War er Mazedonier oder Grieche?

Der Nationalismus der Eingewanderten lebt in der Schweiz weiter, in abgeschwächter Form.

Statue von Alexander dem Grossen in der griechischen Stadt Thessaloniki: Griechen und Mazedonier halten den Feldherrn für einen der ihren. (Foto: Nikolas Giakoumidis/AP)

Vor ein paar Tagen hatten wir Besuch des Hauswarts, eines leicht melancholischen Kroaten aus der leicht melancholischen Hafenstadt Rijeka. Mein älterer Sohn sass am Küchentisch und bereitete sich auf seine Geschichtsprüfung vor, Thema war die hellenische Zeit, als die Griechen aus der Weltgeschichte verschwanden, für eine Weile zumindest.

Unser Hauswart schaute ihm kurz über die Schulter. «Was denken Sie», sagte er, «war Alexander der Grosse ein Grieche oder ein Mazedonier?» Unter den Heizungsmonteuren habe es kürzlich Streit gegeben, erzählte er, «der eine war Grieche, der andere Mazedonier, es wurde ziemlich laut».

«Die streiten seit Jahren», sagte ich. «Die Mazedonier können den Beitritt zur EU vergessen. Griechenland wird sie nie hineinlassen. Nicht solange wir leben.»

Eigentlich eine absurde Diskussion, sich darüber zu streiten, wo ein Feldherr herkommt, der vor über 2000 Jahren gelebt hat. Aber wenn ich etwas gelernt habe in den letzten 30 Jahren, dann ist es, solche Diskussion ernst zu nehmen. 1989 stand ein gewisser Slobodan Milošević auf einer Wiese, wo 600 Jahre zuvor die Serben eine Schlacht verloren hatten. Darauf trieb er den halben Balkan in einen schrecklichen Krieg.

Als ich zwei Jahre nach dieser Rede zum ersten Mal als Journalist nach Ex-Jugoslawien fuhr, hatte ich keine Ahnung, ich wusste nicht, was Nationalismus war. Ich dachte, man müsse nur die dortige Jugend zusammentrommeln, zu einem gigantischen Open Air des Friedens, zu einem Woodstock der Völkerverständigung auf dem Balkan, und dann werde alles gut. Ungläubig hörte ich Geschichten, von Klassenkameraden, die ihre Mitschüler aufhängten, von Fussballfans, die sich aus den Schützengräben beschossen, es dauerte Jahre, bis ich begriff: Den Nationalismus gibt es.

Und der Nationalismus ist unter uns, auch wenn es seltsamerweise in all den Jahren des jugoslawischen Bürgerkriegs in der Schweiz meines Wissens fast nie zu Tätlichkeiten unter den ex-jugoslawischen Nationen kam, als würden die Menschen ein Doppelleben führen, eines hier und eines «unten», es gibt sogar Geschichten von Vergeltungsaktionen unter Menschen, die sich in der Schweiz vertrugen und sich in Ex-Jugoslawien umbrachten. Aber trotz aller Erfahrung und Lernprozesse, die Barriere ist geblieben – ich verstehe es immer noch nicht, was eigentlich abgegangen ist auf dem Balkan, dass man sich aus reinem Nationalismus töten kann.

Aber Alexander, was ist er nun, Grieche oder Mazedonier? Also ein später eingewanderter slawischer Mazedonier sei er keinesfalls, sagt die Wissenschaft, bestenfalls ein Urmazedonier, Angehöriger eines Volks, das eng mit den Griechen verwandt war, man habe sich auch sprachlich verstanden. Nach wissenschaftlichen Massstäben seien die zwei Behauptungen, Alexander sei «Grieche» oder «slawischer Mazedonier» gewesen, etwa so haltbar wie die Vorstellung, Julius Cäsar sei «Italiener» gewesen. Ou, ou, heikles Thema.

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