Nur eine Gabel

Wie man beim Frühstück ganz unverhofft zum Schlammsammler der ganzen Familie wird. Und wie man damit lebt.

Mitten in Zürich: Ein Gullideckel. (Foto: Beni Frenkel)

Heute möchte ich von einem Gulli­deckel berichten, den ich mitten in Zürich entdeckte. Ich schmunzle ziemlich wenig in meinem Leben. Es gibt ja so wenig Lustiges in Zürich. Aber dieser Metalldeckel erheitert mich jedes Mal. Auf ihm steht «Schlammsammler».

Ich habe nicht vor, Ihnen zu verraten, wo er sich befindet. Des Weiteren will ich gar nicht wissen, wozu ein Schlammsammler dienlich ist. Es wäre leicht, das herauszufinden. Dazu gibt es sicher 1298 Einträge im Internet; verfasst von Menschen mit Brille plus Sachverstand. So bleibt der Schlammsammler für mich ein poetisches Wort. Zu viel Wissen tötet die menschliche Fantasie. Aus diesem Grund will ich nichts über Frauen wissen. Als erfahrener Pädagoge rate ich Eltern davon ab, ihren Kindern aufklappbare Bücher des menschlichen Körpers zu schenken. Was passiert? Der Heranwachsende öffnet den Bauchdeckel des anderen Geschlechts und sieht: Gedärme. Dieses Kind wird später keine Aubaden schreiben. Das sind Morgenständchen und wichtig für die Überleitung.

Beim Frühstück bin ich eigentlich auch ein Schlammsammler. Die Kinder essen nie ihr Birchermüesli fertig. Und die Milch trinken sie auch nur zur Hälfte. Also muss Papi ran.

Natürlich ärgert mich das. Aber was soll man tun? Ich kann doch nicht jedes Mal vom armen Mahmud aus Äthiopien erzählen, der von Birchermüesli träumt. Meine Kinder halten sich die Ohren zu, wenn ich ihnen die traurige Geschichte des hungernden Kindes erzähle. Was weiss ich schon, wovon ein äthiopisches Kind träumt? Sicher nicht von unserem Frühstück. Denn gut schmeckt es wirklich nicht, das Birchermüesli. Meine Frau erlaubt den Kindern nämlich keine Kellogg’s Frosties oder Smacks. Die Pampe sieht aus wie Zement und schmeckt auch so. Arme Kinder, sehr armer Papi.

Frühstück hatte bei mir noch nie einen hohen Stellenwert. Das hängt mit meiner Biografie zusammen. Bei der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl war ich neun. Wir standen vor dem Fernseher und sahen den zerstörten Reaktor. Jeden Morgen musste ich deswegen diese verdammten Lebertran-Kapseln schlucken. Wegen Tschernobyl. Was stand da sonst noch auf dem Frühstückstisch? Filterkaffee und die normalen Kellogg’s Corn Flakes.

Dass ich heute der Schlammsammler der Familie bin, ist eigentlich eine kleine Überraschung. Ich tue mich grundsätzlich schwer mit dem Verzehr von Angebissenem. Ich staune auch über die vielen Liebesfilme, in denen frisch verliebte Pärchen vom gleichen Glas trinken oder Spaghetti von beiden Enden aufessen. Das ist doch eklig.

An der Hochzeit hat uns jemand ein Stück vom Hochzeitskuchen überreicht. Auf dem Tellerchen lag aber nur eine Gäbelchen. Zuerst hat natürlich meine Frau die Gabel in ihren Mund gesteckt. Dann wollte sie mir ein Stück reinschieben. Mit der gleichen Gabel, die vorhin an ihrer Zunge klebte. Und alle Gäste guckten zu. Da wusste ich: Ab heute beginnt ein neues Kapitel in meinem Leben: Der Schlammsammler.

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