Virtuelles Nervengift

Im heutigen Beitrag dieser städtischen Gebrauchsanleitung geht es um einen Journalisten und sein Problem, um Kommentare und das Darknet – vor allem aber gehts um Gedankenspiele.

Auf der dunklen Seite des Darknet findet man angeblich Dinge, die selbst die fantasievollste Vorstellungskraft tief in den Nachtschatten stellt … womöglich also auch einen toxischen Abwehrtrojaner gegen wüste Online-Beschimpfungen. Foto: Keystone

Unlängst traf ich beim Warten aufs Tram zufällig den guten alten H. H., einen Aargauer Journalistenkollegen, mit dem ich vor langer Zeit, als wir beide noch als «aufstrebend» galten, mal ganz dicke war, wie man da und dort in Deutschland zu sagen pflegt.

H. H., das ist noch wichtig, gerade für besonders neugierige Leser, die womöglich hoffen, ihn wiedererkennen zu können, sind nicht etwa die Initialen seines Namens – der mir natürlich sehr wohl bekannt ist, ebenso wie sein Geburtstag, sein Lieblingsclub (Night und Fussball), seine früheren Affären (eine davon ist inzwischen seine Angetraute), sein Wohnort, seine bevorzugte Automarke (die zumindest früher nie mit seinem Einkommen korrespondierte, weshalb er immer Renault fuhr) plus einiges mehr –, nein, das ist die Abkürzung für «Haha», was darum passt, weil mein einst treuer Gefährte ein hochsonniges Gemüt und darum stets einen ziemlich passablen Witz auf den Lippen hat.

Oder präziser: gehabt hat. Diesmal nämlich wirkte H. H. wie jemand, der eben aus einer Lawine befreit worden war: ängstlich, fahrig, verstört; sein Gesicht hatte die Farbe einer sanierungsbedürftigen Autobahn. Auf meine besorgte Frage, was los sei, berichtete er stockend von Panik- und Tinnitus-Attacken, von Appetitlosigkeit und Nächten, in denen er mit rasendem Puls im Bett liege. Zu viel Stress, fragte ich?

Er schüttelte den Kopf: «Die Onlinekommentare! Soooo viel, was da abgeladen wird, ist diabolisch bös, verletzend, voller Hass… ich kann mit dem niederträchtigen Dreck einfach nicht mehr umgehen.» Einmal, fuhr er fort, habe er sich gewehrt, sich publizistisch über diese zeitgeistige Unsitte ausgelassen. Seither gelte er in der kommentierenden Community als Warmduscher und Weichei – was wiederum zur Folge habe, dass heute selbst seine harmlosesten Beiträge verhöhnt würden.

«Ich spüre beim Schreiben die Schere im Kopf und später Angst, wenn meine Texte online gehen. Kannst du dir das vorstellen? Mein Arzt wollte mir Psychopharmaka geben, aber mit dem Shit fang ich gar nicht erst an.»

Ich hätte ihn umarmen müssen, doch ich zögerte, weiss der Teufel, wieso. Er klaubte nervös eine Zigarette aus dem Päckli, ich holte eine Hustenpastille aus der Jacke, mein Tram fuhr ein und bald ohne mich wieder davon, Termin verpasst, es war, wie es war: Er paffte, ich lutschte, wir schwiegen.

Plötzlich drehte er sich um: «Weisst du, was die Lösung wäre? Virtuelles Nervengift! Ein Programm so toxisch wie russisches Nowitschok, verlinkt mit einer Funktionstaste! Kaum hätte einer der Assis seinen Kommentarmüll abgesondert, würd ich F10 drücken – binnen Sekunden wäre sein Compi, Smartphone oder Tablet lahmgelegt, dann würde der Trojaner vor seinen Augen alle Soft- und Hardware qualvoll krepieren lassen, Cloud inklusive! Zimmli geil, oder? Meinst du, im Darknet kann man so was finden?» Jetzt umarmte ich ihn, wir lachten frech und frei heraus, fast wie in alten Zeiten.

