Die fehlende Angeber-Meile

Immer im Frühling fehlen unserem Autor die zunehmend verschwindenden Autos in der Stadt. Obwohl er Verbrennungsmotoren eigentlich nicht mag.
Fehlt im Stadtbild: Testosteronschwangere Jünglinge auf Benzin.

Fehlt im Stadtbild: Testosteronschwangere Jünglinge auf Benzin.

Die älteren unter meinen Lesern können sich vielleicht noch an die Zeit erinnern, als das Limmatquai noch nicht verkehrsberuhigt war. Als Schaaggis aus der Provinz mit ihren Karren langsam bis Schrittempo vom Central bis ans Bellevue und wieder zurück hötterleten, immer mit dem Gaspedal röhrend, den Ellbogen lässig durch das heruntergelassene Fenster gestreckt, aus den Boxen laut Sabrinas «Boys, Boys, Boys» wummernd. Die testosterongeschwängerten Blicke auf der Suche nach einer Frau, die sich von ihren ersten, selbst aufgemotzten Golfs oder Opel Mantas betören lassen würden.

Autos sind ja bei den Städtern nicht sonderlich beliebt. Auch ich kann den dreckigen Benzin- und Dieselschleudern nicht viel abgewinnen. Aber jeden Frühling fehlt mir das Spektakel rund um das Auto etwas mehr im Stadtbild.

Für uns Zürcher war das ein witziges und schadenfrohes Unterhaltungsprogramm. Zuschauen, wie die Machos von selbstbewussten Zürcher Frauen den Stinkefinger gezeigt bekamen, war der reine Genuss. Es war Schadenfreude, wie wenn man jemandem beim Windowshopping zusah, von dem man wusste, dass er sich das Begehrte nie würde leisten können.

Heute gibts in ganz Zürich keine richtige Angebermeile mehr. Die Autofans treffen sich auf dem Land oder bei Tankstellen und Parkplätzen in der Agglo. Wer einen Benziner oder einen Diesel fährt, flüchtet vor Einbruch der Nacht in langen Kolonnen aus der Stadt. Vielleicht liegt es  daran, dass viele junge Leute Autos nicht mehr so prickelnd finden und nicht einmal mehr einen Führerschein machen. Und mit einem Mobility- oder Elektroauto ist die Wirkung einfach nicht die gleiche.

Einen richtigen Ersatz für das traditionelle Auto-Macho-Testosteron-Spektakel gibts leider nicht.

Man kann natürlich im Seefeld vor dem Totos die Goldküstenhausfrauen auslachen, die versuchen, ihre SUVs so auf dem spärlichen Platz zu parkieren, dass ihnen das Tram nicht die Panzertüren abreisst oder den Kinderwagen mitnimmt. Aber das ist nur ein- oder zweimal lustig.

Oder man beobachtet die zugewanderten Hipster, wie sie mit Bart, Dreiviertelhose (knackige Wädli) und einer fahrradtauglichen Zeichenmappe auf dem Rennvelo vor dem «Für Dich» oder dem «du Bonheure» vorfahren und sich so die Blicke der Damen zu sichern suchen. Aber es ist nicht dasselbe.

Ich plädiere – im Sinne eines Zeitzeugnisses – für eine Museumsmachomeile, auf der junge Männer in aufgemotzten Charren im Kreis herumcruisen dürften. Man könnte eine kleine Wagenflotte mit passenden Stereoanlagen und schlechtem Europop zur Verfügung stellen. Als Publikum würden sich vielleicht junge Studentinnen eignen, die gegen eine Entschädigung in umgebenden Strassencafes sitzen und den Typen den Mittelfinger zeigen.

Es gibt Bräuche, die sind weit über ihren eigentlichen Zweck hinaus erhaltenswert.

5 Kommentare zu «Die fehlende Angeber-Meile»

  • Peter Schmucki sagt:

    Es gibt sie noch die Angeber-Meile für Miet-Lambos. Sie startet an der Sihlporte und führt über die Sihlstrasse, Bahnhofstrasse und Uraniastrasse zur Rudolf-Brun-Brücke.

  • Denise sagt:

    Ich bin auf dem Lande aufgewachsen und wir hätten jeden Donnerstag „Abendverkauf“ das hiess die Läden hatten bis 21Uhf offen.. Und wenn man Glück hatte und bereits einen motorisierten Freund besass dann fuhren wir 150 Runden unsere Bahnhofstrasse rauf und runter. Und ja mit Paninaro Mucke

  • Marco sagt:

    Hmm an der Langstrasse und umgebung wird doch bis spät in die Nacht mit den Karren geprotzt, jetzt sinds halt Mercedes AMG usw. und keine aufgemotzten Opel.

    • Réda El Arbi sagt:

      Die suchen nur Parkplätze 🙂

      • Oliver Meier sagt:

        Danke für Ihre Beiträge und Kommentare, Sie treffen meinen Humor.
        Tja und auch besten Dank für den Artikel über Fangewalt, das ist genau das was ich von vielen Kollegen zu hören bekomme. Die negativen zugehörigen Kommentare entsprechen meiner Erfahrung nach nicht der Meinung der Bevölkerung.

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