Die Welt ist verrückt, nicht ich

Der Test bei der Psychiaterin ergab einen Intelligenzquotienten von 105 Punkten. Das ist wie der 7423. Rang beim Zürcher Silvesterlauf.

Läufer am Silverstrlauf 2016. Bild: Urs Jaudas

Mit meiner ersten Psychiaterin war ich wenig zufrieden. Sie sass nur da und hörte mir zu. Dabei kritzelte sie ihre Notizhefte voll. Ich weiss bis heute nicht, was sie in ihre Blöcke geschrieben hat. Vielleicht Kochrezepte oder einen neuen Küchenplan. Nur selten hat sie etwas gesagt: «Mhm», «Was hat das bei Ihnen ausgelöst?», «Wie denken Sie heute darüber?», «Mhm». Sie sah aus wie die Psychiaterin von «Sopranos». Der oberste Knopf an ihrer Bluse war immer offen, auch im Winter.

Das Wartezimmer befand sich im Korridor. Mehrere Patienten warteten, bis sie an die Reihe kamen. Leider redet man da nicht miteinander. Ich war schon häufig beim Kinder- oder Tierarzt. Da fragt man gleich: Was hat Ihre Katze? Ihr Kind? Aber im Wartezimmer eines Psychiaters gilt anscheinend die Regel: Guck auf den Boden!

Nach der Sitzung bei der Psychiaterin gab es Blumen für die Familie. (Bild: Patrick Gutenberg)

Die Psychiaterin wollte, dass ich einen IQ-Test bei ihr mache. Kein Problem, ich bin sehr clever. Die ersten Fragen waren kinderleicht: Markieren Sie das Wort, das nicht zu den anderen passt: Mann, Brecht, Ende, Heine, Defoe. Die richtige Antwort lautet natürlich Ende. Erklärung: Ende beginnt mit einem Vokal. Auch mathematische Fragen kamen vor: Führen Sie die Zahlenfolge fort: 11, 9, 7, 5, 3… Die richtige Antwort: 1.

Dann wurde es aber immer schwieriger. Was mich ins Schwitzen brachte, waren aber nicht die Fragen, sondern die Psychiaterin, die mich ständig anstarrte und nicht aufhören wollte, dämliche Notizen zu machen. Das hat mich total aus der Bahn geworfen. Ich habe nun offiziell einen Intelligenzquotienten von 105 Punkten. Das ist zwar ein bisschen überdurchschnittlich, aber halt nicht so viel, wie ich mir vorgestellt habe. 105 Punkte – das ist wie der 7423. Rang am Zürcher Silvesterlauf. Mit 105 IQ-Punkten landet man höchstens bei den VBZ.

Der für mich niedrige Wert war dann der letzte Tropfen. Ich habe jetzt einen neuen Psychiater. Er praktiziert in Zürich. Leider darf ich seinen Namen nicht nennen. Er will das nicht, und ich respektiere das.

Mein neuer Psychiater ist ganz anders als die alte. Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir planlos über Gott und die Welt reden. Aber er hat natürlich einen Plan. Seine erste Frage lautet immer gleich: «Wie geht es Ihnen heute, Herr Frenkel?» Ich antworte stets, wann ich das letzte Mal Sex hatte. Das interessiert ihn dann sehr.

Was ich an meinem Seelenklempner am meisten schätze? Er kann auch quatschen. Er kritisiert und er lobt mich. Bei der letzten Sitzung hat er sogar gesagt: «Ich erkenne keine krankhaften Züge bei Ihnen.» Das hat mich beschwingt. Nach der Arbeit habe ich Blumen gekauft und meine Familie beim Abendbrot überrascht. Ich habe ihnen gesagt, was mein neuer Psychiater von mir hält. Damit auch die Kinder Freude daran haben, durften sie am Abend länger Fernsehen gucken.

Meine Frau traut der Sache noch nicht ganz. Aber was will sie machen? Mein Psychiater ist der Experte, nicht sie. Nun, da ich weiss, dass ich vollkommen normal bin, betrachte ich die Welt mit neuen Augen. Die Welt ist verrückt, nicht ich. Bei der nächsten Sitzung darf ich übrigens den IQ-Test wiederholen.

26 Kommentare zu «Die Welt ist verrückt, nicht ich»

  • Heinz Gerber sagt:

    Alle ausser Dafoe sind gelten die anderen als deutsche Schriftsteller, wäre also auch eine plausible Antwort. Nehmen Sie es nicht so ernst. Mit einem IQ von 105 zählen Sie in gewissen Ländern zu den intelligentesten.

  • Adorno sagt:

    Intelligenz ist eine moralische Kategorie.

