Wo ist unser Woody Allen?

Im heutigen Beitrag dieser städtischen Gebrauchsanleitung geht es um Spielfilmmacher, (k)eine Boulevardgurgel, Kultfussball und billige Plätze – vor allem aber gehts um eine Würdigung.

US-Regisseur Woody Allen, hier als Jazzer bei einem Auftritt 2007 in Wien, ist ein Beispiel dafür, dass man sich auch als Wichtiger nicht allzu wichtig nehmen muss. Foto: Keystone

Wo ist unser Woody Allen? Klingt nach einer interessanten Frage. Allerdings fehlt es ihr an der nötigen Präzision.

Ist der in seinen besten neurotischsten Momenten überragende Regisseur gemeint? Falls dem so wäre, müsste man das Schaffenswerk der wichtigen Zürcher Spielfilmemacher unter die analytische Lupe nehmen – begonnen bei Eminenzen wie Rolf Lyssy oder Fredi Murer über gestandene Kämpen wie Christoph Schaub und Stefan Haupt bis zur jüngeren und jüngsten Garde um Michael Steiner, Oliver Rihs, Florian Froschmayer, Micha Lewinsky, Jann Preuss, Jan Gassmann oder Cyril Schäublin (Was? – Dammi, stimmt, Einspruch stattgegeben: Murer und Steiner sind Nidwaldner, Lewinksy wurde im deutschen Kassel geboren, die können also alle nicht mitmachen) – nur um nach getaner Büez mit geröteten Augen festzustellen: Nö du, keine Spur von Woody Allen! (Ich persönlich glaube ja, dass Jann Preuss am ehesten das Zeug dazu hätte. . . allerdings habe ich als Nicht-Filmkritiker natürlich keine Ahnung.)

Oder geht es eher um jenen Woody Allen, den der «Blick» als «Sexgrüsel» betiteln würde? (Was wir in dieser Zeitung mangels Kenntnis aller Details und Fakten fairerweise bleiben lassen, wobei ich persönlich ja schon glaube, dass Herr «Piiiiiiiiiiiip» am ehesten das Zeug dazu hätte . . . allerdings habe ich als Nicht-Boulevardgurgel natürlich keine Ahnung.)

Nun, nein. Tatsächlich gesucht ist der dritte Woody Allen. Der, der jeden Montagabend in der Bemelmans Bar im New Yorker Hotel Carlyle zusammen mit der Eddy Davis New Orleans Jazz Band Klarinette spielt. Nicht aus Jux und Tollerei, nicht aus Geltungssucht, sondern aus schierer Passion – genau wie Zehntausende andere hundskommune Jazzer (Was? Isch ja guet, sorry, Einspruch erneut stattgegeben: Hundskommune Jazzer, so was gibt es nicht.)

Richtig gelesen, lautet die Einstiegsfrage also: Wo ist die Zürcher Persönlichkeit, die ohne eitles Stargehabe, dafür jedoch mit ernsthafter Verve, regelmässig vor Publikum ihrer zweiten grossen Leidenschaft nachgeht, so, als wärs die normalste Sache der Welt? (Was auch darum wichtig ist, weil eine Stadt, in der sich die Wichtigen zu wichtig nehmen, niemals wirklich wichtig sein wird.)

Einer, der das wusste – und der den «Woody» vielleicht auch deshalb drauf hatte –, war Jürg Ramspeck selig: Der Journalistengrossmeister (und Chefstratege beim Kultfussballclub D. l. n. Frischauf Seefeld und Gatte von Hildegard Schwaninger) hatte sich nämlich auch an den Pianotasten eine treue Fangemeinde erspielt, unter anderem in der Lebewohlfabrik im Seefeld. Dort hätte er kommenden Dienstag wieder jazzen sollen, traurigerweise ist er, 81-jährig, am 27. Dezember verstorben; der Abend wird jetzt zur Würdigung.

PS: Damit zum Aspekt der Brauchbarkeit dieser Gebrauchsanleitung – er kommt in Form der Information, dass der billigste Platz im Carlyle (an der Bar) für die zweistündige Woody-Allen-Session 120 Dollar kostet – zusätzlich 25 Dollar Konsumationspflicht. Und dass der Meister jeweils sofort nach dem Set zu verschwinden pflegt.

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