Jahre des Leidens

Die Selbstqual gehört zu unserem Leben. Der grösste Luxus wäre: einfach nur zu sein.

Nicht alle haben Lust darauf, sich zu plagen. Ein Radrennfahrer auf dem eingeschneiten Berninapass. (Foto: Keystone/Arno Balzarini)

Die Bahnpolizisten standen im Waggon, als ich in die S 24 einstieg, ein grosser Blonder mit einem rundlichen Gesicht und ein kleinerer mit Dreitagebart und kurzen Haaren. Der Grosse musterte das Rennvelo, das ein Passagier beim Durchgang zwischen den Waggons angelehnt hatte, der Kleine bearbeitete sein Natel. «Ich bin früher mal Rennen gefahren», sagte der Grosse. «Als ich zwischen zwölf und sechzehn war.»

Er hatte eine Hand am Griff seines Schlagstocks, am Gurt hing eine Pistole. Ob es eine richtige Knarre war oder eine Abschreckungswaffe, konnte ich nicht erkennen. Dürfen Bahnpolizisten überhaupt schiessen? Sie sahen auf jeden Fall aus wie richtige Polizei, mit einem roten Abzeichen am Ärmel, das die Umrisse der Schweiz zeigte.

«Ja, mit sechzehn habe ich aufgehört», sagte der Grosse. «Keine Disziplin.» Er lächelte. «Das Töffli kam der Karriere in die Quere.» Ich sah ihn vor mir, den grossen Blonden, auf der Landstrasse unterwegs in die Dorfdisco. «Eine Sache der Motivation?», fragte der Kleine, der jetzt aufmerksam wurde.

«An der Motivation lag es nicht», sagte der Grosse, «ich wollte Profi werden. Aber ich konnte mich nicht quälen

Jetzt verdient er als Bahnpolizist zehnmal weniger als ein Veloprofi. Was erzählt er Frau und Kindern, wenn er am Feierabend nach Hause kommt? Vielleicht interessante Geschichten, es passiert einiges in der S-Bahn. Vielleicht macht er den Job nur vorübergehend, die Zeiten sind vorbei, als jemand zur Bahn ging und ein Leben lang dortblieb. Vielleicht hat er mittelalterliche Geschichte studiert und findet im Moment keine Arbeit. Vielleicht recherchiert er für einen Krimi in der S-Bahn.

Es ist wahr, wer sich zwischen zwölf und sechzehn nicht quält, wird kein Champion. Nicht im Sport, nicht auf einem Instrument, oft auch nicht im akademischen Betrieb. Was habe ich damals gemacht? Ging zur Schule ins Gymi Freudenberg. Mit fünfzehn hatte ich schlechte Noten, das Leben war zu aufregend, der Frühling zu verheissungsvoll. Doch dann schwamm ich in den Herbstferien jeden Tag im Hallenbad City einen Kilometer und büffelte. Näher war ich nie daran, mich zu quälen.

In Wollishofen stieg ich aus der S-Bahn. Auf der Seestrasse zog ein Pulk von Radfahrern vorbei, ihr Heer wird bereits wieder grösser. Mit dem herannahenden Frühling werden sie kribbelig. Schrauben an ihren Übersetzungen, schalten eine Trainingswoche in Ligurien ein. Um bereit zu sein. Albis, Buchenegg, Pfannenstiel, Sattelegg, warum quälen sie sich? Trauern sie den verpassten Chancen der Jugend nach? Verfallen sie einer neuen Sucht? Oder ist der Alltag so hart, dass es ohne qualvolle Abhärtung nicht mehr geht?

Wenn sich heute alle quälen müssen, die Velofahrer, die Jogger, dann kehrt alles. Dann waren es die schönsten Jahre ihres Lebens, zwischen zwölf und sechzehn, als sie einfach so gesagt haben: Ich höre auf. Bin nicht mehr bereit, mich zu quälen.