Eine der zehn besten Lügen

Was in stressigen Situationen bei Bewerbungsgesprächen hilft – oder helfen könnte.

Die «schrecklich nette Familie» (von links): Bud, Peggy, Al und Kelly Bundy. (Bild: Keystone)

Ich bin zurzeit auf Stellensuche. Ich suche irgendetwas im Journalismus. Zuerst habe ich natürlich an «Watson» gedacht. Die haben mir zurückgeschrieben, dass sie momentan nichts für mich haben. In der gleichen E-Mail haben sie mich aber noch gefragt, ob ich damit einverstanden sei, mein Dossier pendent zu halten.

Dieses Interesse hat mir sehr geschmeichelt. Ich stelle mir das nämlich so vor: Die HR-Frau druckt mein Dossier zweimal aus und legt ein Exemplar dem Chefredaktor und das andere dem Verleger auf den Schreibtisch. Zuerst sind die beiden natürlich gar nicht amüsiert. Denn sie müssen zuerst Platz schaffen: Die gerahmten Kinderfotos verstauen und was sonst noch so herumsteht. Jetzt liegen meine Bewerbungen auf ihren Schreibtischen. Ein beruhigendes Gefühl. Die beiden lesen nun jeden Morgen immer zuerst mein Bewerbungsdossier, bevor sie ihren Computer starten.

Dann seufzen sie leise und schreiben auf die grosse Glatze meines Bewerbungsfotos: «Leider immer noch pendent.»

Vor zwei Wochen hatte ich immerhin ein Bewerbungsgespräch beim «Blick». Alles lief supi. Ich habe immer klug geantwortet und meine zappelnden Finger unter Kontrolle gehalten. Ich lutschte während des Gesprächs ein Ricola-Bonbon. Und an jenem Morgen las ich den «Blick» von hinten bis nach vorne.

Während des Gesprächs sass links eine HR-Frau und rechts der Chef. Während des Gesprächs juckte es mich wie verrückt. Nichts Schlimmes, das kriege ich manchmal, wenn ich nervös bin. Die einfachste Lösung wäre gewesen, wie Al Bundy (von der Serie «Eine schrecklich nette Familie») da zu kratzen, wo es juckt. Aber ist das förderlich beim wohl wichtigsten Interview meines Lebens? Die HR-Frau guckte mir die ganze Zeit in die Augen, und der Chef machte Notizen. Ich versuchte, das Problem mit kreisförmigen Beckenbewegungen zu lösen. Irgendwann hörte ich auch nicht mehr genau zu. Ich dachte nur noch an Al Bundy und dann an Peggy, seine Frau. Die Serie hat leider mein Verhältnis zu Frauen ziemlich geprägt.

Ähnlich wie Al Bundy muss auch ich mich manchmal dazu überwinden, nach Hause zu gehen. Dann denke ich mir die zehn besten Gründe aus, warum es sich doch lohnt.

Übrigens, auch «Watson» macht das so: «Die zehn besten unbekannten Elvis-Songs!», «Die 17 besten Filme und Serien 2017, die du schauen solltest!»

Plötzlich fragte mich die HR-Frau: «Im Newsroom kann es sehr hektisch zu- und hergehen. Wie gehen Sie damit um?» Ha, diese Frage habe ich am Vorabend mit der Frau geübt! Wichtig sei, hat sie mir eingetrichtert, sich selbst zu sein und volle Dynamik zu zeigen. Also antwortete ich: «Druck? Ich liebe Druck und stressige Zeiten! Während die Kollegen durchdrehen, sitze ich cool vor dem Computer und haue in die Tasten.»

Das war natürlich eine Lüge. Aber immerhin eine der zehn besten.

9 Kommentare zu «Eine der zehn besten Lügen»

  • Amalia Zürcher sagt:

    Lieber Beni, habe gerade zwei deiner drei Bücher gekauft. Erstens weil ich sie noch nicht hatte, zweitens weil ich deine Kolumne so toll finde und drittens um dir ein bisschen zu helfen in diesen schweren Zeiten. Hoffe natürlich, dass du tatsächlich etwas bekommst von meinem Geld, das ich dem grossen und etwas bösen Onlinebuchladen geschickt habe. Das dritte Buch war aber leider nicht mehr erhältlich.

