Wir sind alle Dorers

Im heutigen Beitrag dieser städtischen Gebrauchsanleitung geht es um Wutbürger und das WEF, um eine verheulte Rede und ein abgebissenes Ohr – vor allem aber geht es um Selbsterkenntnis.

Am 25. Juni 1977 führte Kapitän Köbi Kuhn den FCZ in seinem letzten Meisterschaftsspiel in den Letzigrund, hinter ihm Karl Grob, dann folgt Ernst Rutschmann, Fredi Scheiwiler, Primen Stierli, «Storch» Fischbach, ganz hinten, mit Ball, René «Bo-Bo» Botteron. Von all diesen seinen Helden hatte der Schreiber als Bub Autogramme erobert.

Endlich hätte ich die Möglichkeit gehabt, etwas zu sein, was ich nicht bin, aber versuchsweise gerne mal wäre, vielleicht für ein, zwei Stunden. Nämlich Wutbürger. Auslöser war das SMS, das ich vorgestern mit dem Vermerk «Info» an die Nummer 444 geschickt und auf das ich umgehend die Antwort erhalten hatte: «Ihre Kundenangaben waren vom Vorfall betroffen», ergänzt um das übliche Entschuldigungsblabla.

Man merke: Anders als Nationalräte werden Lokaljournis von der Swisscom nicht automatisch ins «Priorité»-Programm aufgenommen, bei Datenlecks und anderem also auch nicht ungefragt informiert. Dabei wär doch das Gros dieser Politiker ohne unsere Provinzberichterstattung bereits an der Türschwelle ihrer Parteizentrale gestolpert!

Jedenfalls sah ich mich bereits in einen Swisscom-Shop stürmen, um den Hals ein selbst gebasteltes Kartonschild mit der Botschaft «ICH BIN EINER DER 800’000!!!!!!!!» (notabene in blutroter Schrift; ein wichtiger psychologischer Kniff), um dort dann schnaubend wie ein hocherregter Pamplona-Stier zwei Minuten auf und ab zu stampfen und schliesslich per mitgebrachtem Megafon zu brüllen: «Ich gehe hier erst wieder raus, wenn ich als Wiedergutmachung mein Swisscom-TV die nächsten vier Monate gratis bekomme . . . oder wenigstens die nächsten zwei!»

Dann aber dachte ich an Dorer. Christian Dorer, laut NZZ-Charakterstudie «der Nette vom ‹Blick›». Ich dachte daran, wie dieser Superchefredaktor gestern vor zwei Wochen Donald Trump am WEF sein Boulevardblatt in die Hand legte und den US-Präsidenten bat, seine Zeitung – «the biggest ­newspaper of Switzerland!» – mit einem Chribel zu versehen.

Ich dachte daran, dass er in diesen knapp 50 Sekunden nicht mehr wie der temperamentvolle 42-Jährige Medienprofi, sondern wie ein hibbeliger 10-jähriger Autogrammjäger gewirkt hatte; allzeit bereit, für das grosse Ziel komplett die Fasson zu verlieren (ich weiss genau, wovon ich rede, ich war dieser Bub, und damalige FCZ-Akteure wie Grob, Heer, Kuhn, Katic oder Botteron meine Opfer).

Ich dachte daran – und das tat mir leid –, dass man Dorer wohl fortan nie mehr ohne diesen stehend ausgeführten Kniefall würde sehen können, so wie man auch Schauspielerin Gwyneth Paltrow nie mehr ohne ihre hysterisch-verheulte Oscar-Rede von 1999 und Ex-Boxchamp Mike Tyson nie mehr ohne seinen irren Biss in Evander Holyfields Ohr von 1997 sehen kann.

Als all das gedacht war, entschied ich, den Wutbürger bleiben zu lassen – im Wissen, dass heutzutage immer und überall ein Smartphone mitfilmt.

Damit zur Schlussfrage: Wozu ist diese Gebrauchsanleitung nützlich? Ich sag nur: Selbsterkenntnis! Dann und wann verhalten wir uns nämlich alle wie Dorer in Davos!

Beispielsweise ätzt man am Morgen im Pausenraum heftigst über die Teppichetage ab, am Abend fährt man mit besagtem CEO Lift und betreibt emsig lammbraven Smalltalk. Und wie oft hat man konkrete Politiker, Sportler und TV-Leute auf den Mond geschossen gewünscht – dann erlebt man eine dieser Personen in einer Alltagssituation und verkündet am nächsten Grillabend: «Irgendwie scho no en zwääge Tüüp, de Tuena!»

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