Eine Glacegeschichte (19)

Im heutigen Beitrag dieser städtischen Gebrauchsanleitung gehts um Street Credibility, Yoga, Selleriesaft und ums Zeichensetzen – in erster Linie aber gehts ums «Album des Jahrhunderts».

Nüchtern betrachtet ist das ein Bild mit zwei mässig aufregenden Farbflächen … alle, die in diesem Mark-Rothko-Gemälde namens Untitled #17″ dennoch mehr sehen (oder spüren), dürfen sich glücklich schätzen. Bild: Keystone

Es ist anzunehmen, dass Sie noch nie von Burial gehört haben. Liegt wahrscheinlich am Alter. Oder dass Sie nicht oft genug in Underground-Clubs herumlungern. Letztlich ist das aber nicht allzu dramatisch. Weder wird Ihre Street Credibility herabgestuft, noch finden Ihre Kinder Sie noch mehr «von gestern» als gestern (die haben doch selbst keinen Dunst, was oder wer Burial ist), kurz und gut: alles in allem ist alles Om.

Intermezzo 1: Om werde gern am Ende von Yogastunde gesungen, hab ich unlängst gelesen. Und zwar nicht als «Ooooommm», sondern als «Aaaaauuuuuummmmmm». Durch dieses Tönen, hiess es, würden alle Organe massiert, und beim «M» beginne der Körper dann angenehm zu vibrieren, oder expliziter gesagt: «Sex sells» hat das bislang auf gesunde Art «unschuldige» Yoga befallen! Das Niveau der Welt geht gnadenlos runter, da helfen auch substanziell grossartige SRF-Sendungen wie «+3°» nicht mehr weiter.

Intermezzo 2: Diese letzte Bemerkung war (mehr schlecht denn recht kaschierte) Stimmungsmache für ein dezidiertes Nööö zu No Billag. Da indirekte Andeutungen erstaunlich oft missverstanden werden, hier nochmals deutlicher: Wer meint, er müsse unbedingt «ein Zeichen setzen», soll das auf dem Smartphone machen (bei den Emojis hat es Zeichen en masse), oder beim Jassen, auf der Schiefertafel, oder halt mit dem Pfadimesser in der Baumrinde, wie man früher in blühender Jugend die Liebe kundtat… aber der Stimmzettel ist dafür definitiv der falsche Ort! Intermezzi-Ende.

Aber sorry, eigentlich waren wir ja bei Burial. Nüchtern betrachtet, ist das ein Brite, der monotone Clubmusik produziert. Wie Rothko nüchtern betrachtet ein Lette war, der monochrome Farbflächen pinselte. Doch selbst wenn man drei Jahre lang nur Sellerie- oder Randensaft getrunken und um alle aphrodisischen Lebensmittel einen weiten Bogen gemacht hätte (sprich, nüchterner kaum mehr sein könnte), wird man – sofern nicht bis auf den Sandboden der Seele hinab verkümmert – niemals nüchtern genug sein, um sich dem hypnotisch-narkotischen Sog von Burials Sounds (oder auch Rothkos Gemälden) erwehren zu können… auch wenn man sonst am liebsten Hardrock, Volks- oder Folkmusik, Operetten, Industrial, Kinderlieder, Gabber oder gar gar nichts hört.

Das behaupte ich. Etwas anders und ausführlicher behauptet das aber auch das Onlinemagazin «Pitchfork»das ist quasi der oberste Gerichtshof der Popmusik –, das Burials «Untrue» (2007) kürzlich zum «bis jetzt wichtigsten elektronischen Album des Jahrhunderts» erkoren hat.

Wer also über die Weihnachtstage in Bezug auf den Grad seiner Sozialkälte plötzlich schwer verunsichert ist, weil ihn die allgegenwärtige Gefühlsduselei irritierend unberührt lässt, höre sich diese Platte an; am besten morgens um drei, bei einem Spaziergang durch die einsame, frostige Winterstadt… kommen irgendwann die Tränen – bitter, süss oder gemischt –, ist alles okay.

Tja, das hatte heute wieder mal eher wenig mit Glace zu tun. Also empfehle ich zu meiner Entlastung das Motto, das man vom Geschenkhaufen unterm Christbaum kennt: «Solange es ein paar nützliche Sachen dabei hat, kann man auch mal ein Auge zudrücken.» Mässi.

Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind mit * markiert.

800 Zeichen übrig

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.