Zürich ist nicht links

Ein Ex-Hardcore-Zürcher wählt das erste Mal in der Agglo und stellt fest: In Horgen siehts etwas besser aus als in Zürich.

Erstmal ungewohnt: Eine ziemliche bürgerliche Übermacht regiert Horgen. (Bild: Keystone/Alessandro Della Bella)

Es ist Wahlzeit. Nicht nur in der Stadt, auch in der Agglo. Da ich erst nach den letzten Kommunalwahlen von Zürich nach Horgen gezogen bin, wähle ich erstmals am neuen Ort. Und da die 23’0000-Einwohner-Gemeinde kein Parlament hat, darf ich auch keins wählen. Ich konzentriere mich notgedrungen auf die Exekutive.

Für mich als Ex-Hardcore-Zürcher war gewöhnungsbedürftig, dass in meiner neuen Gemeinde Horgen die parteiliche Zusammensetzung der Regierung folgendermassen lautet: 4 FDP, 2 SVP, 1 CVP, 1 Parteiloser und 1 SP. Ziemliche bürgerliche Übermacht also. Beim Parteilosen habe ich keine Ahnung, wie der tickt. Das habe ich auch bei intensiver Lektüre der Regionalzeitung und zahlreichen Besuchen von Gemeindeversammlungen nicht herausgefunden. Weil ichs nicht besser weiss, zähle ich ihn mal nicht zum Rechtsblock. Die CVP-Frau auch nicht, sie ist Horgens politische Mitte. Bleiben summa summarum sechs von neun Gemeinderatsmitgliedern, welche die FDP und die SVP vertreten.

Die Zahl sechs erinnert mich an Zürich. Nur mit umgekehrten Vorzeichen. Am Abfluss des Zürichsees bilden im Stadtrat sechs Politikerinnen und Politiker von SP, Grünen und AL den Linksblock, dem drei mehr oder weniger rechte Exponenten von FDP und CVP gegenüberstehen. Noch interessanter wird die Betrachtung, wenn man die Parteistärken vergleicht. So repräsentiert die Zweidrittelübermacht von sechs Linksblöcklern in der Zürcher Exekutive nur 46 Prozent der Stadtzürcher Wählerschaft. So viele haben vor vier Jahren die Listen von SP, Grünen und AL in die Wahlurne gelegt. Zürich ist also gar nicht so links, wie es oft heisst. Mehr als die Hälfte wählt eine Rechts- oder Mitte-Partei.

In der Frage der Repräsentation siehts in Horgen etwas besser aus. SVP und FDP holten bei den letzten Nationalratswahlen immerhin 51 Prozent der Stimmen. Das sind allerdings auch nicht die zwei Drittel, die sie an Sitzen in der Exekutive innehaben. Der einsame Sozialdemokrat im Neunergremium kann einem fast leidtun. Er trägt eine hohe Last auf seinen roten Schultern. Als einziger Linker repräsentiert er doch 24 Prozent der politikinteressierten Bevölkerung. Auf dieses Viertel der Wählerschaft kommt man, wenn man die SP-, Grünen- und AL-Wähler in Horgen zusammenzählt.

Aber: Der Genosse vom Zürichsee hockt immerhin im Gremium. Die Parteien, die in der Horgner Regierung sitzen, vertreten 75 Prozent des Wahlvolks. Inklusive des Parteilosen könnte man gar sagen: 100 Prozent. Aber Scherz beiseite. In Zürich, wo man so stolz auf seine Minderheiten ist und sich starkmacht für deren Schutz, repräsentieren die neun Stadtratsmitglieder nur 67 Prozent der Wähler. Die SVP-Minderheit geniesst nicht denselben Stellenwert wie andere. Dafür darf sich die Volkspartei ja auch im Parlament austoben.

Am schlimmsten für die SVP siehts ohnehin ZWISCHEN Zürich und Horgen aus. In Kilchberg, Rüschlikon und Thalwil – gemäss «Weltwoche» allesamt in den Top 7 der attraktivsten Gemeinden der Schweiz – sitzt kein einziger SVP-ler in der Exekutive.

6 Kommentare zu «Zürich ist nicht links»

  • Peter Schmucki sagt:

    Mit dem Vermögen der Bewohner steigt der Wähleranteil der FDP. Die SVP wird vom Proletariat gewählt.

  • Peter Aebersold sagt:

    Da hat Horgen aber Glück gehabt. Jetzt hat es doch endlich einmal einen echten Linken. Darauf hat man sicher schon lange gewartet.

  • Klaus Zapfer sagt:

    „In Kilchberg, Rüschlikon und Thalwil – gemäss «Weltwoche» allesamt in den Top 7 der attraktivsten Gemeinden der Schweiz – sitzt kein einziger SVP-ler in der Exekutive.“ Vermutlich sind diese Gemeinden so attraktiv, WEIL kein SVPler in der Exekutive sitzt.

    • Karl Hugentobler sagt:

      Ihre Aussage macht keinen Sinn, ist arrogant und beleidigend. Es gibt SVPler und SVPler. Es gibt Scheinbürgerliche und Papierliberale. Genauso ist auch die SP heterogen wenn nicht sogar gespalten. Darum sagt die Parteizugehörigkeit wenig aus über die Einstellung und Fähigkeiten eines Politikers.

  • Robert F. Reichmuth sagt:

    Nein, am begehbaren Uferweg liegt es nicht, schon eher an der „Alten Landstrasse“. Schön wäre es, wenn sich ein TA-Hardcorer (gerne auch
    eine TA-Hardcorerin) innerhalb der nächsten Legislaturperiode bis nach WOLLYHILL schaffen würde. NB. Der Landweg ist für FussgeherInnen
    zwischen den Kantonen ZH>:<SZ ab Aschermittwoch wieder geöffnet.

  • Claude Fontana sagt:

    Naja von Horgen bis Zürich mag es linker sein, aber ab Horgen bis zum Nachbarskanton ist es ziemlich rechtslastig. Das mag am begehbaren Uferweg liegen, oder auch nicht.

Kommentar

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