Damit zur obligaten Schlussfrage: Wozu ist diese Story brauchbar? Vielleicht um aufzuzeigen, wie toll tollkühne Gedankenspiele sein können.

14 Kommentare zu «Virtuelles Nervengift»

  • Koni Konradi sagt:

    Auch der junge Werther hatte gelitten, dann noch der neue Werther im/am realen Sozialismus, nun trifft es einmal die Journalisten. Jeder Beruf hat seine Risiken. Dafür ist die Unfallgefahr bei Journis kleiner, als im Hochbau. Höchstens ein Sturz vom wackligen Barhocker.

  • Rolf Hefti sagt:

    Man könnte als SP – Journalist in Zürich für ein richtiges und gutes Fussballstadion weibeln gehen. Was ich in dieser Zeitung darüber gelesen habe ist in etwa folgendes: Nach mindestens zwei gut gewonnen Stadtzürcherischen Volksabstimmungen, wurde aus rein politischen Gründen, durch eine unfreundliche Oberschicht, mittels dem hier äusserst wirksamen Gerichtsmissbrauch, welcher offenbar in der Schweiz, leider nur für Züri wirksam ist, das vom Volk abgesegnete Pentagonprojekt verhindert. Die Kleinstadt Bern, kaum grösser als Winterthur, kann ein Stadion mit riesiger Einkaufsinfrastruktur und Parkhaus und 35000 Zuschauerplätzen und scheinbar ohne jedes Problem, schon vor bald über ~20 Jahren bauen ? Ist das in Echt gerecht ? In der Schweiz sollte für alle Regionen gleiches Recht gelten oder ?

    • Karl-Heinz sagt:

      Jetzt müsste man die Unterschiede von Bern und Zürich eruieren. Eine Kleinstadt kann, die Großstadt nicht. Im kleinen Kreis geht manchmal einiges leichter.
      Wie ist denn die Bevölkerungsstruktur in Bern, wie in Zürich?

      • Rolf Hefti sagt:

        Was ich damit sagen wollte: Wenn man mit purer Absicht, in einer für sich selber , so total unwichtigen Angelegenheit*, so handelt, ist das 100% Schlecht. Linke mögen Fussball nicht = OK. – Aber warum dann das für alle Fusdballfans verhindern ? Für mich hat es in der Schweiz viel zu viele Ausländer und Flüchtlinge, politisch habe ich mit meiner Meinung verloren, muss ich nun deshalb allen Ausländern und Flüchtlingen mit einer Mistgabel hinterherrennen ? = NEIN ! Zur Erinnerung : Das Pentagonprojekt hatte zwei Volksabstimmungen gewonnen = Das waren so an die 170000 Stadtzürcher gewesen. Also mehr als die Stadt Bern Einwohner hat = Politik nur aus Boshaftigkeit ist sehr schlecht, ich behaupte nur: Das gibt es auch von der Linken Seite, das schleckt die bestgebildete Geis nicht weg. Traurig !

        • Reto Kroner sagt:

          @Hefti Was hat Ihr Beitrag nochmal mit dem Artikel zu tun?
          Mir wäre nicht aufgefallen das Fussball im entferntesten etwas mit politischer Gesinnung zu tun hätte. Die Abwägungen für die Erstellung eines Fusballstadions haben mit dem Sport selber nun wirklich nichts zu tun.

          Ea scheint mir übrigens ein recht häufiges Problem der Rechten zu sein, dass sie Inhalte schlecht interpretieren- und Unterschiede innerhalb von Situationen nicht erfassen können oder sie ignorieren. Das resultiert dann häufig in unangemessenen Schuldzuweisungen. Mit ein Grund warum Kommentare bei den Artikeln dermassen bissig werden.

  • Matthias Béboux sagt:

    Es ist halt so toll anonym einen bitterbösen Kommentar abgeben zu können… ob es darum geht Frust abzulassen oder wirklich eine Aussage zu machen bleibt unklar.

