Eine Glacegeschichte (20)

Im heutigen Beitrag dieser städtischen Gebrauchsanleitung geht es um den Mars und Zwangsoptimierung, ums Schielen und um Georg Büchner – vor allem aber geht es um wahre Werbung.

Auf dieser Aufnahme vom Oktober 1983 geht es um die Cabaret-Revue «Plausch in Züri» von Charles Lewinsky, die damals im Bernhard-Theater-Premiere feierte. Für unsere heutige Geschichte wichtig ist aber allein der gmögige Mann unten in der Mitte namens Nöggi, dessen grosser Hit nun von einer Werbekampagne mit dem Prädikat «Besser wirds nüme» geehrt wurde. Foto: Keystone

«Werbung verkauft alles . . . ausser Wahrheit!» Dieser Satz war so richtig und wichtig, dass er es verdient gehabt hätte, im Dekalog für die Konsumgesellschaft in Stein gemeisselt (oder den ADC-Granden auf den linken Unterarm tätowiert oder als Warnung in einer unzerstörbaren Kapsel zum Mars geschossen) zu werden. Doch das wurde verpasst – und zägg! –, ist es zu spät. Denn jetzt ist er ungültig! Weil eine Zürcher Werbeagentur das alte Gebot gebrochen hat.

Intermezzo: Würde es zum Gebaren dieser Gebrauchsanleitung gehören, immerzu auf die Klickzahlen zu schielen, wäre nun des künstlichen Dramas wegen selbstverständlich noch behauptet worden, «dieser aus werberischer Warte verheerende Tabubruch» sei «vergleichbar mit dem Ende des Bankgeheimnisses» oder, aktueller, «mit dem Einkrachen der Missbrauchsschweigemauer in Hollywood» . . . doch weil wir uns vor dem Schielen fürchten – das Grossmueti selig sagte stets, wenn man das häufig tue, könne – zägg! – die winzige, am Nasenrücken befestigte Sehne reissen, und der Augenfehler bleibe irreparabel, sprich für immer! –, ist das kein Thema. Intermezzo Ende.

Gebrochen wurde das Gebot mittels Message, die in einer Dekade, in der jeder Mensch und jedes Produkt mehr oder weniger im Dauerwettbewerb um Zwangsoptimierung zu stehen scheint, verblüffend unhysterisch, ja beinahe sachlich daherkommt. Mehr noch: Man gestattet sich gar eine marketingmässige Todsünde, nämlich einen scheinbaren Hauch von Resignation. Ach, genug geplappert. Zägg! Vorhang auf für diesen revolutionären Slogan, er heisst: «Besser wirds nüme».

Intermezzo: Man könnte anmerken, das tatsächlich Revolutionäre sei die Bewerbung eines Stillstands oder Nicht-Fortschritts, doch das wäre ein wenig spitzfindig. Intermezzo Ende.

Klar sind da jetzt die Enttäuschten («Waaaas? Sooo es Gschtürm wäg dem – tschuldigung – Fürzli?»). Und die Empörten, die meinen, sie seien grad schlimm veräppelt worden. Doch die gibts immer, lassen wir sie links und rechts liegen. Allen anderen sei erklärt: Die Kampagne bewirbt ein Gebräu, das in hiesigen Trinkstunden schon bei der Einführung vor 181 Jahren für zufriedene Bierschnäuze sorgte; beispielsweise bei den Dichtern Georg Büchner («Woyzeck») und Hoffmann von Fallersleben («Alle Vögel sind schon da»), die damals bei uns weilten. Und so ging es seither unzähligen weiteren Menschen. Ergo muss man an diesem Gerstensaftrezept nichts mehr verändern, weil es – zägg! – schlicht schon gut genug ist!

Diese simple Feststellung, Ladies and Gentlemen (wie unsere Kollegen von der «Republik» in solch erhabenen Momenten jeweils anzureden pflegen), ist das Wichtigste überhaupt an dieser wahren Werbung: Sie erinnert auf sublime Weise daran, dass wir mit gewissen Dingen einfach mal zufrieden sein dürf(t)en, könn(t)en, soll(t)en.

Übrigens gilt das «Besser wirds nüme»-Prädikat jetzt offiziell auch für andere Zürcher Klassiker wie Nöggis Hymne «I bin en Italiano» oder das «Silber Beefy» (das ergab eine Abstimmung in der Fortsetzung der Kampagne). Und, es gilt, eher inoffiziell, auch für diese Glacegeschichte. Darum beginnen wir kommenden Samstag den Sinkflug (hoffentlich ohne – zägg- zägg-zägg!!! – heftige Turbulenzen).

1 Kommentar zu «Eine Glacegeschichte (20)»

  • Dany sagt:

    Mann Thöme Wyss, Du kannst doch so gut schreiben, was sollen bloss diese verschachtelten, zerstückelten Sätze? Spielt der Nöggi immer noch an der Züspa?

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