Die Sache mit der Sachpolitik

Der Fondueplausch ist gemütlich. Die Stimmung ist gut, bis die Teilnehmer am Tisch über Politik zu sprechen beginnen.

Politisieren kann das Fondueessen empfindlich beeinträchtigen. (Foto: Bruno Schlatter)

Wir sitzen gemütlich beim Fondue, bis wir beginnen, über Politik zu sprechen. Politisieren bedeutet, insbesondere mit diesen Freunden, normalerweise keine Gefahr für den Hausfrieden, da wir uns in grundlegenden Belangen einig sind. Doch dann kommt dieser eine Satz aus dem Mund unseres Freundes, der meinen Mann jeweils zur Weissglut bringt. Der Satz lautet: «Ich will in keine Partei, ich mache lieber Sachpolitik.»

In den letzten Tagen haben wir in dieser Zeitung in einer Artikelserie darüber berichtet, wie schwierig es in vielen Gemeinden ist, genügend Kandidatinnen und Kandidaten für die Exekutivämter zu finden. Gemäss neusten Zahlen haben vier von zehn Gemeinden solche Rekrutierungsprobleme. Die Fachleute sprechen von einer Bedrohung für das Milizsystem, das doch eine urschweizerische Spezialität ist wie Alpenglühen und Fondue.

Besonders betroffen sind nicht die Städte, wie etwa der Run auf die Zürcher Stadtratssitze zeigt, sondern mittlere Agglogemeinden und kleine Dörfer. Und das Problem hat – unter anderem, aber gleich doppelt – mit «Sachpolitik» zu tun.

Im Kanton Zürich sind 30 Prozent der Mitglieder in Exekutivämtern parteilos, landesweit sind es sogar 40 Prozent. Das heisst: Sie bekennen sich zu keiner Partei und sagen, nach ihrem Programm gefragt: «Ich mache Sach- und nicht Parteipolitik.» Auch erwähnen Fachleute, dass es oft recht einfach sei, für eine einzelne Sache Personen zu finden, die sich dafür einsetzten. Man ist für eine Kinderkrippe oder gegen eine Parkgarage, für eine neue Buslinie oder gegen eine Bachrevitalisierung und engagiert sich dafür in einem Komitee mit Gleichgesinnten.

Wenn es aber um ein richtiges Amt geht, wenn man Verantwortung für eine längerfristige und weniger eingleisige Aufgabe übernehmen soll, wenn man gar damit rechnen muss, im Gegenwind zu stehen, wird abgewinkt. Und damit zurück an unseren Stubentisch, den wir zwei Frauen schleunigst Richtung Küche verlassen haben.

Der Ehemann: «Du findest also, dass die Parteien keine Sachpolitik machen?» Der Freund: «Ich will einfach an kein Parteiprogramm gebunden sein.» – «Das heisst, ich soll dich wählen, ohne zu wissen, wofür du stehst? Die Katze im Sack kaufen?» – «Ich will mich einfach nur dort einbringen, wo ich etwas davon verstehe.» – «Also dein Ding durchziehen.» – «Mit Sachpolitik meine ich nicht, dass ich mich für das stark mache, was mir persönlich nützt.» – «Das bedeutet es aber oft!» (beide werden lauter) – «Nicht bei mir.» – «Ich als Wähler muss doch wissen, was für eine grundsätzliche Haltung ein Mensch hat, der ein öffentliches Amt übernehmen will.» – «Und das weisst du, wenn er in einer Partei ist?» – «Ja.» – «Pah!» – «Was pah?»

Da steigt ein schwarzes Räuchlein aus der Pfanne hoch, weil die beiden vor lauter Disput vergessen haben, in der Pfanne zu rühren. Worauf sie sich sofort ganz und gar unparteiisch nur noch auf die eine Sache konzentrieren: Rettet das Fondue!

10 Kommentare zu «Die Sache mit der Sachpolitik»

  • Kurt Esslinger sagt:

    Die Bildungsfernen sind manchmal leichter zu überzeugen, als die libertären Akademiker, die sich mit einem Neoprenanzug in einem Inzest-Biotop bewegen.

  • Frank Baum sagt:

    Ich denke, das Problem mit den Miliz-Ämtern in vielen Gemeinden hat nichts mit Parteiverdrossenheit zu tun. Für Milizämter muss man genug Interessenten finden, die sich mit ihren Wohngemeinden wirklich verbunden fühlen. Sonst tut man sich so etwas kaum an. Bei der heutigen Mobilität findet man das immer weniger.

  • Rolf Hefti sagt:

    Jeder geschmolzene Käse und gutes braunes Brot, ist um Welten besser als alle Politik der Welt ! Waren vermutlich politintressierte Sportfanatiker mit Progress und ohne jeden Humor ! Die Frage bleibt : Warum sollten solche Leute Fondue essen wollen ? Vermutlich ist diese Situation frei erfunden !

  • Claude Fontana sagt:

    Ich will in eine Partei die Fäden zieht, klebrig und schwer im Magen liegt.Die einem das Brot klaut, mir aber einen Zweizack zugesteht, mit dem ich dafür sorgen kann, dass es dem Nachbar nicht besser geht.
    Wie jetzt. so viel Auswahl?

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    das kommt bloss auf die runde an. ich meine. ich setze mich ja nicht zum fondue mit linken, liberalen und sonstigen lügnern. ist die politrunde homogen – also mit den svp-kollegen – ist das fondue per se gerettet.

    • Kurt Esslinger sagt:

      Wieso so vergrämt Rittermann? Unsere Jassrunde, alles ehemalige Fussballer, besteht aus einem Linken, zwei Halb-SVPler (Ausländer raus, aber wehe Sozialabbau) und einen Italiener (apolitisch und frauenfreundlich). Einmal im Jahr treffen wir uns zum Fondue. Der Italiener und ich bezahlen die Rechnung, da unsere beiden Halb-SVPler seit Jahren beruflich stehen geblieben sind. Schuld sind nicht ihre SVP-Gewerbler, die ihnen Hungerlöhne bezahlen, sondern die Linken, die das Geld verschleudern, dass man ihnen mit Steuern (wenn die überhaupt bezahlen) wegnimmt. Spass macht es trotzdem und treffen tun wir uns wöchentlich zum Jass klopfen.

      • Philipp M. Rittermann sagt:

        klingt gut, herr esslinger – weiterhin viel vergnügen! 🙂 und hm. vielleicht sollten wir uns an unserem fondue-tisch auch ein oder zwei opfer suchen…

  • Sportpapi sagt:

    Hm. Wenn sich die „Parteilosen“ dann immerhin für ein Amt zur Verfügung stellen ist es ja gut.
    Meistens wird aber vor allem über Politiker gewettert, die keine Ahnung haben und sowieso alles falsch machen. Ohne dass man sich selber je engagieren würde (und meist auch, ohne dass man sich wenigstens informieren würde).
    Und noch besser: Wenn man dann noch als Protestwähler die Leute vorführt, die sich zur Verfügung stellen.

  • Hannes H. Müller sagt:

    Weiterduskutieren! Das war doch ein spannender Anfang.

  • Othmar Riesen sagt:

    Mit bildungsfernen Rechtspopulisten zu diskutieren ist erfahrungsgemäss eher einfach, man hat sie bald einmal in der Sackgasse. Aber ob das interessante Gespräche ergibt?

Kommentar

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