Atheistische Osterpredigt

Selbstverwirklichung ist super. Nur bringt sie nichts, wenn man dabei in seinem Bauchnabel bleibt. Unser Autor hätte Pfarrer werden sollen.
Liebe Gemeinde, .....

Liebe Gemeinde, …

Yoga, Schamanismus, Reiki, Coaches für Selbstverbesserung, Meditation und viele andere – oft esoterische – Wege und Techniken zu einem besseren Ich sind in Zürich gerade en vogue. Also schon seit ungefähr 10 Jahren hat jeder eine fernöstliche, druidische, psychologische oder transzendentale Nebenbeschäftigung, um das beste ICH zu werden, das er oder sie sein kann. Kaum eine Backoffice-Assistentin, die in ihrer ersten Lebenskrise mit 30 nicht nach Goa pilgert, um eine Yoga-Ausbildung zu machen.

Und das ist ja auch in Ordnung. Nur nützt es nur begrenzt. Alle diese Selbstverbesserungstechniken richten den Blick in den eigenen Bauchnabel. Sie sollen helfen, sich nicht so hilflos zu fühlen angesichts der unkontrollierbaren Welt. Sie machen eigentlich das, was früher die Religionen leisteten. Sie spenden Trost und (Selbst-)Sicherheit.

Aber sie tun nur die Hälfte des Jobs. Die Entwicklung des Ichs zu einem ausgeglichenen, stabilen Menschen ist kein Selbstzweck. Das Ganze ist wertlos, wenn man den zweiten Schritt nicht macht. Dann ist es nur das Düngen des eigenen Egos.

Man wird kein besserer Mensch, indem man sich selbst «verbessert». Man wird ein besserer Mensch, wenn man andere Menschen besser behandelt. Man wird kein besserer Mensch in der Enge seines eigenen, privaten Universums. Man wird ein besserer Mensch, wenn man Teil der Gemeinschaft wird und über seine eigenen Bedürfnisse hinaus denkt. Der zweite Schritt, nach der Stabilisierung der eigenen Persönlichkeit, ist die Entwicklung der Gemeinschaft.

In unserer superindividualisierten Gesellschaft zählt nur noch das ICH. Freiheit wird am Individuum gemessen. «Gutes tun» bedeutet, dass man irgendwem Almosen gibt. Dabei geht vergessen, dass der Mensch keine Insel ist. Ich als Ex-Süchtiger mit narzisstischer Störung musste das Schritt für Schritt lernen (und tue es noch).

Der Einzelne erreicht keine bessere Gesellschaft. Nur gemeinsam erreichen wir einen Zustand, in dem es allen einzelnen Individuen gut oder besser geht. Es gibt keinen spirituellen Trickle-down-Effekt. Im Gegenteil.

Oft sind genau die Menschen, die sich in Selbstfindung geübt haben, anderen Menschen gegenüber herablassend, arrogant und fühlen sich durch ihre spirituelle Praxis überlegen. Sie glauben nur noch an sich, haben aber den Glauben an andere Menschen verloren. Und das macht die ganze geile Karmabalance wieder kaputt.

Die schwierigste Herausforderung – nachdem man den Glauben an sich selbst gefunden hat – ist es, den Glauben an die anderen Menschen wiederzufinden. Zu jeder Zeit dachten die Menschen, dass die Welt böse und der Mensch schlecht wäre. Die meisten wären daran verzweifelt. Aber früher haben die Religionen eine Entschädigung für nach dem Tod dafür angeboten.

Sorry, Leute, das hilft jetzt nicht mehr. Jetzt ist es angesagt, sich um Andere und die Gemeinschaft zu kümmern. Seine Empathie zu schulen, Mitgefühl und Verantwortungsbewusstsein für die Gemeinschaft der anderen Menschen zu entwickeln und sich im Alltag dafür einzusetzen.

