Was kostet eigentlich ein Graffito? (2)

Im heutigen Beitrag dieser städtischen Gebrauchsanleitung geht es um Pfadfinder und weiche Knie, um Silberrücken und Nilpen – vor allem aber geht es um eine Dosis Grundwissen.

Hier war eindeutig ein schlimm talentloser «Toy» am Werk, deshalb ist das Resultat auch keine Graffiti-Kunst, sondern hässlich aussehender Vandalismus. Foto: Keystone

Aufgrund der kürzlichen Säuberung Hinwils von Rudolf Hess’ Nazi-Fratze, die da seit Jahren unbehelligt von einer Tunnelwand lugte, haben wir ja letzte Woche die im Titel zu lesende Frage formuliert. Die man – nicht ganz alltäglich – auf drei verschiedene Arten beantworten kann: Nämlich aus Sicht des Sprayers, des Betrachters und des «Opfers», das seine befleckte Fassade (oder Garage, Hundehütte, Vitrine usw.) wieder zurück in den jungfräulichen Zustand gereinigt haben möchte.

Bevor wir zum Auftakt die Perspektive des Künstlers ausleuchten, zwei Vorbemerkungen: Wir werden bei diesem Thema auf Moral, Sympathie, Verbalgespucke etc. verzichten, also erstmals überhaupt einen rundum wertneutralen Service offerieren – so, wie früher die Pfadfinder älteren Damen über die Strasse halfen; unabhängig davon, ob diese sich mit Eau de Cologne eingesprüht hatten oder nach ungelüfteter Wohnung rochen, ob sie mild oder mürrisch drauf waren (stimmt, wenn man genau hinguckt, hinkt er ein bisschen, dieser Vergleich)

Punkt zwei: TA-Kollege Siegrist, der eigentliche Held dieser Geschichte (Details siehe letzten Samstag), hat inzwischen aus kollektiver Dankbarkeit (und einem anderen, nicht so wichtigen Grund) derart viel Haribo-Produkte erhalten, dass ich Sie bitte, von weiteren Lieferungen abzusehen – sonst bekommt er wegen zu viel Gummi noch weiche Knie (komisch, gestern fand ich den Witz noch ganz keck, aber wenn ich ihn jetzt so lese … peinlich).

Bene, damit, in medias res. Zuerst braucht der Laie – in diesem Fall Sie – die nötige Dosis Grundwissen. Das wichtigste: In der Graffiti-Szene existieren strenge hierarchische Strukturen, ähnlich jenen im Zoo: Wie es also nicht einfach DEN Gorilla gibt, gibts auch nicht einfach DEN Spraykünstler.

Beginnen wir mit dem «Aerosol-Junkie», für den die chemischen Düfte fast relevanter sind als Skills. Dann hätten wir den «All City King»: Seine Bilder sind omnipräsent, und dafür wird er bewundert – aber nicht so sehr wie die «Legende», sprich den Writer, den alle kennen und maximal respektieren (im Affenkäfig wär das der Silberrücken). Ansehen geniesst auch der «Oldie». Er ist, nomen est omen, seit den frühen 80ern dabei und weiss darum genau, dass damals nicht die Sugarhill Gang oder Furious Five, sondern Whodini die smootheste Rap-Combo war. Am anderen Ende haust der «Newcomer». Er ist neu im Geschäft, hat im Gegensatz zum «Toy» – das ist der Nilp – aber das Talent, um Spuren zu hinterlassen.

Am nächsten Samstag gehts dann ums Material und die Frage, wie man sich das Zeugs besorgt. Und damit zur Schlussfrage, die wie immer lautet: Wozu kann man diese Gebrauchsanleitung brauchen? Diesmal ist der Nutzen ein praktischer: Wenn Sie, motiviert durch die Lektüre, jetzt selbst erste Sprayversuche wagen wollen, können Sie diese Zeitungsseite als Unterlage für die Dosen (im Jargon auch: Can, Zotti, Büchse, Kanne) benutzen, damit die Restfarbe nicht auf den Boden tropft – gerade beim Debüt will man ja nicht unbedingt unangenehm auffallen.

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