    Aber mal ehrlich: Ihr wollt uns wirklich einreden, dass jemand der sich als Journalist bezeichnet einen solchen Hasskommentar ernst nimmt?! Oder sich sogar betroffen fühlt?

    • Réda El Arbi sagt:

      Es sind nicht die Hasskimmentare. Es ist das Missverstandenwerden.

      • Medium Hans sagt:

        Erinnert mich an das Problem mit dem „Gott“ und dann das Theodizee-Problem. Seit Jahrtausenden befassen sich die Menschen damit, sich mit seinen Schriften zu befassen, kommen zu keinem Ende und geraten sich darüber noch arg in die Haare. Die richtige Auslegung? Vermutlich liegt es 1. daran, dass alle bisherigen Medien ambivalent sind und das neue Medienparadigma, klarer eindeutiger Code von Sender zu Empfänger, zu offensichtlich autoritär und wenig liebevoll wäre (im Moment noch), und vor allem 2.: Er hat sich nie gezeigt!! Was für eine Frechheit!! Aber hätte er sich gezeigt, dann hätte es geheissen: Was, von diesem Würmchen musste und muss sich mein gesamter Stammbaum und ich selber ständig sagen lassen, was wir zu tun hätten und haben!! Aber natürlich, das ist nur eine Analogie.

        • Réda El Arbi sagt:

          Naja, es ist einfacher, wenn man um seinen narzisstischen Messiaskomplex weiss ( wie ich ). Dann ficht einen die Meinung von Leuten, die einfach noch nicht die nötige Reife erreicht haben, nicht an. 🙂

          • Medium Hans sagt:

            Ich steige auch immer wieder in den Ring mit meinem eigenen charakterlich-narzisstischen Messiasanteil. Wobei Sie natürlich recht haben, weder mein eigener Messiasanteil noch andere Menschen haben die nötige Reife, als dass ich mich auf sie einlassen würde. Olé! 😉

      • Medium Hans sagt:

        Und ein anderer Grund davon abgeleitet: Dass durch die Internetmedienrevolution für viele plötzlich klar wird, wie trivial der Beruf des Journalisten doch ist und sich Journis gar nicht von anderen Menschen unterscheiden. Und kaum wird einer Journi, beginnt einem Automatismus gleich sofort ein virtueller Heiligenschein über seinem Kopf zu leuchten. Nagut, Herr Wyss hat das mit den Psychopharmaka gebracht, nicht ich.

  • Karl-Heinz sagt:

    Alte Pfadfinderweisheit: „wer ständig im Feuer stochert, erntet nur Qualm“.
    Wenn Journalisten heiße Themen anfassen, kommen eben auch heiße Kommentare. Die Lösung: einfach ein Feld „Kommentarfunktion zu diesem Thema wurde deaktiviert“ einfügen. Dann ist Ruhe.

  • Marc Baumann sagt:

    Gehört nicht ganz zum Thema aber: Ich war mal ein Nurzer von Psychopharmaka – und ich kann es jedem empfehlen der vor der Entscheidung steht. Auch ich habe mich leider zu lange dagegen gesträubt weil Tabu. Aber: Richtig angewendet ist die einzige Nebenwirkung jene, dass man abends ins Bett fällt und morgens erholt aufstehen, und so gesunden kann.

    Ein Ibuprofen macht auch gelegentlich müde, dafür sind die Schmerzen weg.

  • Reto Burgener sagt:

    Zwei Dinge fallen mir dazu ein. 1. Wenn Journalisten über Zensur und Rache nachdenken, angesichts von Widerrede und Häme, dann steht deren Verständnis von Meinungsfreiheit auf wackligen Füssen. 2. Wenn die eigene Meinung mit puren Emotionen angegriffen wird, sollte das einen Journalisten eigentlich darin bestärken, weiter zu machen; Wenn er allerdings argumentativ niedergemacht wird, dann sollte er seinen Kopf anstrengen. Wahrscheinlich ist er irgend einem hohlen, populistischen Mainstream gefolgt, der einer guten Logik eben nicht standhält. Denkt unbequem, aber denkt.

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