Der musikalische «Spinner» von der Bahnhofstrasse

Die etwas geschönte Geschichte von der Bahnhofstrasse aus der Agglo – und dem feinen Unterschied zur Stadt Zürich.

Es ist eine schöne Melodie, die immer näher zu kommen scheint. Ein helles Pfeifen, moduliert, präzis. Die aufs Sechser-Tram in Richtung Zoo Wartenden schauen irritiert von ihren Handys auf. Mal kommt der Ton näher, wird lauter, dann entfernt er sich, wird leiser. Als sein Urheber stellt sich ein grauhaariger Mann in braunem Glattledermantel heraus. Er trägt eine Sporttasche über der Schulter und auffällige Schuhe. Er würde sie wohl als rosarot beschreiben, die heutige Generation sagt pink. Doch eben, dieser Mann scheint nicht ganz aus dieser Zeit, wie er so auf der Zürcher Bahnhofstrasse hinauf und hinunter schlendert und vor sich hin pfeift. Richtig schön pfeift.

Doch nun bricht er die Melodie ab, sagt zu einer ihm entgegenkommenden Frau: «Guten Morgen.» Sie reagiert nicht, doch als sie an ihm vorbeigegangen ist, dreht sie sich kurz um – kennt sie ihn? «Kennt der mich?», scheint sie sich zu fragen und eilt weiter. Da grüsst der Mann schon weiter: «Guten Morgen», sagt er zu einem jung-dynamischen Geschäftsmann. Nun pfeift er wieder. Zwei Jugendliche puffen sich an, wedeln mit der Hand verstohlen vor dem Gesicht herum. Der spinnt. Wann kommt endlich das Tram?

«Geht ihr in den Zoo?», fragt der Mann eine Gruppe Kindergärtler. Die Lehrerin eilt herbei, zieht die Kinder weg. Der Mann winkt ihnen nach und sagt dann zu einer älteren Frau mit zotteligem Hund: «Guten Morgen.» Sie grüsst spontan zurück und scheint darüber zu erschrecken. Endlich kommt das Tram.

Gut zehn Kilometer westlich davon, in der Agglo, gibt es auch eine Bahnhofstrasse. Sie führt, wenig überraschend, auf den Bahnhof zu und unterscheidet sich krass von der Zürcher Bahnhofstrasse. Die höchste Hausnummer ist die 16. Statt Paradeplatz eine Raiffeisenbank, statt Bucherer ein Schmuckladen namens Lieblingsstück, ein Hörzentrum statt eines Apple Store, eine chemische Reinigung statt Mango. Und statt Hummerbar der Salsa Grill, für den zwei künstliche Palmen mit rot illuminierten Wedeln werben. Einen Coiffeur gibt es natürlich auch.

Und es gibt dort zuweilen einen Mann mit langen grauen Haaren, farbiger Windjacke und klobigen Turnschuhen, der singend hin und her geht und die Vorbeigehenden grüsst. Sie grüssen zurück. Man kennt ihn, beim Namen, er steht normalerweise vorn beim Bahnhof, ging mit einem der Stadträte zur Schule. Manche drücken ihm ein Gipfeli in die Hand.

Zugegeben: Diese Geschichte ist etwas geschönt. Es gibt Menschen an der Agglo-Bahnhofstrasse, die gehen diesem Mann aus dem Weg. Oder sie fürchten sich gar vor ihm. Doch ist er von dieser Welt, er gehört dazu. Und noch etwas müssen wir der Ehrlichkeit halber anmerken: Der «Spinner» von der Stadtzürcher Bahnhofstrasse ist nicht nur gesitteter als derjenige von der Agglo-Bahnhofstrasse – sondern auch viel musikalischer. Sein Pfeifen ist wirklich richtig schön.

3 Kommentare zu «Der musikalische «Spinner» von der Bahnhofstrasse»

  • Penumbra Noctis sagt:

    Wundert Sie das, dass einem so ein Verhalten komisch vorkommt in Zuerich? Mich nicht. Die Erklaerung ist denkbar einfach: Wenn einen in Zureich jemand anspricht, dann weil er/sie entweder Ihr Geld oder Ihre Seele will, oder gleich beides. Wann immer ich mit „Hallo, guten Tag!“ oder so angesprochen werde, ist genau dies der Fall. Entweder sammelt jemand Geld fuer ein Hilfswerk oder ist als Seelenernter fuer eine Sekte unterwegs. Oder beides. Das hat sich unterdessen so ins kollektive Gedaechtnis traumatisiert, dass es allen Zuercherinnen und Zuerchern so geht.

  • Michael sagt:

    Schön das es noch solche Menschen gibt. Schade nur, das sie in unserer Gesellschaft so mit Argwohn betrachtet werden. Was man aber auch verstehen kann, da viele böse Buben und Mädels sich einem erst freundlich nähern, bevor sie böse werden.

  • suza sutter sagt:

    gute geschichte, super erzählt. wir spinnen ja alle, nur zeigens die einen unterhaltsamer als die andern

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