Das ist Agglo

Meilen? Horgen? Regensdorf! Hier gibt es einen Knast und den ganzen Tag Fluglärm.

Das «Zenti» in Regensdorf. Bild: Doris Fanconi

Die geschätzten Autoren pu und han haben sich hier über ihren Umzug von der Stadt in die Agglo ausgetauscht. Cool bleiben müsse man, die Gemeindeversammlung besuchen und, ganz wichtig, keine Zürichkleber an Strassenlaternen «pappen». Nun muss man wissen: Der eine wohnt an der Pfnüselküste, der andere zieht ans andere Seeufer. Es ist zwar nicht falsch, von einem Umzug in die Agglo zu sprechen. Doch wer denkt schon an Horgen oder Meilen, wenn er das Wort «Agglo» hört?

Kürzlich war ich wieder einmal in Regensdorf, wo ich vor einer halben Ewigkeit in die Sek gegangen bin. Regensdorf, lieber pu, lieber han, das ist Agglo. Hier gibts weder Freibad noch See, hier leben weder Tina Turner noch Yvan Glasenberg. Dafür hat Regensdorf einen Knast und den ganzen Tag Fluglärm. Und Regensdorf hat ein Einkaufszentrum mit 50 Läden, Hochhäusern und 1500 Parkplätzen. Es ist ein Zentrum, das nicht wie in Spreitenbach draussen in der Industrie steht, sondern mitten in der Stadt. Die Regensdorfer haben für ihr «Zenti» sogar ihren schönsten Altbau geopfert, die Wirtschaft Zur Alten Post.

Man fragt sich heute: Wie war so etwas möglich? Die Antwort liefert die Regan-Zunft in einem Jahrheft. In Regensdorf hatte sich die Einwohnerzahl nach dem Krieg innert Kürze von 2000 auf 6000 verdreifacht – die Alteingesessenen fürchteten den Verlust der dörflichen Identität. Sie waren damals überzeugt, bei einem solchen Wachstum brauche es ein neues grosses Dorfzentrum, wo sich die Zuzüger treffen und zu echten Regensdorfern werden konnten. Der Gemeinderat lud 1961 zur Infoveranstaltung «Öffentliche Orientierung über Gemeindeprobleme» ein. Es kam zu einem Massenaufmarsch, laut dem «Zunftblatt» sollen auch nicht stimmberechtigte Frauen dabei gewesen sein.

Einige Bürger fanden zwar, der Gemeindepräsident Rudolf Grossmann leide an «Grössenwahn», einer Bevölkerungsumfrage zufolge gab es aber eine 90-prozentige Zustimmung zum Zentrumsprojekt. So wurden die Pläne vorangetrieben, ein ganzer Dorfteil inklusive Alter Post wurde plattgemacht, und Göhner baute das «Zenti» inklusive 300 Wohnungen und betonierten Dorfbrunnens. «Mitenand poschte, mitenand käfele, s’ZENTRUM Regensdorf, Eusi chly Stadt» – so startete Regensdorf ins Agglo-Zeitalter.

In der Tat trafen sich die Regensdorfer im Zentrum. Die Sek-Schüler bevorzugten das EPA-Kafi. Es hatte seinen Reiz, weil es billig und dunkel war. Zudem musste man quer durch die EPA gehen, um es zu erreichen. Ein Gang, auf den sich manch einer freute, denn eine der attraktivsten Ex-Schülerinnen (Name der Redaktion nicht mehr bekannt) machte dort ihre Verkäuferinnenlehre. Inzwischen muss die Lehrtochter fast im Pensionsalter sein, und auch das Zentrum ist in die Jahre gekommen. Gemäss Beteuerungen in Onlineforen ist es jedoch lebendig geblieben. Das kann der Rückkehrer nicht bestätigen. EPA und EPA-Kafi hat er nicht mehr gefunden.

4 Kommentare zu «Das ist Agglo»

  • Toerpe Zwerg sagt:

    Regensdorf ist ein Beispiel, wie man Raumplanung nicht machen sollte. Ein unzusammenhängender Siedlungsbrei ohne Zentrum, in der Mitte zerschnitten durch eine riesige Industriezone und mit einer Strassenführung, welche es verunmöglicht, zu Fuss interwegs zu sein. Hier ist einfach alles falsch gemacht worden.

  • Maike sagt:

    Kommen Sie mal in die Nachbarsagglo Schlieren / Weiningen. Da wird gebaut was das Zeug hält. Am Bahnhof Schlieren entstehen entlang der Gleise neue Wohnungen sowie 420 neue Wohnungen auf dem ehemaligen Gebiet der Geistlich Firma. Weiningen wird auch verdichtet, gerade jetzt stehen die ersten Lichtraumprofile auf einer grossen Wiese am Ortseingang. Mir scheint, als ob die Gemeindevorsteher untereinander konkurrieren, wer in schnellster Zeit die meisten Wohnung in seiner Gemeinde bauen kann.
    Freue mich schon auf die kuschelig engen Zeiten in der S3 / S12, wenn all diese Zuzüger zur Arbeit fahren wollen und in Hardbrücke die zusteigen (wollen), die aus den 700 neuen Wohnungen im geplanten Hardturmareal stammen.

  • Asta Amman sagt:

    Witzig, kommt heute das Gespräch auf die längst verblichene EPA, hat fast jeder wehmütige Erinnerungen zu erzählen. Ich liebte als Kind die Filiale an der Zürcher Sihlporte, wo man Bonbons aller Art offen kaufen konnte.
    Im Übrigen ist dies für einmal ein Stadtblog-Eintrag, der echtes Agglo-Feeling vermittelt – inkl. stolzem Hinweis auf den örtlichen Knast.

  • Katrin Künzle sagt:

    Ich bin in Regensdorf aufgewachsen und kann mich sehr sehr gut an die Epa erinnern. Der einzige „Ausgangsort“ war das Pub im Hotel und eben der Eingangsbereich des „Zentis“. Danach ging in die Epa: Eine Portion Pommes kostetet 2 Franken. Ach, jetzt habe ich gerade ein Déjà vue :).

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