Warum kann ich so etwas nicht?

Gar nicht so einfach, ins Zürcher Restaurant Olive Garden zu gelangen. Besonders, wenn man den Vornamen des Rabbiners nicht kennt.

Fleischröllchen, wie sie zu einem Fondue chinoise gehören. (Foto: iStock/Yipengge)

Mein Vater hat mich in den «Olive Garden» eingeladen. Das ist das koschere Restaurant vis-à-vis dem Fifa-Museum. Man muss aber zuerst die Sicherheitsschranke überwinden. Ein Sicherheitsbeamter mustert mich kritisch. Er fragt: «Do you speak English?» Ich versuche, friedfertig zu nicken. Der Sicherheitsbeamte will meinen Namen wissen. «My name is Ben Fränkl.» Das überzeugt ihn nicht. Die nächste Frage: Wie heisst der Rabbiner mit Vornamen? Ich weiss nicht, wie der Rabbiner zum Vornamen heisst. Ich rate: Jossi? Moischi? Janki?

Der Sicherheitsbeamte nuschelt etwas in sein Mikrofon. Ich schwitze. Zum Glück kommt endlich mein Vater. Aber er kennt den Vornamen des Rabbiners auch nicht. Vielen Dank für die Hilfe. Die Türe bleibt geschlossen. Vielleicht gehen wir heute lieber in eine Pizzeria? Der junge Sicherheitsbeamte guckt uns an. Mein Vater und ich sehen nicht wie typische Attentäter aus. Aber das könnte ja auch nur gespielt sein. Er fragt mich, ob ich den Mann neben mir kenne. «Yes, this is my father!», antworte ich stolz. Er will einen Beweis. Mein Vater holt sein GA hervor. Ich habe zum Glück meine Cumulus-Karte dabei. Der Sicherheitsbeamte guckt uns lange an. Wahrscheinlich denkt er sich: «Stellen diese zwei Deppen eine Gefahr dar?» Die Tür geht endlich auf.

Mein Vater und ich setzen uns an einen freien Tisch. Ich habe heute Geburtstag und darf auswählen, was ich will. Ich kenne meinen Vater. Das bedeutet in anderen Worten: bitte nichts über 30 Franken bestellen.

Ich studiere die Menükarte und wähle die Kalbsbratwurst aus. Eigentlich bin ich Vegetarier. Aber die Kalbsbratwurst kostet nur 21 Franken. Mein Vater bestellt ebenfalls Kalbsbratwurst.

Am Tisch nebenan sitzt ein sehr dicker Mann. Er hat Fondue chinoise (64 Fr.) und Rindstatar (24 Fr.) bestellt. Auf dem Tisch stehen drei Flaschen Cola Zero. Zwei Handys vibrieren ständig. Und die Fleischröllchen? Die sind an vier langen Gabeln aufgespiesst. Ich gucke meinem dicken Vorbild fasziniert zu. «Was wiegt der wohl?», frage ich meinen Vater. Er guckt kurz hinüber. «150 Kilogramm.» Ich starre meinen Vater fassungslos an. 150 Kilogramm? Wie kann sich mein Vater so in einem Menschen täuschen? Der bringt sicher 180 Kilogramm auf die Waage.

Wir schweigen uns wieder an. Ich schreibe in meinen Notizblock: «Bis März App programmieren, mit der man Personen fotografiert und anschliessend Körpervolumen berechnet. Arbeitstitel: Weight Watchers II.»

Während wir auf unsere Kalbswürste warten, kommen immer mehr Besucher ins Restaurant. Fast jeder tritt devot zu unserem dicken Nachbar heran. Die Szenen wirken wie aus «Godfather». Der Dicke steht nämlich immer kurz auf und tätschelt leicht die Hand des Bittstellers. Er flüstert ihm leise etwas ins Ohr. Die ganze Prozedur dauert höchstens fünf Sekunden. Schnell setzt er sich wieder hin und tunkt die Fleischröllchen in die leckeren Saucen.

Das ist grosses Kino. Warum kann ich so etwas nicht? Doch mir fällt nicht mal der Vorname des Rabbiners ein.

6 Kommentare zu «Warum kann ich so etwas nicht?»

  • Luigi sagt:

    Ich war auch schon drin und kann es nur empfehlen. Vor allem weil es garantiert milchfrei ist. Milch gibts nicht mal als Rähmli zum Kaffee.

    (Nur die Fleischröllchen, die wirds im Olive Garden garantiert nie geben.)

  • Bob sagt:

    Was ist das für ein Etablissement?

  • marsel sagt:

    Gute Wahl! Eine Kalbsbratwurst besteht zu einem schönen Teil aus Milch und ist deshalb durchaus annehmbar für Vegetarier.

  • Hans Hegetschweiler sagt:

    Aber wie war das Essen?

  • clbr sagt:

    Vielleicht hätten Sie zurückfragen müssen, welcher Rabbi denn gemeint sei. Es gibt ja in Zürich sicher mehr als einen. Oder gehört das Restaurant einer bestimmten Gemeinde? Nächstes Mal vorher recherchieren. Aber misslich sind solche Abschreckungsmanöver in jedem Fall, auch wenn sie der Sicherheit dienen. Auch dem nicht Rabbi-affinen jüdischen Bürger sollte ein Besuch des Restaurants seiner Wahl problemlos möglich sein. Vielleicht müsste das Security-Personal besser geschult werden.

  • Karl-Heinz Failenschmid sagt:

    Welch ein Ambiente, mir fehlen die Worte.

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