  • irene feldmann sagt:

    Na dann viel glueck…:)

  • Penumbra Noctis sagt:

    Och, das ist nichts Neues. Schon Bob Dobbs von der Church Of The Subgenius sagte fuer 1998 den Weltuntergang voraus, und dass man da nichts machen koenne, ausser, sich einen Liegestuhl und einen kuehlen Drink zu schnappen und abzuwarten. Als dann 1998 die Welt doch nicht unterging sagte er, dass ihm da ein Fehler unterlaufen sei und er den Zettel falschrum gehalten habe, denn eigentlich sei es das Jahr 8661, wo es dann passiere.
    Das mit dem Liegestuhl und dem kuehlen Drink sei aber weiterhin das beste, was man machen koenne.

  • Pascal sagt:

    Schade, dass Herr Frenkel nicht mehr im Magazin ist jede Woche. Ich fand das immer einen der besten Teile im Heft.

  • Marc Burnach sagt:

    Gnadenlos, witzig, provokativ? Auf diesen Artikel trifft kein einziges dieser Adjektive zu. „Schwach“ trifft es wohl eher, denn sonst müssten sie nicht Kommentare zensieren, nur weil sie einen Hauch von Kritik enthalten. Vielleicht sollte sie ihre Berufswahl als Ganze nochmals überdenken, denn Ihre Schreibe würde ich bestenfalls als durchschnittlich bezeichnen und gepaart mit der fehlenden Kritikfähigkeit ergibt das in der Summe einen schlechten Journalisten. Und natürlich dürfen Sie den Beitrag einfach löschen, schliesslich gehört das heute zu den Kernkompetenzen eines linken Journalisten. Wenigstens darin sind Sie wirklich gut und wer weiss, mit etwas Glück dürfte das für einen Job beim Tagi, dem Blick oder 20Minuten schon reichen. In dem Sinne wünsche ich viel Glück bei der Suche.

  • Reto Kübler sagt:

    Meine Antwort wäre wohl eher so ausgefallen:
    „Ich kenne das Geschäft seit 15 Jahren und kann damit problemlos Umgehen.“

    Sie wären fein raus, denn damit haben Sie diplomatisch garnichts ausgesagt, aber es tönt so als wären Sie Profi, was ja anhand der Antwort sogar stimmt.

  • Marc Burnach sagt:

    Während Vorstellungsgesprächen lutscht man kein Bonbon und hat auch keinen Kaugummi im Mund. Wenn sie selbst solch simplen Verhaltensregeln nicht kennen, müssen sie sich auch nicht über Absagen wundern. Und zum Thema „Lügen“ habe ich auch noch ein paar Tipps: 1. Nie zugeben, dass sie schon über 50ig oder knapp darunter sind, denn als dermassen alter Knacker gelten sie in der PFZ-Schweiz schon als Palliativpatient. 2. Wenn sie sich für einen normalen Posten bewerben, verschweigen sie jegliche Weiterbildung ab Stufe Fachausweis/HF oder FH. Wer so gebildet ist, kann unmöglich „normale“ Arbeiten ausführen 3. Im Lebenslauf darauf achten, dass sie nie länger als 3 Jahre beim gleichen Arbeitgeber gearbeitet haben. Sie sind ja kein Sesselkleber, der Veränderungen scheut, oder?

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    herr frenkel. bitte. ein wenig mehr selbstvertrauen ist angebracht. für den „blick“ sind sie eindeutig überqualifiziert. und ihr humor spricht da auch nicht für sie. der ist dort höchstens unfreiwillig, zwischen den vielen schreibfehlern zu finden. überhaupt. seriöser journalismus? sind sie sicher, dass SIE das wollen? schreiben sie doch einen heiteren roman – ich würde den kaufen. oder einen blog für schräge – so knapp vor dem darknet positioniert? (also noch legal). oder vielleicht lebenshilfe für die „moderne“ frau. die stehen ja auf kleine penisse. na-na. 🙂

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