Die #metoo-Weihnachtsessen

Die Firmen-Weihnachtsfeiern stehen an. Und damit reichlich Gelegenheit, sich das Leben zu ruinieren. Viel Spass!
Trinken Sie sich schnell in die Bewusstlosigkeit, bevor Sie irgendwas Unanständiges anstellen.

Trinken Sie sich schnell in die Bewusstlosigkeit, bevor Sie irgendwas Unanständiges anstellen.

Alkohol enthemmt, wie uns CVP-Nationalrat Buttet in den letzten Wochen wieder so eindrücklich vor Augen geführt hat. Und die Firmen-Weihnachtsfeiern im Dezember sind prädestiniert für alkoholisierte Fehltritte jeder Art, da sie als Katalysator für alle Spannungen, die sich übers Jahr im Unternehmen angesammelt haben, wirken.

Nehmen Sie sich in Acht. Und damit meine ich nicht nur die Männer. Gerade Frauen sind an solchen Anlässen in Gefahr, die ihnen durch Rollenstereotype auferlegte schickliche Zurückhaltung zu verlieren und sich gehen zu lassen.

Der klassische Striptease der schüchternen Kollegin auf dem Tisch ist kein Märchen. Hab ich selbst schon erlebt. Und ich würde es gerne wieder vergessen. Auch der WC-Ausflug der Unnahbaren mit dem verheirateten Familienvater zwecks Austausch von Körperflüssigkeiten ist mir noch in Erinnerung. Chefs, die mit 4 Promille versuchen, der netten jungen Praktikantin zu zeigen, wie cool sie noch drauf sind, indem sie ihr unter dem Mistelzweig die Zunge in den Hals stopfen.

Kolleginnen, die mit einem wackeligen Lapdance ihre Freundschaft zum Bürogspänli vertiefen wollen, oder einfach glühweinselig am Ohr des Abteilungsleiters knabbern und dabei giggeln. Die frisch geschiedene Chef-Assistentin, die sich mit einem Griff in den Schritt des Auszubildenden von den Gerüchten über die Grösse seines Teils überzeugen will und dann laut kreischt: «Es ist wahr! Es ist wahr!»

Das Schönsaufen des anderen Geschlechts funktioniert übrigens nicht nur auf die äusseren Attribute, es kann bei ausgiebigem Alkoholkonsum auch zu sexuellen Interaktionen mit Menschen kommen, die Sie wegen deren charakterlichen Eigenschaften das Jahr über nicht mal mit einem Hundefäkaliensäckli über der Hand berührt hätten.

Wahrscheinlich können Sie selbst einige Situationen in Erinnerung rufen. Wenn nicht, sind Sie wohl entweder zu früh gegangen, oder Sie gehörten (wie ich) zu den Protagonisten, die sich am nächsten Morgen an nichts mehr erinnern konnten.

Ich persönlich bin froh, dass es noch kein Youtube oder Facebook gab, als ich noch Alkohol trank und an solchen Anlässen teilnahm. Ich kann gut auf Bilder verzichten, die zeigen, wie ich in Unterwäsche Topfpflanzen vor dem Lokal mit meinem mehr oder weniger flüssigen Mageninhalt dünge.

Heute ist das anders. Alles wird dokumentiert, geht live online. Sie haben keine Chance, ihren Charakterfehlern zu entkommen. Früher hatte solches Verhalten zur Folge, dass die Stimmung bei der Arbeit bis im Januar etwas schräg und komisch war. Und natürlich, dass die Geburtenrate im September immer einen kleinen Peak aufweist. Heute enden Sie mit  Filmli und einem #metoo-Hashtag auf Twitter. Egal ob Mann oder Frau.

Ich empfehle Ihnen also, an solchen Firmenanlässen auf Alkohol zu verzichten. Sollten Sie das nicht fertig bringen, trinken Sie so schnell so viel, dass sie bewusstlos unter dem Tisch liegen, bevor Sie den Mut aufbringen, der Welt ihre innersten Gelüste zu offenbaren. So stehen Sie den Dezember durch.

Lassen Sie sich nicht von dem Fakt täuschen, dass die meisten Menschen ihre Partner bei der Arbeit kennenlernen. Damit sind nicht die Weihnachtsfeiern gemeint. Ehrlich. Ausserdem können Sie mit ihren Übergriffen sicher bis im Februar warten. An der Fasnacht – mit maskierten Fremden – ist das alles völlig in Ordnung. Das gehört schliesslich zu unserer Kultur.

Off Topic: Gibts eigentlich einen soziologisch erklärten Zusammenhang zwischen der wachsenden Abgrenzung der Geschlechter und dem unerklärlichen Erfolg des Möchtegern-Dominanz-Pornos «50 Shades of Grey» bei einem hauptsächlich weiblichen Publikum?

4 Kommentare zu «Die #metoo-Weihnachtsessen»

  • Benni Aschwanden sagt:

    Ob es nach solchen Gelagen und Judihui-Festlichkeiten zu unangenehmen, möglicherweise über Jahre bis zu lebenslang nachwirkenden Kollateralschäden (z.B. Geschlechtskrankheit, Briefe vom Rechtsanwalt, Beförderung im Eimer, Alimente-Forderungen etc.) kommt, ist und war immer schon auch Glückssache. Ein paar Stunden Spässle können unter Umständen danach zu jahrelangem Ärger werden. Mit der aktuellen Belästigungskampagne, die Frauen neben berechtigter Traumabewältigung auch die Möglichkeit gibt, manipulativ aus Neid oder Rache oder Frustration Männern ein Bein zu stellen, und mit den erwähnten neuen Medien steigt halt das Risiko für einen Missgriff mit Konsequenzen. Es ist wie russisches Roulette; nur hat es im Revolver jetzt statt für 6 Patronen nur noch für 4 Patronen Platz…

  • ADrian Wehrli sagt:

    Die Kunst, DIE KUNST besteht darin, genau die Kurve noch zu kratzen. Der richtige Kick ist der Blick in den Abgrund, ohne hinenzufallen. Dass es da einige Kollateralopfer gibt, ist offensichtlich, gehört dazu.

    Handys sollten jedoch verbannt werden …

  • geezer sagt:

    Réda, deine fürsorge rührt mich…:-) vieles von dem was du oben beschreibst, haben wir doch alle schon mal in der einen oder anderen form am w-essen gesehen. einige lernen es nie, andere langsam, und weitere sind dem alkohol gar abgeneigt (doch, das gibt’s wirklich! ich gehöre leider nicht dazu). äniwäi: bis jetzt konnte ich mich immer schadlos halten, auch wenn ich in vergangenen jahren den nachhauseweg oft stark schlingernd bewältigte.

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