Im Zuckerhoch

Der Ausflug in eine Schokoladenfabrik bietet manche Überraschung. Zum Beispiel die Entdeckung der Traumfrau.

Im Besucherzentrum der Schokoladenfabrik in Buchs. (Foto: Beni Frenkel)

Am Sonntag bin ich mit dem Zug nach Buchs gefahren. Da gibt es eine Schokoladefabrik und ein Besucherzentrum. Die Tochter sitzt mir im Zug gegenüber. Sie ist ein Teenager. Früher war ich ihr Held, heute bin ich der allerletzte Trottel, um es mal schön auszudrücken. Ich versuche, dieses Bild zu korrigieren, auch wenn ich mir der Ausweglosigkeit bewusst bin. Meine Frau – ich liebe sie – fordert mich auch immer wieder dazu auf, Zeit mit der Tochter zu verbringen – quality time.

Der Zug fährt ab, und das Mädchen packt ein Taschenbuch («Die 1000 besten Witze») hervor. Sie beginnt, die Witze laut vorzulesen. Ich höre aufmerksam zu und versuche an der richtigen Stelle zu lachen. Als der Zug in Lenzburg anhält, befindet sie sich gerade beim 87. Witz. Ich schlage ihr vor, das Buch mal auf die Seite zu legen und aus dem Fenster zu gucken. Das war ein liebevoll gemeinter Ratschlag. «Du hasst mich doch eh», schreit sie mich an. Ich lege ihr und allen Anwesenden dar, dass dies so nicht stimmt. In Aarau steigen wir aus und nehmen den Bus nach Buchs. Im Internet habe ich den Eintritt schon bezahlt. Trotzdem müssen wir eine halbe Stunde warten. Die Warteschlange hinter uns wird immer länger. Die Leute murren, die Kinder quengeln. Ich versuche, nicht auszurasten. Alles wird gut.

Die zwei Frauen an der Kasse sind lieb und überhaupt nicht überfordert. Es gibt sicher einen Grund, warum sie uns warten lassen. Endlich dürfen wir ins Museum. Es ist ähnlich wie das Fifa-Museum in Zürich aufgebaut. Auf einer Ebene kann man sich gelangweilt informieren, erst auf der anderen wird es interessant. Im Fifa-Museum gibt es einen Fussballparcours, hier ein Fliessband mit Gratisschokolade.

Eigentlich ist es nicht geschickt, dass ein Zuckerkranker neben einem Fliessband mit Pralinés steht. Andererseits haben Chips und Brot mehr Kohlenhydrate als Schokolade. Ich beschliesse, heute kein Brot mehr zu essen. Hinter dem Fliessband entdecke ich meine Traumfrau. 41 Jahre musste ich warten, bis ich sie gefunden habe. Die Frau meiner Träume trägt ein rotes Kleid und transparente Handschuhe. Zärtlich füllt sie die Teller auf, die an ihr vorbei- fliessen. Truffes, Schokoladekugeln, Nugat, mit Schokolade überzogene Schaumküsse. Beim Zwanzigsten kann ich nicht mehr. Mein Magen macht Geräusche. Da sehe ich eine Frau. Ich habe gelernt, dass man nicht «ältere Frau» oder «betagte Frau» schreiben darf. Das sei diskriminierend.

Dann schreiben wir es so: Da sehe ich eine Frau, etwa 100 Jahre alt. Sie hat sich auf die Pralinés konzentriert. Auch sie guckt nach ihrem Zwanzigsten etwas glasig. Ich überlege mir, wie ich noch mehr Schokolade in mich reinstopfen kann. Aber da geht einfach nichts mehr. Neidisch gucke ich zur 100 Jahre alten Frau. Wie schafft die das nur? Jetzt hält sie sogar zwei mit Schokolade überzogene Schaumküsse in der Hand. Die Traumfrau hinter dem Fliessband lächelt mich an und fragt, ob ich noch einen Riegel möchte. «Ich kann nicht mehr», sage ich. Mein Bauch macht Geräusche wie die Waschmaschine im Trommelgang. Ich packe die Tochter und flüchte nach draussen.

4 Kommentare zu «Im Zuckerhoch»

  • Ivan sagt:

    Herrlich, grossartig geschrieben, treffende Satire, lange nicht mehr so gelacht!

  • Hakoah Zwei sagt:

    Oder man belässt es einfach. Weil BF weder witzig noch gnadenlos ist. Die Kolumne gehört als Selbstschutzmassnahme eingestampft.

    • Pierre sagt:

      Am Witz erkennt man sich selbst.
      Oder Alternativvorschlag:
      Ohne Humor, keine Demokratie.
      Sie dürfen wählen.

  • Wurzel-Peter Datumquadrat sagt:

    Ich bin Big-Data-Spezialist und arbeite für Google obwohl ich dort gar nicht angestellt bin. Mir ist aufgefallen: Zürich-Lenzburg; 87 Witze. Gemäss entfernungen.ch (es ist nicht klar, ob sich das auf den Zug bezieht – egal!) beträgt die Distanz zwischen Zürich-Lenzburg 36’600 Meter. Das bedeutet, dass die Tochter alle 420,68… Meter einen Witz erzählt hat. Die Fahrzeit beträgt 34 Minuten. Das bedeutet, dass die Tochter gerundet alle 23 Sekunden einen Witz erzählt hat. All das könnte man jetzt mit weiteren Daten und Berechnungen kombinieren, so Geschwindigkeit, Kraft x Witzgrad subjektiv/objektiv : Quadratwurzel des Impulses des Zuges in Relation zur Datenübertragungsgeschwindigkeit des Handys des genervten Sitznachbarn, u.a. Alle 23 Sekunden ein Witz = anstregend + wartende PIschokolade.

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