Wider den Hiltl-Boykott

Im neuen Ableger der Vegi-Kette an der Langstrasse i(s)st man besser unauffällig.

Wie das Abendmahl religiös, so ist der Brunch im neuen Hiltl an der Langstrasse politisch. Oder zumindest ein Outing – ein mutiger Schritt. Die Eröffnung des vegetarischen Lokals im vergangenen Jahr sahen nämlich sehr viele Leute als weitere Etappe der unliebsamen Gentrifizierung, welche die Langstrasse zurechtstutzt wie eine Thujahecke. Alles so ordentlich, gebändigt und austauschbar. Wo bleibt der Dreck? Er ist nur noch das verwaschene Zitat des Chris von Rohr.

Keine Überraschung also, dass das Hiltl tagsüber oft gähnend leer ist, obwohl es jeden Tag ein Zmorge-Buffet gibt, sonntags und an Feiertagen sogar ein Brunch-Buffet bis halb drei Uhr nachmittags. Für dieses bezahlt man pro hundert Gramm 4.50 Franken, wie für das normale Buffet sonst auch.

Wo denn hier der Brunch sei, fragen wir die Bedienung, als wir am Sonntag um halb zwei im Lokal eintreffen. Wir lehnen uns gegen den Boykott auf, den die Einheimischen miteinander vereinbart zu haben scheinen. Aus Zürcher Gewohnheit hatten wir einen Tisch reserviert, was aber nicht nötig gewesen wäre. Platz gibts auch heute genug. Und ist die Schwelle erst einmal übertreten, sind wir nun wieder Konsumentinnen mit einer Anspruchshaltung.

«Da», antwortet die Frau an der Kasse, und zeigt auf die übliche Essensauslage mit den verschiedenen Schüsseln und Platten. «Aha! Und was ist anders am Brunch-Buffet?», wollen wir wissen. Sie schaut schnell zu ihrer Kollegin rüber und sagt: «Nichts.»

Wobei – auf der Fensterablage hats Brot, gekochte Eier und eine Erdbeer-Thymian-, eine Himbeer-Lime und eine Aprikosen-Rosmarin-Konfitüre. Gekühlt sind zudem vier verschiedene Käse und zweierlei Butter. Den Granatapfelquark und die Blutorangencreme schöpfen wir uns als brunchtaugliche Spezialität ebenfalls auf die Teller.

Als wir uns setzen und zehn Minuten lang umständlich versuchen, ein ästhetisches Foto von der Umgebung zu machen, geht die Frau von der Kasse öfter an uns vorbei und fragt schliesslich verwundert, ob alles okay sei. Bald verstehen wir: Ordnung muss sein. Hier isst man, liest Zeitung, nippt am Kaffee… aber besser unauffällig.

Wir schauen, wer sonst noch so im Hiltl sitzt. Und sehen mittelalte Männer mit Kopfhörern, die ihr Essen in sich hineinschaufeln, eine Familie, die Französisch spricht, Touristinnen Anfang zwanzig – auch die Menschen hier sind unauffällig. Das ergibt Sinn, wenn man von der Toilette im Untergeschoss zurückkehrt und liest, was auf der Tür zum Restaurant steht: «Ausgleichszone.»

Aber etwas Wildes leistet sich das Hiltl doch noch, es findet sich gleich auf der Tür nebenan: Da ist ein Wort, lässig über drei Zeilen hingesprayt, «NOT-A-US-GANG», die einzelnen Buchstaben verlaufen leicht – perfekt der Langstrasse angepasst.

11 Kommentare zu «Wider den Hiltl-Boykott»

  • sepp z. sagt:

    Mir ist aufgefallen, dass im Hiltl viele Leute mit schlecht sitzenden Frisuren verkehren.

  • Torben sagt:

    Der x-te Hiltl, der x-te Migros Chicken, der x-te Interdiscount, der x-te Starbucks, das x-te Einkaufszentrum mit den immer gleichen Ladenmix…… merkt ihr noch was? In jeder Schweizer Stadt der selbe Einheitsbrei. Schon mal was von Vielfälltigkeit gehört? So langsam gibt es sogar in Zürich Läden die sich vom Einheitsbrei der restlichen Schweiz lösen, aber in restlichen Schweiz gibt es überall nur den gleichen Mist von den immer gleichen Anbietern. Christoph hat es oben so schön geschrieben, alles andere ist sofort cool und wird anektiert, sofort kommerzialisiert, dadurch wird auch die noch so kleinste Alternative zum Mainstream egal ob irgendwelche Läden, Partys oder der gleichen. Wo bleibt denn da das Abendteuer? Die Schweiz ist das H&M der Länder!!!

  • Thomas Maurer sagt:

    Kein Wunder ist diese „Hiltl“-Filiale leer. Bei diesen Hiltl-Wucherpreisen würde ich auch nicht hingehen.

  • Gerhard Engler sagt:

    Jetzt weiss ich also, dass Frau Müller an einem Sonntag im Hiltl gegessen hat. Ach wie spannend.

  • Christoph sagt:

    Ich habe selbst ein paar Jahre in Zürich gelebt und bin nun wieder in Berlin zurück. Liebe Zürcher, eure Stadt ist schön, sauber und ausserordentlich erfolgreich, aber subversiv und alternativ – nein, in keinster Weise. Die Langstrasse war nie auch nicht in Ansätzen „cool“ im Sinne von Eroberung der Stadt durch die Allgemeinheit in ihrer Vielfältigkeit, Spontaneität und Frivolität. Das wird durch die rigide, aber subtile Gleichschaltungs-Kultur der Schweiz leider verunmöglicht. Ein bisschen mehr Berlin würde in dieser Hinsicht guttun. Und Berlin könnte dafür in anderer Hinsicht von Zürich lernen, aber das ist ein anderes Thema…. 😉

  • Francesca Hutter sagt:

    Topjournalismus. Sprachlich, inhaltlich, einfach auf allen Ebenen.

  • Othmar Riesen sagt:

    Ich war noch nie dort, aber dem Artikel nach zu schliessen, könnten Hiltl& Co. das Personal zu mehr Freundlichkeit und Kompetenz anhalten. Ich kenne das Problem in vielen anderen Zürcher Restaurants. Deswegen reagiere ich hier.

  • Chris Fogg sagt:

    Und zu einem guten Brunch gehören nun mal Würstchen und gebratener Speck mit Spiegelei. Dann würde auch ich dort essen!

  • Penumbra Noctis sagt:

    Die Sache ist halt die, dass es in Fussdistanz mit dem Restaurant Samses halt ein kleines, aber sehr feines vegetarisches Restaurant gibt. Wenn also bei Hiltl gaehnende Leere herrscht, ist der Fall wohl klar, wo man die Vegis (und uebrigens auch Fleischliebhaber wie mich) antrifft: Im Samses nebenan.

Kommentar

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