  • Pete sagt:

    Danke für den Artikel . Hat Spass gemcht zu lesen 🙂

  • Michael Alexander sagt:

    Ich war immer der Meinung der infantil-frenkelsche Schreibstil sei Programm. Nun wurde ich eines besseren belehrt; mehr kann nicht erwartet werden. Nicht weinen, es ist trotzdem saukomisch und die suizidale 90’er Grenze wurde leicht überschritten.

  • Bernhard Meister sagt:

    Scheinbar lesen nicht viele Ihren Blog, sonst gäbe es wohl mehr Kommentare…. Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich mal gelesen, das 70% der Menschen sich überdurchschnittlich intelligent halten. Das sagt eigentlich schon alles.

    Ein IQ sagt wenig darüber aus, was für ein Mensch man ist. Ich mag das Wort Lenbensintelligenz – wie intelligent man sein Leben lebt, ob man aus seiner Sicht richtig verortet ist im Leben. Wenn jemand zB gerne Tram fährt, dann soll er das tun, ob er nun einen IQ von 130 hat oder nicht. Er ist bestimmt zufriedener mit seinem Leben und braucht keinen Psychiater.

    Ihr Artikel ist ziemlich arrogant und zeugt für mich von wenig Lebensintelligenz.

  • Pius M. Kessler sagt:

    Ich habe keinen IQ von 105, darum habe ich das mit der VBZ nicht verstanden. Jedenfalls scheinen Sie gekränkt zu sein, obwohl Sie überdurchschnittlich intelligent sind. Sie haben mit 105 abgeschlossen, obwohl Sie während dem Test laufend gestört wurden und nervös waren, wie Sie sagen. Sie können glücklich sein, eine durchschnittliche Intelligenz zu haben. Fast alles, was Sie kriegen können, ist für den Durchschnitts-IQ geschaffen. Stellen Sie sich vor, eine Zeitung würde mit ihren Artikeln nur Leute mit IQ 150 und mehr ansprechen. Die Zeitung würde keinen Monat existieren. Leute wie Sie können Tagesschau schauen und verstehen auch, was gezeigt und gesagt wird. Sie können sich richtig freuen, wenn ein RF oder die Nati gewinnt. Sie sollten das schätzen. Ich habe IQ 78 und es ist in Ordnung.

    • Lia sagt:

      ehrlich gesagt würde ich eine Kolumne von Ihnen, nach Ihrem Text oben, mehr schätzen als eine dieses unsäglichen Herrn Frenkel, der sich als das Nonplusultra dieser Welt versteht und ständig beleidigend nach links und rechts austeilt (man erinnere sich an seine Velofahrt durch den Friedhof). Ich habe einen IQ von 142, halte mich aber nicht für besser als jemand mit einem tieferen IQ. Ein IQ ist immer nur eine Grundlage, was man damit macht, ist jedem selbst überlassen.

  • Werner Gugolz sagt:

    Zur esten IQ-Frage: „Defoe“ ist mindestens so plausibel… Or shall I comment in english?

  • Thomas Weber sagt:

    Was will uns Herr Frenkel damit sagen? Wofür braucht er/man einen Psychiater? Für mich ist das die reinste „Geldverlochete“.

  • Bianca sagt:

    Die Richtige Antwort ist Defoe, da Defoe kein deutscher Schriftsteller ist!
    Da Lob ich mir die guten Dienstleistungen der VBZ-Mitarbeiter, welche im Gegensatz zu Ihrem mangelhaft geschriebenen Blog nicht wegzudenken sind.

  • Cyrill sagt:

    Liegt‘s an meinem IQ (auch ne Fangfrage – vielleicht) oder ist die Belanglosigkeit absicht(?)
    Oder höflich formuliert: Die Worte zwischen den Satzzeichen zielen auf was (ab)?
    Nein, ich glaube höflich bring ich‘s nicht mehr hin, heute. N‘Abend… .

  • Peter Kuster sagt:

    Michael Ende ist ein Kinderbuchautor, die anderen haben Bücher für Erwachsene geschrieben. Darum auch nur der IQ von 105, ich habe einen von 138, wobei das auch nur eine Zahl ist. IQ Tests beruhen auf logischem Denken und das ist bei mir als Programmier spez. gut entwickelt.

  • Sven Gschwend sagt:

    „Mann, Brecht, Ende, Heine, Defoe. Die richtige Antwort lautet natürlich Ende. Erläuterung: Ende beginnt mit einem Vokal“ – na ja. Ausser „Defoe“ sind alles Nachnamen von deutschen Schriftstellern. Mit der Begründung „Vokal“ wäre ebenso „Mann“ eine plausible Antwort: Enthält kein ‚e‘.