Dafür hab ich in meiner Selbsthilfegruppe übrigens eine einfach kleine Formel mitbekommen:

Frage dich bei jeder Entscheidung: «Ist es gut für mich, einen anderen Menschen und die Gemeinschaft?» – sind mindestens zwei der drei Anforderungen erfüllt, bist du auf einem guten Weg.

PS.: Für die Superindividualisten und Egoisten unter uns: Das Ganze bringts auch für euch. Man fühlt sich ganz persönlich geiler, wenns dem Umfeld und der Gemeinschaft besser geht. Ich schwör!

20 Kommentare zu «Atheistische Osterpredigt»

  • - stahel sagt:

    Ja, sich selber nicht sooo wichtig nehmen. Dafür hinschauen, hinhören, wahrnehmen, verstehen, handeln und etwas zur Verständigung und zum guten Funktionieren des grossen Ganzen beitragen. Nur lieb sein mit einander allein hilft nicht. Kritik und perfektionieren an den Dingen bedeuten eben auch Auseinandersetzung und Verständigung. Aber kritisches Engagement erfüllt, macht Sinn, bringt weiter.

  • Pfister sagt:

    Gut gebrülllt Löwe. Genau dasselbige hat auch Bergoglio alias Papst Franziskus gepredigt.Und er predigt dies bekantlich immer,wenn der Tag lang ist.“ Eine arme Kirche für die Armen,usw. An die Ränder gehen,zu den Armen,Alten und Kranken,den fremden usw“ .Aber zu befürchte ist,dass daraus nix werden wird. Der IWF,der Geldadel, die Bilderberger und wie die Banditen alle heissen,und schlussendlich der innere Schweinehund in jedermanns Brust, werden das verhindern oder zumindest verzögern.Amen

    • Oliver Meier sagt:

      Schwachsinn, genau deshalb geht es den Verbrechern ja so gut, weil immer wieder ein Pfister vorbeikommt und den Leuten einredet wie klein sie sind und das sie nichts bewirken können. Schonmal was von einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung gehört?

  • Bebbi Fässler sagt:

    Sind wir froh dass wir an Weihnachten und Oster zusammen sitzen und nicht in Walhalla bei einen Gemeinschaft trinken?

  • Patrick Biegel sagt:

    Naja, oben im Artikel wird das „Liebe und Gute“ gepredigt und unten in den Kommentaren geben sie sich auf die Schnauze. Wasser predigen und Wein trinken… wie überall auf der Welt…

    • Réda El Arbi sagt:

      Eine harte Diskussion ist nicht böse. Streitkultur ist notwendig, da wir Menschen sind. Natürlich könnte ich negative Kommentare auch einfach löschen, aber das wäre Heuchelei.

      Ein besserer Mensch zu sein heisst nicht, dass man sich alles gefallen lassen muss.

  • Dorian Best sagt:

    …so guet. Da kann man nix hinzufügen 🙂 Und ich dachte schon, wir hätten uns in dieser Zeit nichts mehr zu sagen!

  • SrdjanM sagt:

    Gut gesprochen!
    Die Realität sieht in der Wirklichkeit dann ganz anders aus, leider.
    Ob es sich wirklich lohnt, weiterhin auf Besserung zu hoffen? Bleibt wohl nichts anderes übrig.

  • Marcus sagt:

    und noch ein Tip für die Vollegos und Superindividualisten, die sich nicht geiler fühlen, wenn es dem Umfeld besser geht. Rein wirtschaftlich lebt es sich in einem „intakten“ Umfeld ebenfalls besser, und das kann sich wiederum positiv aufs Porte-monnaie und dann auf alle Statussymbole/ Laifstail und so weisch auswirken…

  • Christoph sagt:

    Ein drogenabhängier („ex-“ gibts nicht auf Persönlichkeitsebene) Narzisst fühlt sich besser, wenn es der Gemeinschaft durch seine Taten besser geht? Guter 1. April Scherz!

