Anno 1993

Im heutigen Beitrag dieser städtischen Gebrauchsanleitung geht es um den Urknall und zwei Wiener, um Hämmer und Hasen – vor allem aber geht es um eine temporäre Zeitreise.

1993 passierte in Zürich auch Sonderbares, zum Beispiel knallte damals am Sechseläuten der Böögg auf den Latz statt in die Luft, was speziell im Gast-Kanton Basel-Stadt für viel Spott und Häme sorgte. Und wissen Sie was? Jetzt, 25 Jahre nach dieser Image-Desaster, ist Basel-Stadt erneut Gast-Kanton … ein schlechtes Omen? Foto: Keystone

«Unser Handwerkszeug ist ein Apple-Computer und drei Kilo Marihuana, dann hat man den Klang im Kopf»: Das ist ein (offiziell beglaubigtes) 90er-Jahre-Zitat jener inzwischen reiferen Herren, die heute Abend für eine (nicht offiziell beglaubigte) Gage von 50 000 Hämmern eine distinguierte Crowd im Kaufleutensaal mit ihrem 4-Stunden-DJ-Set zum Schwofen bringen werden. Selbige zwei Herren sind überdies auch Träger des Goldenen Verdienstzeichens der Stadt Wien, mit dem sie am 25. März 2003 gewürdigt worden waren, die Auszeichnung indes erst am 16. März 2017 in Empfang nahmen; die knapp 14-jährige Verspätung habe freilich (auch das ist offiziell beglaubigt) nichts mit einer chronischen, also Marihuanabedingten Vergesslichkeit zu tun.

Claro, die Rede ist vom Duo Peter Kruder und Richard Dorfmeister (K & D), «das 1993 mit seinem zart verhuschten Downbeat Wien wieder auf die internationale Musiklandkarte brachte», wie «Die Presse» schrieb. Darum trägt der heutige Gig auch den Jubiläumsstempel «25 Year Anniversary».

25 Jahre. Ein Minimuckenfürzchen – oder stilvoller: ein Touchewimpernzucken – auf der historischen Zeitachse, deren Nullpunkt bekanntlich rund 13,8 Milliarden Jahre in der Vergangenheit liegt, also etwa da, wo der «Big Bang»-Funke den kosmischen Gasherd anmachte und die Ursuppe zu köcheln begann (wie man es Kindern erzählen würde). Und doch: Damals, anno 1993, war unsere Stadt noch eine völlig andere.

Es existierten gegen zwanzig Plattenläden. Und wir waren noch eine Monarchie! (Gut, die Macht unserer Majestät, König Pjotr Kraska, Gott hab ihn selig, beschränkte sich faktisch auf das unentgeltliche Benutzen des öffentlichen Verkehrs, aber immerhin.) Im Hardturm, der jetzt als hippieske Brache mit hoppelnden Hasen vor sich hinvegetiert, spielten noch blauweisse Heugümper sauguten Fussball. Und ennet der Gleise? Da standen die Treusten der Treuen noch nicht in der Südkurve, sondern im «Züri-Egge» und ertrugen leise singend Grottenkick um Grottenkick.

Weil es vor einem Vierteljahrhundert auch noch eine gastronomische Bedürfnisklausel gab (die sich vor allem der Chefbeamte «Don Raffi» Huber durch das Kassieren von Schmiergeldern zunutze machte), das legale Angebot also klein und stier war, gings nach dem Match ab in die illegalen Bars – in denen selbstverständlich emsig geschlotet wurde und das Bier kaum je mehr als vier Hämmer (der damalige Slang für Franken) kostete.

Alles so nah – und doch so fern. Und das ist auch der Punkt der heutigen Zeilen: Machen Sie eine temporäre Zeitreise! Kaufen Sie Gras (es müssen nicht drei Kilo sein) und einen Vapo (damit lässt sich das Zeugs quasi «gesund» verdampfen), dann fläzen Sie sich aufs Sofa, lassen sich von trippigen K&D-Grooves entschleunigen, und am Abend gehen Sie ans Derby und erfreuen sich daran, dass GC inzwischen dramatisch schlechter und der FCZ ein bisschen besser ist als 1993.

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