    Ich habe diese „Seelenklemperei“ nie verstanden: Quatschen mit Freunden aus unterschiedlichen sozialen-,bildungs-,sport-,…Schichten hilft aus meiner Sicht mehr. Ein/e unbedachte/r saloppe/r Spruch/Meinung kann Wunder helfen.

    „Die Welt ist verrückt, nicht ich“ – oder: „ich bin nicht krank, sondern nur anders“

  • Paranoide Schizophrenie sagt:

    Noch eine Einsicht die ich als substanziell bedenklich erachte. Jede Tierart verhält sich instinktiv schlauer als die meist Verstand gesteuerten Primaten also Menschheit.

  • Iten sagt:

    Sanchuniathon, Phönizier ca, 1.200 vC: „Seit unserer frühesten Jugend sind wir daran gewöhnt, verfälschte Berichte zu hören, und unser Geist ist seit Jahrhunderten so sehr mit Vorurteilen durchtränkt, dass er die fantastischsten Lügen wie einen Schatz hütet, so dass schließlich die Wahrheit als unglaubwürdig und die Lüge als wahr erscheint.“

  • Iten sagt:

    Descartes: „Nichts auf der Welt ist so gerecht verteilt wie der Verstand.
    Denn Jedermann ist überzeugt, dass er genug davon habe.“

  • Paranoide Schizophrenie sagt:

    Als Teil der Welt sind wir alle verrückt. Die Einen mehr die anderen weniger. Gut klar kommen die sich am besten der Gesellschaft anpassen können. Ist aber in einer tief kranken Gesellschaft kein seelisches Vorzeige Zeugnis. Die Welt oder das Leben erkenne ich als völlig widersprüchlich weil sich stets mindestens zwei Seiten ergeben bei genauerer Betrachtung und daher sowas wie philosophisch ein gelebtes Nichts übrig bleibt. Sehe lediglich, schneller oder langsamer zerfallen als Option.

  • SrdjanM sagt:

    Vielleicht ist die Frage zu direkt und persönlich, Sie müssen ja auch nicht antworten, aber… warum haben Sie einen „eigenen“ Psychiater/Psychiaterin?
    Besteht denn auch eine Diagnose, dann finde ich die beschriebenen Situationen und das Verhalten beider Therapeuten als sehr unangemessen.

  • Roman Günter sagt:

    „Ich antworte stets, wann ich das letzte Mal Sex hatte“
    Möglicherweise traut Ihre Frau der Sache nicht so ganz, weil es;
    a) ein versteckter Vorwurf sein könnte
    b) zeitlich nicht mit ihrer Erfahrung übereinstimmt
    c) auf eine Fixierung hindeuten könnte
    d) usw.

  • Patrick Reto Bieri sagt:

    Hahaha…herrlich!! Und defintiv weit höher als das Geschreibe der 105 er IQs 🙂 . Echt brilliant! Doch vorsicht, nicht alle mit einem saumässig hohen IQ interessieren sich auch automatisch für eine Karriere in der Teppichetage oder in der Forschung. Einige werden auch einfach Busfahrer bei der VBZ und geniessen es, ihren IQ dazu einzusetzen, die Welt aus dieser Position im Auge zu behalten 😉 .

  • Heinz Imboden sagt:

    Die Antwort lautet „Defoe“…ist der einzig fremdsprachige Autor. Soviel dazu.

  • Hans sagt:

    Bitte Frenkel einstellen.
    Habe von ihm noch nie etwas interessantes oder witziges gelesen.
    Die Kolumnen sind schlecht.
    Schade um die Lesezeit, schade um den Platz. Schade um seinen Lohn.

  • Ralf Schrader sagt:

    Die Geschichte ist erlogen. Im Wartezimmer eines Psychiaters sitzen niemals mehr als 2 Patienten und auch das nur, wenn einer von beiden zu früh kommt.

    • Ralf Schrader sagt:

      Psychiater machen auch keine Intelligenztests. Das klingt alles mehr nach Psychologie- Praxis und Psychologen behandeln im Regelfall keine Verrückten – besser psychisch Kranke genannt.

  • Pascal sagt:

    Endlich wieder da…das war immer der beste Teil des Tagesanzeigers: Die Kolumne von Frenkel !!

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    🙂 trösten sie sich, herr frenkel. im allgemeinen gilt – je weniger iq, desto weniger skrupel, desto mehr erfolg. politik und wirtschaft bestätigen diese tendenz im allgemeinen.

Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind mit * markiert.

800 Zeichen übrig

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.