Schnell wirds peinlich

Ein Passagier ist fröhlich, alle schauen weg. In Zürcher Trams herrscht die Angst vor der Blamage.

Trams in Zürich: Hoffentlich verhalten sich alle normal. (Foto: Keystone/Ennio Leanza)

Vor ein paar Tagen stand ich im Tram neben einem jungen Kroaten in einer schwarzen Bomberjacke, die militante Aufmachung kontrastierte mit seinem kindlichen Gesicht. Am Ärmel der Jacke prangte das Wappen von Dinamo Zagreb. Ich hatte es mit einem Sprung knapp in den Anhänger geschafft, bevor die Türen zugingen, und er hatte gegrinst.

Dann wandte er sich einem Pärchen in der Nähe zu. «Bist du aber gross gewachsen für einen Italiener!», rief er, «mit euch kann man sonst Bockspringen spielen.» Der junge Italiener lächelte gequält, was sollte er schon sagen. «Ich bin gut drauf», sagte der junge Kroate zu mir gewandt, «es ist Wochenende.» Er war aufgedreht, aber friedlich. Er wollte einfach seinen Spass haben.

Ich spürte, der nächste Spruch würde mir gelten. «Wie spielt eigentlich Gavranovic, seit er bei euch ist?», sagte ich, um abzulenken. Mario Gavranovic war mal beim FC Zürich gewesen, seit diesem Jahr spielt er für Dinamo ­Zagreb. Fussball ist immer gut in ungemütlichen Situationen.

«Die Saison hat noch nicht angefangen», antwortete der Dinamo-Fan. Wir tauschten ein paar Worte unter Fachleuten. Dann fand ich einen Sitzplatz und holte mein Notizbüchlein hervor. «Im Grunde», schrieb ich, «geht es um die Peinlichkeit der Situation. Es braucht so wenig: Jemand ist etwas aufgedreht, und schon weiss man nicht, wie man sich verhalten soll.»

«Schön, dass es noch Menschen gibt, die von Hand schreiben», sagte die Frau auf der Sitzbank mir gegenüber, eine Tasche mit farbigen Papierrollen stand vor ihr auf dem Boden. «Ich schreibe meine Beobachtungen auch in kleine Büchlein», sagte sie, «manchmal komme ich mir vor wie ein Relikt aus einer anderen Zeit

Ich dachte an meine schwarzen Notizbüchlein zu Hause, abgelegt in irgendwelchen Schachteln. Ich hatte mal die Vorstellung, sie zu nummerieren und zu ordnen, aber warum eigentlich? Ich habe sie mir nie wieder angeschaut. «Die Menschen hören auf, sich schriftlich mitzuteilen», sagte ich. «Auch im Alltag.»

Bild und Ton seien im Begriff, das geschriebene Wort zu verdrängen, habe ich kürzlich in der «New York Times» gelesen. Emojis, Instagram – das ist erst der Anfang. Wir werden lernen, differenzierte Botschaften in einem Bild zu verdichten, unsere Beobachtungen, unsere Gefühle, unsere Kommentare. Plötzlich hatte ich eine Vision: Wird als Folge die Schrift verschwinden? Der gute alte Motor der Geschichte seit den Steintafeln der Babylonier? Ich weiss, Visionen haben nur Irre.

Beim Aussteigen begegnete ich dem Dinamo-Fan in der Bomberjacke. «Es geht mir gut», sagte der Junge und streckte mir seinen tätowierten Unterarm entgegen, um sich im Ghettostyle der Rapper zu verabschieden. «Chef, hausch druff», sagte er.

Das nächste Mal nehme ich das Smartphone aus meinem Hosensack und drücke ab. Bild schlägt Text, Kumpel.

17 Kommentare zu «Schnell wirds peinlich»

  • Mario Simon sagt:

    Was ist das besondere an dieser Story?
    Nichts!
    Es ist Daily Live, und das ist schön so.
    Ich geniesse solche menschlichen Momente.
    Den Herrn aus Serbien jedoch als asozial zu bezeichnen
    zeigt das manche keine Toleranz mehr kennen.
    Zürich ist halt eine recht uniformierte, langweilige
    Spiesser Stadt.

    • beat graf sagt:

      lieber spiessig als rüpelhaft, Herr Simon.

    • Michael sagt:

      Das ist noch nicht mal daily life ! Ich fahre berufsbedingt täglich mut Bus und Tram quer durch die Stadt und erlebe sowas garnicht. Das einzige was ich wahr nehme sind meine Mitmenschen, die auf ihr Natel starren. Ich hab immer mein Tagi dabei und ernte eher dafür ungläubige Blicke.

  • beat graf sagt:

    ich als Italiner hätte geantwortet: „Beim Springen wärst du aber mit deiner grossen Klappe bei mir am Arsch hängen geblieben… „. Und dann würde es wohl nach Mani Matters „Ig han es Zündhölzli anzündt und es het a Flamme gä….“ weiter gegangen sein.

  • Richard $choll sagt:

    Ja, soziale Kontrolle gibts nur auf dem Lande, drum wandern die Asozialen in die Stadt, ganz nach dem Motto: Stadtluft macht frei. Sie geniessen die gratis gegebenen Leistungen: Wasser, Strassen, Unterkunft, Essen, medizinische Versorgung, KESB. $iehe Stadtrechunungen von Biel, Bern, Genf, Zürich, Winterthur.

  • iseppi sagt:

    Man stelle sich vor, ein Deutscher hätte eine ähnliche Bemerkung gemacht. Uff da hätte einen Aufschrei gegeben.

  • Fred Berner sagt:

    Ich wage zu behaupten, dass mal wieder dreiviertel dieser Geschichte frei erfunden ist – wie üblich!

  • Flor Weissen sagt:

    ohhhhhhh, roland meier – humor gibts wohl nicht in deinem leben?

  • Roland Meier sagt:

    Und weil jemand gut drauf ist rechtfertigt das eine rassistische Bemerkungen machen zu dürfen? Oder ist das gequälte Lächeln auf ein Arschloch die falsche Antwort? Klar kann man ignorieren was Menschen sagen und sich mit ihnen gut stellen, nur wünschenswert ist das nicht unbedingt.

    • sepp z. sagt:

      @Meier, am besten immer Schweigen. Augen zu, Ohren zu. Dann machen Sie bestimmt nichts falsch.

      Für Sie ein schönes Gedicht von Eugen Gomringer:
      Schwiizer.

      luege
      aaluege
      zueluege

      nöd rede
      sicher sii
      nu luege

      nüd znäch
      nu vu wiitem
      ruig bliibe

      schwiizer sii
      schwizer bliibe
      nu luege.

    • Roland Meier sagt:

      Sie haben es schlicht nicht begriffen. Es geht nicht darum „nur z’luege“ sondern darum, dass man sich nicht mit jedem Idioten gut stellen muss. Wenn Sie dem Typen noch das Gefühl geben dass sein Verhalten richtig war, kommt er auch nicht auf die Idee etwas falsch gemacht zu haben. In sofern war das Verhalten von Herr Gimes also durchaus verkehrt. Nicht nur „luege“ aber auch nicht nur so tun als wäre alles in Butter.

Kommentar

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