Vom Bauernhof im Luzerner Seetal ins Hochhaus im Limmattal

Meiner Mutter hätte ich heute gerne, an ihrem neunzigsten Geburtstag, diese Zeilen vorgelesen. Ich hätte ihr gerne dafür gedankt, dass sie uns das, was ihr fremd vorkam, vertraut gemacht hat.

Ein Wetterwechsel über dem Pilatus bei Luzern. (Bild: Keystone/Urs Flueeler)

Als mir für diese Kolumne das heutige Datum zufiel, war klar: Diese Zeilen schreibe ich über meine Mutter. Und für sie. Denn sie wurde heute vor neunzig Jahren geboren, in einem kleinen Bauerndorf im Luzerner Seetal. Und das führt uns zum Oberthema, der Agglo.

Meist machen wir uns an dieser Stelle Gedanken über das unterschiedliche Lebensgefühl in Stadt und Agglo. Verglichen mit dem, was meine Mutter erlebt haben muss, als sie nach ihrer Heirat ihr Dorf verlassen hat, scheint dies aber geradezu läppisch. Sie wuchs auf einem behäbigen Bauernhof mit Blick auf den Pilatus auf. Grüne Matten, Kühe, Pferde und Schweine im Stall, Güllenloch, Hühnerhof. Im Winter ging sie mit Iseli an den Schuhen durchs Tobel ins Dorf hinauf, in dem einige Hundert Personen lebten, die sich allesamt kannten. Am Sonntag traf man sich in der Kirche, nach der Messe gingen die Frauen zum Kochen an den Herd. Und die Männer zum Schoppen in die Beiz – die Konservativen in die eine, die Liberalen in die andere. Linke gab es nicht.

Nach ihrer Heirat zog meine Mutter nach Schwamendingen, ein Jahr später nach Schlieren. Mehr Agglo geht nicht. Es muss ein Kulturschock gewesen sein. Erst recht, weil sie anfänglich in einem Hochhaus wohnte – es hatte immerhin sechs Stockwerke! Etwas später, im Reihenhaus mit eigenem Garten, hatte sie ein kleines Stück Heimat wiedergefunden. Sie ging nicht oft ins Dorf runter, das damals schon eine Stadt war; und kaum je in die Stadt, nach Zürich hinauf – mit dem 31er-Bus nach Altstetten in die Epa.

Jeden Samstag fuhr sie zusammen mit meinem Vater in die Migros zum Wocheneinkauf, einen Abend pro Woche sang sie im Kirchenchor, wie sie es auch früher in ihrem Dorf getan hatte. Einmal pro Monat ging sie zum Coiffeur. Dass Frauen sich im Tearoom zum Kaffeekränzli trafen, irritierte sie. Trotzdem hatte sich meine Mutter mit der Zeit in Schlieren eingelebt, ja sogar wohlgefühlt. Doch wenn sie von früher erzählte oder auf einem Familienausflug den Pilatus sah, färbte sich ihr mittlerweile zürcherisch abgeschliffener Dialekt wieder lozärnerisch. Und wenn wir in ihrem Dorf zu Besuch waren, hatten wir einen etwas anderen Menschen zur Mutter. Einen selbstbewussteren, spontaneren.

Ich hätte meiner Mutter gerne heute, an ihrem neunzigsten Geburtstag, diese Zeilen vorgelesen, um ihr – sozusagen schwarz auf weiss – zu sagen, dass mir erst in den letzten Jahren bewusst geworden ist, wie fremd sie sich damals gefühlt haben muss. Und ich hätte ihr gerne dafür gedankt, dass sie uns das, was ihr fremd vorkam, vertraut gemacht hat. Dass sie uns die Agglo zur Heimat machte, die zwar nicht so idyllisch und auch nicht so grün wie ihr Dorf ist. Dafür lebhaft, umtriebig, vielfältig.

Meine Mutter hat ihren neunzigsten Geburtstag nicht mehr erlebt. An ihre Beisetzung kamen Menschen aus Schlieren und dem Dorf, um von ihr Abschied zu nehmen. Es sang der Kirchenchor.

8 Kommentare zu «Vom Bauernhof im Luzerner Seetal ins Hochhaus im Limmattal»

  • Chantal sagt:

    Und wenn ich daran denke, dass in diesen rückblickend kurzen Momenten Ihre Mutter und mit ihr ihre Kinder mir, dem Glasglocken-Goldküsten-Teenager von damals die Agglo spür- und sichtbar machte, möchte ich mich dem Dankesagen im Kleinen und still anschliessen.

  • R. Schenker sagt:

    Danke für diesen schönen Artikel.

  • Penumbra Noctis sagt:

    Das Schoene an unserer kleinen Schweiz ist, dass sie so gross ist! Einerseits haben so viele unterschiedliche Landschaften, vom kleinen Dorf irgendwo weit draussen, bis zur pulsierenden Grossstadt, alles hat Platz! Und das Beste ist: Lebt man am einten Fleck, so ist es heutztutage so einfach, ans andere Ende des Spektrums zu kommen. Eben weil unsere Schweiz so klein (und doch so gross) ist.

  • Otto Normal sagt:

    Mit einfachsten Worten so lebhaft und kunstvoll geschrieben. So schön.
    Ihre Mutter hätte Freude gehabt.

  • Jay Durrer sagt:

    Sehr schön und berührend geschrieben, da selbst vor dem Pilatus aufgewachsen. Es erinnert mich an meine Grossmutter, die nach dem 2. Weltkrieg von Österreich in die Schweiz ins schöne Baselbiet kam. Haus, Hof und Familie zurück gelassen und hier eine eigene gegründet, mit 5 Kindern und unzähligen Enkelkindern. Auch erst vor knapp 2 Jahren mit 92 gestorben.
    Vermutlich gibt es unzählige solcher Geschichten, die sich gleichen und doch jede unvergleichlich individuell ist, da so persönlich für jeden Einzelnen.

  • Carolina sagt:

    Ein wunderbarer, wehmütiger, gleichzeitig schöner Text, der bei mir zumindest ein kurzes Innehalten bewirkt hat. Danke dafür!

  • Denise sagt:

    Schöne Gedanken, schön geschrieben.

  • Urban Zuercher sagt:

    Sehr schön und berührend geschrieben. Vielen Dank, Frau Arnet.

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