Essen chez Toni

Das Toni-Areal wollte ein Labor unserer Zeit sein. Jetzt erinnert es an einen Provinzbahnhof.

Ein grauer Koloss, der noch nicht richtig in der Stadt angekommen ist: das Toni-Areal in Zürich-West. (Foto: Keystone/Christian Beutler)

Am Samstagabend sah ich einen Film in der Zürcher Hochschule der Künste, es gibt im Toni-Areal ein Hightech-Kino mit bequemen Sesseln und grosser Leinwand. Ich war früh dran, weil ich noch etwas essen wollte; man weiss ja nie, ob im Film nicht getafelt wird und man mit knurrendem Magen zuschauen muss.

Das Hochschulgebäude haut mich jedes Mal um, wenn es nach der Duttweiler-Brücke auftaucht und am Horizont wächst. Am Samstagabend wars stürmisch, Wolken zogen auf, davor der graue Koloss, unheimlich, rätselhaft, ein Wurf. Die Eingangshalle war hell erleuchtet, aber seltsam still. Das kleine Café vor dem Empfang hatte schon zu, ein paar verlorene Touristen hockten auf den Gartenstühlen.

Ich machte mich auf die Suche nach etwas Essbarem, doch nach hundert Metern durch das ausgeklügelte System der Korridore dämmerte es mir, dass ich nichts finden würde. Am Samstag nach 17 Uhr ist alles geschlossen, das Café am Eingang, die Mensa, das Bistro unten zur Strasse hin.

Vor bald vier Jahren wurde das Gebäude eröffnet. Ich habe die Medienberichte verfolgt, und vielleicht wars Wunschdenken, aber ich hatte das Gefühl, dass dort eine Schule aufgegangen ist, die mehr sein will: eine offene Werkstatt, ein Labor unserer Zeit, ein Treffpunkt, ein Ereignis.

Darum war ich enttäuscht, als ich feststellte, dass es dort am Samstagabend aussieht wie auf einem Provinzbahnhof, wenn der letzte Zug weg ist. Wobei der Provinzbahnhof der falsche Vergleich ist, weil es im Toni-Areal sauber war und taghell erleuchtet, und an den Wänden hingen Parolen dazu, wie man heutzutage leben soll. «Was hast du dir vorgestellt?», sagte mir später eine Dozentin. «Wir sind eine Hochschule. An der Uni ist am Samstagabend auch nichts los.»

Aha. Aber die ZHDK ist doch keine Uni, habe ich bisher gedacht. Da sind Musiker, Filmer, Gestalter, die arbeiten doch die halbe Nacht, die reden und tauschen sich aus, es gibt Konzerte, Ausstellungen, Symposien, ein 24-Stunden-Betrieb, die Kreativität steht nie still. Und die Cafés und Bistros für die 5000 Studenten und Studentinnen werden betrieben von jungen Gastronomen aus der Szene, stellte ich mir vor, die einen Touch Menschlichkeit in den Betonkoloss bringen würden.

Doch die Gastronomie auf dem Toni-Areal liegt in der Hand des Zürcher Frauenvereins, gegründet 1894 zur Bekämpfung des Alkoholismus. Nichts gegen den Frauenverein, aber der Grossbetrieb mit seinen 2500 Angestellten ist wie die Migros, wie der Coop, solid, erwartbar, bewährt. In der F + F in Altstetten hingegen, der anderen Kunstschule der Stadt, besorgt die Verpflegung ein junges Gastroteam, aber einverstanden, dort herrschen andere Dimensionen, die F + F ist kein Supertanker wie die ZHDK.

Gegessen habe ich schliesslich im cleanen, modernen mexikanischen Restaurant des 25 Hours Hotel, man blickt von dort auf die Rampe des Toni-Areals und fühlt sich wirklich im 21. Jahrhundert. Das Essen war tadellos.

Nach dem Film lief ich unter dem Bahnviadukt an einer Gruppe von Halbwüchsigen vorbei, sie sassen auf der Betonrampe und hatten den Ghettoblaster laut aufgedreht, die Kreativität schläft nie.

7 Kommentare zu «Essen chez Toni»

  • tina sagt:

    ich komme da täglich vorbei und es kommt mir immer noch nicht vor wie meine stadt. es ist übrigens die mit abstand heikelste stelle für velofahrer, weil die fussgänger zu 99% total abwesend irgendwie quer über den verlauf des velowegs torkeln, wie blind und taub (blick auf handy, kopfhörer) und im kopf völlig anderswo, überhaupt nicht berechenbar. der veloweg ist dort ja auch nicht markiert, so dass die fussgänger einen wohl als arroganten eindringling betrachten oder schlimmer. und zusätzlich gibt es nur dort gruppen die zu sechst oder mehr nebeneinander (!!) gehen, ohne dass es ihnen in den sinn käme, ein wenig platz einzuräumen :).

  • M.A. eidg. dipl. Dr. Kreativartist sagt:

    Weil ich so wichtig bin, habe ich das schon seit Jahren vorhergesehen, damals, als ich mit meinem Feldstecher zugleich auf dem Üetzgi und Pilatus lebte und arbeitete: In diesem Turm kriegt ein Vogelwurm wie ich nur trockene Augen!

  • John Grüniger sagt:

    Ein grauer Bunker und Provinzbahnhof ja. Und einer mit nachgewiesenem grossem Mangel an Sauerstoff. Man darf sich fragen, wie sich in diesem Kontext einer graulasierenden Wolke Gestaltung und Kunst entwickelt.

  • Hans Züllig sagt:

    Ja ist schlimm dort und vorhersehbar. 650 Mio. investiert, null Ertrag. Die ZHdK ist nicht mal im Ansatz international bekannt, eines der Ziele, man kennt die nicht mal über die Stadtgrenze hinaus. Geführt von Technokraten mit Spitzensalär bringt die ZHdK nichts hervor. Schon gar keine kulinarischen Künste.

  • Leser sagt:

    Das was dort passiert hat eben mit KReativität nicht mehr viel zu tun.
    Dafür hängen ja auch rundherum Plakate die den Leuten sagen wollen wie sie zu leben haben.
    Soziolgen und Künstler zusammensperren hört sich an wie ein verrücktes Experiment. Oder wie Zürcher Hochschulpolitik

  • Luca Manli sagt:

    Der Autor ist ein bisschen naiv.

  • Al di Leola sagt:

    Lange ist es her als Zürich noch eine Stadt der Künstler war… Jetzt musst Du nach Winti, oder sonst nach Irgendwo wo die Künstler sich das Leben als Künstler leisten können… An der Stadt Verdienen nur die Banken und die reichen Investoren, die sind wiederum auch Künstler… Das Toni Areal kommt mir vor wie die Rote Fabrik des neuen Jahrtausend… Die ist wiederum auch Künstlich… Die Farben an den Mauern sind es auf alle Fälle…der Rest, könnte man darüber Streiten…

    Ein Künstler… mitte`50… der sehr viele Kunst verkünstleret hat…

Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind mit * markiert.

800 Zeichen übrig

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.