Wo man noch weiss, was läuft

Weit mehr als die Hälfte der Menschen möchten lieber nicht in der Agglo leben. Dabei kann man sie durchaus schätzen.

Luftaufname aus Dübendorf: Es ist nicht so, dass es zwischen all den hingewürfelten Gebäuden in der Agglo keine idyllischen Plätzchen gäbe. Bild: Urs Jaudas

84 Prozent der Schweizer Bevölkerung leben in der Agglo. Obwohl laut einer Studie nur ein Fünftel von ihnen diese Gegend, eingeklemmt zwischen Stadt und Land, auch bevorzugt. Mit anderen Worten: Weit mehr als die Hälfte der Menschen möchten lieber nicht dort sein, wo sie sind – nämlich in der Agglo.

Kein Wunder. Agglomeration ist kaum fassbar. Aus der Distanz betrachtet, durch die Windschutzscheibe des Autos oder durch die Fenster im vorbeirauschenden Zug, nur eine Aneinanderreihung von wild durcheinandergewürfelten Bauten. Scheinbar ohne Plan und ohne Bezug zur Landschaft.

Was passiert in der Agglo? Die Lokalanzeiger berichten: «Katzentöter: Tatwaffe wurde gefunden.» In einem Dorf im Aargau wurde ein grauslicher Fund in einem Garten gemacht. Eine Familie, berichtete die «Limmattaler Zeitung», fand ihre geliebte Katze tot im Garten vor – den Kopf gewaltsam abgetrennt. Drei Monate später fand man die Tatwaffe in der Nähe des Tatorts. Im Dorf verstand man die Welt nicht mehr. Auch das ist Agglo.

Vom linken Seeufer wiederum wurde berichtet: «Dreiste Diebe stehlen Grabschmuck von frischem Grab.» Kein Einzelfall, hiess es, vielmehr «gang und gäbe». Vielleicht kein ausgesprochenes Phänomen der Agglo, aber hier – draussen vor der Stadt – ist so etwas noch eine Schlagzeile wert.

Genauso wie die Anklage einer Putzfrau im Limmattal, die die Wohnungsschlüssel einer Kundin nicht mehr herausrücken wollte. «Putzfrau ausser sich vor Wut» hiess der Titel der Geschichte. Offenbar war sie von einer Kundin nicht bezahlt worden und forderte ihren Lohn ein, bevor sie die Schlüssel zurückgeben wollte. Damit habe sie sich der Nötigung schuldig gemacht, hiess es in der Anklage. Zornig und ungeniert plauderte sie Privates über ihre Kundin aus, bis hin zu den benutzten Kondomen, die in der Wohnung herumgelegen hätten. Der Richter liess Milde walten und verurteilte die Frau zu einer bedingten Geldbusse plus Verfahrenskosten.

Solches also geschieht – neben vielem anderem – hier draussen in der Agglo. Und all diese Begebenheiten, die in der Stadt kaum eine Randnotiz wert wären, geben hier noch zu reden. Wenn die Agglo auch längst kein Dorf mehr ist, hat sie sich etwas Dörfliches bewahrt – man weiss noch, was läuft.

Und nein, es ist nicht so, dass es zwischen all den hingewürfelten Gebäuden in der Agglo keine idyllischen Plätzchen gäbe. Auch wenn sie beim Durchfahren unsichtbar sind: ein kleiner Weiher in der Nähe, ein romantischer Grillplatz am Waldrand, vielleicht ein Dorfkern aus alter Zeit.

Wer lange im hektischen Zürich gelebt hat, weiss die Agglo durchaus zu schätzen. Vielleicht liegt ihr schlechter Ruf ja nur im Wort begründet. Agglomeration, von «aglomerare», «anhäufen», «zusammenballen», klingt nach nichts Eigenem, nach keinem Inhalt. Nichts könnte falscher sein. Agglomeration ist nämlich vor allem immer noch eines: überschaubar – oder einfach «Lebensraum».

5 Kommentare zu «Wo man noch weiss, was läuft»

  • Rolf Hefti sagt:

    Echte Realität ist eigentlich der Kanton Züristadt . Politik lässt aber in der Schweiz keine Eingemeindung mehr zu . Vielleicht muss die Schweiz dazu erst in der EU sein ? In Deutschland wurde dagegen viel und grosszügig eingemeindet ! Sah viele Städte in Deutschland, in welchen ein Busstop, mit weiten Wäldern umgeben, als Stadtkreis angeschrieben ist . In der Metropole Züri hingegen, kann man von Baden bis Ziegelbrücke und von Schaffhausen bis Zug, in der S – Bahn, durch die Agglomeration gleiten, ohne je das Siedlungsgebiet gross verlassen zu haben. Laut Metrex von der EU ist Züri – Basel – Agglomeration, sogar die bipolare Weltmetropole mit immerhin 5-7Millionen Einwohnern. Natürlich ist das irgendwie schon verdreht. Andernseits wohl die Folge unserer Amerikanisierung nach 1945.

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    neinein. finde ich gut – bitte in den städten bleiben! vielen dank. ich möchte in der agglo keine tendenzen wie beispielsweise im ach-so-monänden… züri. ein hoch auf das verdichtete bauen in den städten.

  • Willi (ich bin nicht von gestern) sagt:

    Der deutsche Bundespräsident (SPD) sagte am Tag der Deutschen Einheit: „Ich bin überzeugt, wer sich nach Heimat sehnt, der ist nicht von gestern. Im Gegenteil, je schneller die Welt sich um uns dreht, desto größer wird die Sehnsucht nach Heimat. Das dürfen wir nicht den Nationalisten und dem rechten Rand überlassen. Heimat ist ein Ort des ‚Wir‘, ein Ort, der verbindet“. Im neuen Koalitionsvertrag steht unter ‚Heimat mit Zukunft‘: „Unser Ziel sind gleichwertige Lebensverhältnisse in handlungs- und leistungsfähigen Kommunen in städtischen und ländlichen Räumen“. Das Wort eines besorgten Frank-Walter Steinmeier (wer sich nach Heimat sehnt, der ist nicht von gestern) hat grosses Gewicht und eine Ausstrahlung vielleicht auch über Grenzen hinweg. Zu hoffen ist, dass er gehört wird.

  • Karl-Heinz sagt:

    Ich wohne in der Agglo, Tendenz zum Dorf. Ich würde niemals tauschen wollen.
    Ich weiß, wie meine Nachbarn heißen. Wir nehmen gegenseitig Pakete entgegen
    und helfen uns aus.

  • tigercat sagt:

    Zürich ist NICHT hektisch!

Kommentar

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