Kafi Kirsch

Die Tochter vom Hort abholen, kann schwierig werden. Vor allem, wenn sie permanent schreit und man kein Schoggigipfeli dabei hat.

Tut gut und wärmt: Kafi Kirsch in der Jugendherberge in Wollishofen. (Foto: Beni Frenkel)

Dienstag ist immer schlimm. Ich muss die Kleine vom Hort abholen. Meistens steht sie beim Eingang und heult. Das Einzige, was sie jetzt beruhigen könnte, wäre ein Schoggigipfeli. Das habe ich aber nicht dabei. Das Mädchen schreit und wirft sich auf den Boden. Ich versuche, sie anzuziehen. Wer ein tobendes Kind schnell anziehen kann, besteht auch die Prüfung zum Fluglotsen. Ich verheddere mich in den vielen Schühchen und Schälchen, die da wild herumliegen. «Hakuna Matata», flüstere ich und versuche zu lächeln. Andere Kleinkinder kommen neugierig zu uns und fragen mich, ob mein Bart echt sei.

Ich schleife das schreiende Mädchen zur Bushaltestelle. Ich sehe Menschen mit dem Handy. Wenn die jetzt die Kesb anrufen, denke ich mir, hätten sie vielleicht gar nicht einmal so unrecht. Endlich kommt der Bus. Wir steigen ein. Das Mädchen mustert die Besatzung. Dann holt sie tief Luft und beginnt von neuem zu heulen: Ihr Lieblingsplatz ganz hinten rechts ist schon besetzt. Bei der vorletzten Haltestelle steigen wir aus. Meine Prinzessin wird plötzlich ruhig und flüstert mit Engelsstimme: «Pipi!» Ich gucke sie entsetzt an. «Wir sind bald zu Hause», beschwöre ich sie. «Pipi jetzt!» Das ist keine Ankündigung, sondern eine Statusmeldung. Alles ist voll!

Ich nehme sie huckepack und laufe, so schnell ich kann. Ich zähle die Schritte. Denn ich weiss: Sobald wir zu Hause angekommen sind, darf ich gleich wieder gehen. Das habe ich mit der Frau abgemacht. Am Dienstag hole ich das Mädchen, dafür darf ich nachher trinken gehen. Solche Abmachungen und Kompensationen sind die Ingredienzen einer harmonischen Ehe.

Zum Trinken gehe ich am liebsten in die Jugendherberge in Wollishofen. Vorher fahre ich aber zum Denner und kaufe einen kleinen Kirsch. In der Jugendherberge bestelle ich einen Kaffee. Ich setze mich an einen der langen Tische und hole den Kirsch hervor. Nächster Schritt: Ich fülle seinen Inhalt in den Kaffee. Warum so kompliziert? Nun, auf diese Weise spart man viel Geld. Ich trinke meinen Kafi Kirsch geniesserisch und verdrehe die Augen. Der Alkohol steigt langsam und wohlig in mir hoch. Ich achte aber darauf, dass ich nicht so besoffen bin, dass ich vom Hocker falle. Ich will nur so angeheitert sein, dass ich nachher mein Fahrrad wiederfinde.

Während ich so sitze und trinke, fällt mir auf: Die Jugendlichen um mich herum sind brav und langweilig. Sie sitzen kerzengerade und essen mit Messer und Gabel. Wenn sie fertig sind, tragen sie die Teller zurück und empfehlen sich. Geschmust wird nur heimlich. Gott, ich war vielleicht ein Rabauke in dem Alter. Im Restaurant bin ich gleich auf die Toilette zugesteuert und habe den Abfluss verstopft. Und dann habe ich bei der Réception alle Streichhölzer mitlaufen lassen. Krass, oder? 1995 war ich 18 Jahre alt. Das glaubt mir heute auch keiner mehr.

Ich bestelle mir nochmals einen Kaffee und mache den Kirsch leer. Ich winke einer Koreanerin zu. Sie kichert und flüstert einer anderen Koreanerin etwas ins Ohr. Oh, nein, es ist ein Koreaner und vermutlich ihr Freund. Er guckt mich an und steht auf. Ich empfehle mich und gehe nach draussen.

Wo ist das Velo?

6 Kommentare zu «Kafi Kirsch»

  • irene feldmann sagt:

    Beni genialer text.. ich berste vom lachen…:)

  • Lichtblau sagt:

    Das mit dem Kirsch sei Ihnen gegönnt. Zumal Sie sich den in einer so bescheidenen Location gönnen. Aber was zum Teufel spricht dagegen, Ihrem Kind das ersehnte Schoggi-Gipfeli mitzubringen? Sie „Allmein“! So hat meine Mutter wenig empathische Menschen genannt. Und recht hatte sie! 😉

  • mcpinkpoet sagt:

    also…wenn es Abend ist beim Abholen und die Tochter noch fähig ist zu schreien, dann haben die Hortler mit den Kindern zu wenig äktschn unternommen…Ich musste meine Tochter jeweils losreissen, da war sie schon halb im Delirium und im Auto ist sie innert 2 Minuten eingeschlafen…war im Alter von ca. 2-3 Jahren…

  • lia sagt:

    wieso gibt man dieser unmöglichen Person hier einen Raum? Wer Jugendliche, die nicht saufen, als langweilig bezeichnet, hat ein massives Problem. Dieser Herr Frenkel ist ein egomanischer, reguläre Umgangsformen nicht beherrschender Menschenschreck, der hier nichts verloren hat. Man hat ihn ja auch beim Tagblatt verbannt, dies aus gutem Grund.

    • Hans Hegetschweiler sagt:

      Es gibt so cviel gnadenlos Witziges und Provokatives in dieser digitalen Welt, dass man froh ist, dass es auch noch jemanden gibt, der sich provozieren lässt. Aber ernsthaft, ich finde den Frenkel wirklich lustig. Schon der Restaurantsbesuch im Shalom war amüsant, der obige Artikel auch. Das ist fast ein Grund, Tagi-Blogs wieder regelmässiger zu lesen.

  • Peter Gerber sagt:

    Völlig recht, man gebe den Kirsch gleich dem heulenden Kind. Wenn mein Kind das Zauberwort Pippi gesagt hätte, so hätte ich ihm gesagt, du darfst gerne in die Hose machen, wenn du es nicht mehr schaffst. Es hätte es sowieso nur einmal gesagt. Aber diesen Mut haben nur die wirklich schlauen. Vielleicht nach einem Kafi Kirsch? Wer weiss. Noch ein Trick (vom Hauspapi): Nimm dir einfach mehr Zeit, die kriegst du sowieso zurück.

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