die Frage, die kürzlich nachts durch eine kleine Late-Night-Bar zirkulierte, wo zwei der vier Anwesenden an einem Manhattan nippten, der Dritte mal wieder Southern Comfort probierte (wegen Sade, die aus den Deckenlautsprechern flötete) und die Vierte diese Drinks zubereitete. Der Erste: «In einem Bewerbungsgespräch mit freundlicher Miene einen absurden Lohn fordern, das wär zu geil.» Der Zweite: «Ich mag die Vorstellung, im letzten Willen festzuhalten, dass an meinem Grab ‹Let the Sunshine In› aus dem Musical ‹Hair› läuft, und dass alle mitsingen müssen!» Der Dritte: «Vor dem Traualtar stehen, bei der entscheidenden Frage ‹nei Sie, lieber nöd› rufen und mit einem Jauchzer aus der Kirche stürmen!»

Die Bardame, deutlich ennet der 60, fand das fürchterlich öde: «Was seid ihr für lasche Heinis? Früher gings in dieser Stadt aber ganz anders ab, speziell bei süssesten Tabus, das könnt ihr mir glauben.»

Allzu repräsentativ und damit brauchbar ist das natürlich alles nicht, aber irgendwie interessant, moll, das ist es durchaus.

1 Kommentar zu «Das süsseste Tabu»

  • Lichtblau sagt:

    Heute mal ganz unkompliziert? Schöne Gebrauchsanleitung. Brüte jetzt allerdings über Sades Songtext, um für mich dem Rätsel auf die Spur zu kommen. „The sweetest Taboo“ wurde damals auch in der Züri Bar rauf und runter gespielt und brachte uns ins Grübeln.

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