Eine Glacegeschichte (Ende²)

Im heutigen Beitrag dieser städtischen Gebrauchsanleitung geht es um Einschaltquoten und Hinkelsteine, um Ausflüchte und Psychiater – vor allem aber geht es um «I'm Still Here».

Regisseur Casey Affleck (rechts) filmt seinen Schwager, den bekannten Akteur Joaquin Phoenix: Die Szene gehört zum wahnwitzigen Mockumentary «I’m Still Here» (2010), indem Phoenix behauptet, er würde die Schauspielerei aufgeben und fortan als Rapper Karriere machen. Foto: Keystone

Wo waren wir stehen geblieben? Falsch, sorry, das gehört ja zu einer ganz anderen Story. Dann halt so: Das hier ist die Erläuterung zu dieser Glacegeschichte, nach den Punkten 1 bis 4 vom vergangenen Samstag folgt jetzt der Rest.

5. Meine fixe Idee, auf dem letzte Woche skizzierten «Irrweg» zu verharren, hatte natürlich Konsequenzen. Zuerst in Gestalt gewisser Leser, die sich (Pardon) verarscht fühlten und entsprechend fäkalsprachige Kommentare ins dafür vorgesehene Feld (Pardon) pfundeten. Es war auszuhalten, und es ging vorbei. Bald vorbei war es auch mit den anfänglich passablen Einschaltquoten – als hätten sie plötzlich Hinkelsteine an den Füssen, sanken sie von Woche zu Woche tief und tiefer, und wenn man sich mit so was brüsten könnte, würde ich jetzt verkünden: «Zweimal war die Glacegeschichte sogar die am schlechtesten gelesene TA-Onlinestory des ganzen Weekends!»

6. So viel zur «externen» Seite… der die «interne» Entwicklung in nichts nachstand. Konkret fing es damit an, dass ich immer deutlicher spürte, wie würgend unangenehm es meinen Bürogspäändli war, als sie sich auf meine Rückfrage hin zur Glacegeschichte äussern sollten (Sie würden entzückt staunen, wie kreativ Medienschaffende werden können, wenn es ums Erfinden von Ausflüchten geht). Ab Folge 8 wurde das Thema dann auch im privaten Umfeld bis auf wenige Ausnahmen (mässi villmal, Heinz, Jost und Soldi!) systematisch totgeschwiegen. Und spätestens am Tag, an dem ich realisierte, wie sich meine lieben Eltern, denen sonst zu jedem von mir erzeugten Schmarren noch eine nette Bemerkung einfällt, um meine journalistische Zurechnungsfähigkeit zu sorgen begannen, wusste ich: Das Experiment war geglückt!

7. Ich hatte es geschafft, als Protagonist der argwöhnischen Zürcher Medienszene vor aller Augen zum scheinbar unbeirrbaren Irrläufer zu mutieren; mich in eine freiwillige Einsamkeit hineinzumanövrieren, die auszuhalten, ich gebs gerne zu, bisweilen arg unlustig war. Was natürlich unweigerlich zur Psychiaterfrage führt: «Gab es in Ihrer Kindheit einen Vorfall, der das verstörende Verhalten ansatzweise erklären könnte?» Nein, gab es nicht. Aber es gab 2010 diese wahnwitzig absurde Fake-Doku «I’m Still Here», in der US-Schauspieler Joaquin Phoenix verkündet, er werde Hollywood und die Filmerei aufgeben und stattdessen zum bösen Rapper werden, und dabei – immerzu heimlich gefilmt von seinem Schwager Casey Affleck – die Welt ein Jahr lang auf unnachahmliche (und ja, oftmals auch auf unappetitliche) Weise hinters Licht führt. Dieser Film wurde sieben Jahre später zum mich inspirierenden Motiv, selbst mal fremde und eigene Grenzen auszuloten.

Voilà. Und so müsste es an dieser Stelle eigentlich heissen: «Endlich, das wars!» Schliesslich sind wir am Ende des angekündigten Endes angelangt. Allerdings, es sei nicht verschwiegen, wären da noch einige wenige statistische Angaben, für die es hier und heute keinen Platz mehr hat. Blöd, ich weiss, aber was tun? Echt jetzt? Sie finden, das ginge? Super, Deal, machen wir: Ende Teil 3, nächsten Samstag!

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