Putin über den Geleisen

Im SBB-Personalrestaurant im HB gibts Aussicht auf Limmat und Landesmuseum. Und wenig Auswahl am Buffet - zumindest nach 20 Uhr.

Das SBB-Restaurant Oase lässt die fettige Schwere vieler Kantinen zum Glück vermissen. Bild PD

Ja, so was gibt es, mitten in Zürich: ein Restaurant mit Aussicht auf Limmat und Landesmuseum. Eines, wo man günstig isst, immer Platz findet und ewig sitzen bleiben kann. In Kurt Frühs Filmmärchen befindet sich der Schuppen, in dem sich Arm, Reich und die Liebe treffen, hinter den sieben Geleisen. In der Realität liegt das Esslokal über den Geleisen, abseits vom Pendlertrubel, im dritten Stock des Hauptbahnhofs. Und so ungelenk der Name Oase chez SBB klingt – er hält, was er verspricht. Den Bähnlern ist das Chez SBB Kantine, allen anderen eine Oase in der Wüste der auf Durchlauf getrimmten Bahnhofsgastronomie.

Wegen des Essens müsse man aber eher nicht herkommen, mäkelt der Vegi. Das Buffet verspricht «free choice», eine freie Wahl allerdings, die ihn an Präsidentschaftswahlen in Russland erinnert. Die meisten Schüsseln mit Fleischlosem sind um diese Zeit – es ist nach 20 Uhr – in der Küche verschwunden. So wählt er Putin, sprich, er hamstert vom reichlich vorhandenen Linsencurry (13.85 Franken, nach Gewicht), das ihm, wie er später zugeben muss, fast «hiltlhaft gut» schmeckt.

Der Karnivore, konditioniert auf das Einsammeln grosser Fleischbrocken, fällt auf die Billigerfolgsformel «Hit» herein. Dahinter versteckt sich ein Cordon bleu samt Pommes frites (18.90 Franken). Er habe schon bessere gegessen, sagt der Fleischkopf, nachdem er die Frage der Kassiererin – «SBB?» – mit einem «leider nein» beantwortet hat. Seine Lieblings-Cordonsbleus bestünden nicht aus Schweinefleisch, dafür enthielten sie zähflüssigeren, rezenteren Käse. Der Vegi grinst (Linsen kleben zwischen seinen Zähnen): Als Küchen-Putin würde er Cordons bleus, diese abartigen kulinarischen Kreationen, sofort verbieten.

Die Bahnhofs-Oase ist gut gefüllt an diesem Donnerstagabend. Das Lokal ist luftig und modern, die fettige Schwere, die auf vielen Kantinen lastet, spürt man nicht. Unabgelenkt vom Essen, können die beiden die Vorteile dieses Ortes umso sorgfältiger würdigen. An einem Tisch berichten Zugbegleiter in fremder Sprache – Französisch – von ihren Abenteuern, daneben schweigen sich gut bemuskelte Polizisten kauend an, weiter hinten verschlingt ein Geleisebauer sein Gericht in Rekordzeit.

Zur Oase macht das Lokal aber die vierte Gästegruppe: Eritreerinnen und Eritreer, die miteinander diskutieren, ein Glas Tee oder eine Cola vor sich, und so die Kantine vom Diktat der Zeit erlösen. Und wie in Kurt-Früh-Filmen kommen Fremde miteinander ins Gespräch. Ob es in Eritrea auch Winter gebe, fragt ein Schweizer Pärchen einen jungen Mann. Not really, sagt dieser, but a little bit. Beat Metzler und Marcel Reuss

Oase chez SBB, Museumsstrasse 1, 3. Stock HB, Eingang vis-à-vis des Landesmuseums. Mo–So, 6–23 Uhr.

9 Kommentare zu «Putin über den Geleisen»

  • Adriano Granello sagt:

    Ich hätte nicht gedacht, dass sich ausser mir noch mindestens ein anderer Leser dieses Artikels über die Schreibweise G E LEISE wundert. Die ist zwar nach Duden erlaubt, aber wie Sie sagen völlig veraltet und im deutschsprachigen Raum unüblich. Ausser bei den Schweizer Tageszeitungsmachern, da findet man oft im gleichen Artikel beide Schreibweisen: Geleise und Gleise. Wie es scheint, handelt es sich um einen Helvetismus, nicht ganz so sorgfältig gepflegt wie „grillieren“ und „parkieren“, aber halt doch gepflegt. Von mir aus könnte der Tagesanzeiger gerne einen Spurwechsel machen und auf Gleise und E vor dem L wechseln 🙂

    • G.B.Wolf sagt:

      Geleise tönt halt viel vornehmer. Immerhin höre ich nur noch ganz selten Ansagen mit „Geleise“ bei SBB, wenn der Zug in einen Bahnhof einfährt.

  • Claude Fontana sagt:

    Tja, in Russland sind die Geschäfte Leer?Wer hat den Artikel geschrieben? Helmut Kohl?

  • Peter Künzle sagt:

    Ich mag mich ja vielleicht als Kulturbanause outen, aber es ist mir schleierhaft worauf die Geschichte hinaus will.
    Dabei ist auch nicht gerade hilfreich dass in dem Beitrag von der Uraltschreibweise „Geleise“ anstatt „Gleise“ die Rede ist. Habe ich etwas übersehen, oder geht es hier tatsächlich um eine der Filmmärchen von Kurt Früh?

  • H. Walter sagt:

    Eine Oase im wahrsten Sinne des Wortes: Da ich dem HB-Kommerz möglichst aus dem Wege gehe, verbringe ich die Pendler-Pause gerne da oben.

  • Maya G. sagt:

    Ich esse etwa einmal pro Woche in der Oase Zmittag und finde immer ein grosses und abwechslungsreiches Angebot vor.

    • Stefan Rapold sagt:

      Eben genau wie die Präsidentenwahl in Russland. Viele unterschiedliche Varianten. Obwohl ich bezweifle, dass a) der Autor das sagen will und dass b) sich sehr mit der Präsidentenwahl in Russland beschäftigt

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