Ich bin ein ehrlicher Typ

Beni Frenkel wird zu einer Führung ins Bundeshaus mit Essen eingeladen. Er würde allerdings lieber gleich essen gehen.

Führung mit einem Parlamentarier im Bundeshaus in Bern. (Foto: Samuel Schalch)

Am Samstag sind in Wollishofen enorm viele Politiker auf den Trottoirs herumgelungert. Das hat mich sehr geärgert. Immerhin haben ein paar Schokolade verteilt. Ich forderte meine Kinder auf, so viel Schokolade zu nehmen wie nur möglich. Die Politiker haben das nicht so gern gesehen. Einige scheuchten die Kinder nach dem dritten Mal fort. Ich setzte mich auf eine Bank und schaute dem Treiben zu.

Ich habe festgestellt: Die Politiker aus Wollishofen haben wenig Erfahrung mit dem Verteilen von Schokolade. Sie tippeln unsicher auf die Passanten zu und strecken ihnen schüchtern die Schokolade zu. Das erinnert mich an meine Anfänge in Aargauer Tanzlokalen («Discos»). Da war ein Mädchen («Noelle»), sie 13, ich 14. Sie hatte lange, braune Haare. Ich war sehr erregt und tippelte unsicher auf sie zu: «Willst du tanzen?» Zum Glück hat sie mich nicht verstanden.

Ausgehend von den Politikern, habe ich kombiniert: Anscheinend sind wieder Wahlen. Ich beschäftige mich überhaupt nicht mit Politik. Ich gehe nicht einmal wählen. Darauf bin ich sehr stolz. Ich werfe die grauen Abstimmungsunterlagen ungeöffnet ins Altpapier. Mir ist völlig egal, wer oder was gewählt wird. Das geht mir total am Füdli vorbei. Die meisten Menschen, denen ich das sage, klopfen mir auf die Schultern: «Gottlob gibt es so starke Persönlichkeiten wie dich.»

Letzte Woche habe ich aber das hochinteressante «Extra Blatt» von der Partei SVP UDC erhalten. Da habe ich so viel über Politik gelernt, dass ich mittlerweile mitreden kann. Auf Seite 8 entdeckte ich den Wettbewerb «Wie gut kennen Sie die SVP?». Ich kenne die Partei SVP UDC leider nur vom Hörensagen. Ich glaube, die Partei SVP UDC ist gegen Atomkraft und Waldsterben. Ich finde beides blöd. Meine beiden Lieblingslieder sind «Mein Freund der Baum» von Alexandra und «Mein Apfelbäumchen» von Reinhard Mey. Letzteres habe ich meinen Kindern vor dem Einschlafen gesungen. Ich musste beim Singen immer weinen. Vor allem bei einer der letzten Zeilen: «Du bist ein Licht in ungewisser Zeit, ein Ausweg aus der Ausweglosigkeit.»

Leider schweife ich ab. Der erste Preis beim Quiz ist wie geschaffen für mich: «Bundeshausführung für vier Personen mit einem Parlamentarier nach Wahl inklusive Mittagessen.» Das Bundeshaus interessiert mich nicht. Ich würde dem Parlamentarier nach Wahl gleich sagen: «Ersparen Sie mir die Führung. Gehen wir lieber gleich essen.» Ich würde meine Frau und meine Eltern nach Bern mitnehmen. Dort steht das Bundeshaus. Ich will nicht Werbung für ein Restaurant machen. Deswegen nenne ich den Namen nicht. Nur das Menü: «Domingo’s vegetarisches Wochengericht mit Superfood Ingredienzien: Beluga Linsen-Süsskartoffel-Curry, Halloumi, Aroniabeerenchutney, Federkohl.» Das bitte viermal.

Eine Quizfrage lautet: «Welches sind die beiden aktuellen Bundesräte der SVP?» Ich kenne leider nur einen Bundesrat; den Adolf Ogi. Eigentlich bin ich blöd, das hier zu schreiben. Jetzt wissen alle, wo es einen Wettbewerb gibt. Ich bin halt ein ehrlicher Typ. Und kein Politiker.

4 Kommentare zu «Ich bin ein ehrlicher Typ»

  • Andreas Meyer, 8046 Zürich, 044 - 371 70 93 sagt:

    Rabbi, isse tot?
    Ich lese Frenkels Kolummnen immer mit Vergnügen, schon diejenigen seines Vaters waren lesenswert. In der oben genannten (im Tagi vom 7.6.) beschreibt er seine neue Ausbildung zum Pfleger. Für meinen Sohn (50+) ein idealer Weg zu seiner Berufung; er geht schon seit Jahren als Betreuer in Behinderten-Ferienlager. Von Beruf Grafiker, leider auch brotlos… Hoffentlich war der Beitrag nicht nur ein Witz? Das wäre traurig! Ich würde die Kontaktdaten für die Asbildungsstätte gerne an Sohn Martin in Leipzig weiterleiten! Darf ich darum bitten?

  • Susanne Weber sagt:

    Über Geschmack lässt sich streiten…

  • Peter Huber sagt:

    Hi hi hi, Zürcher Politiker mit Schoggi. Hi hi hi, Berner Koch mit ausländischem Namen und Vegigericht. Hi hi hi, SVP. Der Tagi würde gut daran tun, wie die Berner Zeitung Kochrezepte zu veröffentlichen statt solche gehässigen Rundumschläge. Der hier zitierte Artikel „Super Start mit Superfoods“ schlägt dieses schadenfreudige Geschreibsel um Welten.

  • M Frei sagt:

    Einfach grossartig! Das Lesen von Beni Frenkels Kolumnen ist (meist) ein grosses Vergnügen. Weiter so.

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