    • Réda El Arbi sagt:

      Naja, du tust mir irgendwie leid. So erbärmlich wie du in deiner Abwertung war ich wohl auch in meinen schlimmsten Heroinzeiten nicht. Vielleicht wäre für dich wirklich der erste Schritt zur Selbstverbesserung ein guter Anfang. Ich empfehle Vipassana. Über den Rest können wir uns dann in 10 oder 12 Jahren unterhalten. Viel Kraft!

      • Balint Keszthelyi sagt:

        Na ja, Reda. Dein Verhalten rechtfertigt Christophs Frage durchaus. Bislang konntest Du auch mich nicht davon überzeugen, dass Dir etwas an anderen liegt. Arschloch sein, sich aber feige hinter der Political Correctness (hier: Gutmenschentum) verstecken, ist vielleicht eine nette Marktlücke für einen Blog, hebt aber in meinem Ansehen niemanden (ja, ist Dir egal, ich weiss).

        • Réda El Arbi sagt:

          Naja, mir liegt nicht nur nichts an deinem Ansehen, mir gehts auch völlig am Allerwertesten vorbei, ob ich dich überzeugen kann. Meine Integrität und meine Glaubwürdigkeit sind nicht von dir abhängig. Aber danke für deinen Kommentar.

          • Balint Keszthelyi sagt:

            Stimmt. Deine Glaubwürdigkeit hängt nicht von mir ab, sondern von Deinem Verhalten gegenüber Deinen Mitmenschen, womit wir eben wieder bei Christophs Eingangsfrage angelangt wären…
            Vielleicht beherzigst Du Deine Osterpredigt selbst und fängst an, ein guter Mensch zu werden, anstatt nur Gutmenschentum zu predigen.

            • Réda El Arbi sagt:

              Du scheinst viel über mich und mein Leben nachzudenken. Und ich scheine eine grosse Rolle in deiner Fantasie zu spielen, obwohl du mich nicht kennst. Muss ich mir Sorgen um dich machen, wenn ich dir jetzt sage, dass ich schon verheiratet bin?

              • Balint Keszthelyi sagt:

                So Unrecht hast Du nicht einmal, denn ein Designer-Team arbeitet gerade an meinem ersten Blog, der hoffentlich in den nächsten Wochen live gehen wird. Ich gebe sogar zu, dass unter anderem Du mich hierzu motiviert hast (Marktlücke finden und so). Ich habe mir auch gesagt, wenn es einer wie Reda schafft, dann muss es ja machbar sein.
                Ich versuche sogar aus Deinen Fehlern zu lernen und lege von Anfang an hohen Wert darauf, meine Glaubwürdigkeit nicht zu verlieren 😉

                • Réda El Arbi sagt:

                  Ja, meld dich, sobald du davon leben kannst. Dann hast du dir Glaubwürdigkeit erarbeitet. PS: Dazu brauchte ich nicht mal ein Designerteam. Ein WordPress-Account reicht.

                  • Balint Keszthelyi sagt:

                    Hätte nicht gedacht, dass bei einem linksgrünen Gutmenschen Glaubwürdigkeit von kommerziellem Erfolg abhängig ist 😉
                    Aber ok, ich melde mich.

                    • Réda El Arbi sagt:

                      Da zeigt sich wieder, das die Welt nicht Schwarzweiss ist. Man kann durchaus für Marktwirtschaft sein, ohne Ethik und Gemeinschaft aus dem Fokus zu verlieren. Aber wenns mit dem Geld nicht klappt, reicht mir auch eine ausgewiesene Expertise. Das heisst, eine relevante Gruppe, die deinen Blog für wichtig und glaubwürdig hält.

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    wir leben in zeiten der tiefgreifenden diskrepanzen. einserseits sind wir konsumgeil in zunehmendem masse und andererseits suchen wir unser heil in vergebung und heuchlerischer kompensation in mannigfaltiger form. beides hat mit dem „ich“ leider nur insofern zu tun, als das schlechte gewissen beruhigt wird. zeitgeist. bespassung und schein vs. sein.

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