Mit Tempo 50 in die Sackgasse

Der Amtsschimmel reitet geschwind durch die Agglo. Die erste Gemeindeversammlung der Ex-Städter.

So wirken die Offroader in ihrem Stammgebiet auf die Ex-Städterin.  Bild: Keystone/AP Photo/Guillermo Arias

«Ist das Leben in unserer Strasse nicht schön?», fragten ein paar Nachbarn auf einem Flugblatt. Nur die Geschwindigkeit, mit der einige Autos durch die Sackgasse donnerten, trübe die Freude. Dieses Jahr mussten schon zwei Katzen ihr Leben lassen. «Dem rücksichtslosen Verhalten muss ein Ende gesetzt werden!», beschlossen die Anwohner. Bei der Gemeindeversammlung wolle man einen Antrag für Tempo 30 auf der Quartierstrasse einreichen.

Nachbarschaftlicher Zusammenhalt hat noch nie geschadet, dachten sich die Ex-Städter. Dass ihre Entscheidung, an der Gemeindeversammlung zu erscheinen, richtig ist, zeigt sich, noch bevor sie auf der Quartierstrasse stehen. Ein Offroader lädt sie um ein Haar auf seine Kühlerhaube. Diese Autos, längst auch in Zürich verbreitet, sind in der Agglo in ihrem eigentlichen Stammgebiet. Der Entschluss der Neuzuzüger ist glasklar: «Tempo 30 für unsere Strasse!» Umso mehr, nachdem sie sich eingelesen haben. Bei Tempo 30 ist der Bremsweg – inklusive Reaktionszeit – grade noch halb so lang wie bei Tempo 50. Und bei einer Frontalkollision, heisst es in einer Broschüre des Bundesamts für Strassen, sinke das Risiko mit Todesfolge für Fussgänger von 85 auf 10 Prozent.

Im Gemeindesaal steht die Abnahme des Budgets auf dem Protokoll. Neunzig Nasen haben sich abends um 20 Uhr eingefunden. Die meisten im Pensionsalter oder kurz davor. Auf der Bühne die Regierung. Sechs Männer und eine Frau. Zwei sind mit Kopfmikrofon bewaffnet, der Mann für die Finanzen und der Gemeindepräsident. Dieser fordert zuerst die nicht Stimmberechtigten auf, sich in die vorderste Reihe zu setzen. Offenbar befindet sich kein fremder Fötzel im Saal. Zwei Auserwählte zählen die Anwesenden.

Nach ein paar einführenden Worten übernimmt der Finanzvorstand. Er redet klar und sachlich eine halbe Stunde, bis die Köpfe rauchen. Das Budget wird durchgenickt. Tempo 30 kommt am Ende der Traktandenliste unter «Mitteilungen». Zuvor wird die neue Gebührenverordnung vorgestellt – mit hohem Schlaffaktor – und der Gemeindeschreiber nach fast 30 Jahren verabschiedet. Es gibt Zigarren aus Kuba für ihn und Blumen für seine Frau. Dann endlich liest der Gemeindepräsident den Flyer zu Tempo 30 vor. Und danach den Brief, den die Gemeinde als Antwort verfasst hat. Man habe «die Anregung aufgenommen» und werde sich noch einmal mit der Frage Tempo 30 beschäftigen, tönt es eher widerwillig. Es wird versprochen, ein aktuelles verkehrstechnisches Gutachten in Auftrag zu geben.

Ein älteres Gutachten aus dem Jahr 2012 stimmt nicht zuversichtlich. Die Experten befanden damals, die Strasse sei «nur bedingt für Tempo 30 geeignet». Zudem würde Tempo 30 «eine hohe Dichte an baulichen Massnahmen» notwendig machen.

Den Ex-Städtern und den Antragstellern hätten zwar auch zwei Tafeln mit Tempo 30 genügt, doch der Amtsschimmel reitet geschwind – auch ausserhalb der Stadt. So bleibt es vorerst bei Tempo 50 auf der Sackgasse. Die «Querungsbedürfnisse», zitiert der Gemeindepräsident das ältere Gutachten, würden sich ja nur auf «punktuelle Stellen» beschränken. Aber sagen Sie das mal den Katzen…

4 Kommentare zu «Mit Tempo 50 in die Sackgasse»

  • Meinrad Wiederkehr sagt:

    Sehr wahrscheinlich liegt das Problem in diesem Fall beim Kanton und nicht bei der Gemeinde. Zumindest im Aargau hat der Kanton bis vor einigen Jahren kein Tempo 30 ohne „bauliche Massnahmen“ bewilligt.

    Also entweder Tempo 30 mit „Einfahrtstoren“ (sprich: Blumenkübel auf der Strasse) und Entfernung der Fussgängerstreifen, oder kein Tempo 30. Kein Wunder war die Bevölkerung jeweils dagegen, es will ja niemand Slalom fahren.

    Erst kürzlich hat der Kanton das eingesehen und siehe da: immer mehr Gemeinden führen Tempo 30 in Quartierstrassen ein.

  • Fabian Müller sagt:

    Zwei Tafeln mit Tempo 30 genügen eben nicht, um die Geschwindigkeit zu senken. Die kosten zwar wenig, bringen dann aber auch nichts(ausser Frust bei den Initianten). Im Gutachten wurde wahrscheinlich festgehalten, dass nur mit erheblichen baulichen Massnahmen zuverlässig erreicht werden kann, dass die Geschwindigkeit eingehalten wird. Das bedeutet dann auch, dass diese Massnahmen umgesetzt werden müssen, was eben mehr kostet als zwei Tafeln.

  • Martin Frey sagt:

    Also der Weltmeister in Sachen «eine hohe Dichte an baulichen Massnahmen», gerade in Hinblick auf mehr oder weniger sinnfreie Temporeduktionen, ist immer noch die Stadt Zürich. Keine Agglogemeinde kommt da so schnell heran.
    Insofern ist die Geschichte doch lediglich Beleg dafür, wie sehr die Agglo mit dem Zuzug der Superurbanen, die es aus unerfindlichen Gründen irgendwann doch in die Peripherie des Weltgeschehens zieht, verstädtert.

  • Adrian Wehrli sagt:

    Mimimimi … pöse Offroader. Bin immer erstaunt, dass es die Jute-statt-Plastik-Fraktion bei den Journalisten immernoch gibt.

    Jänu denn, mit Vollgas.

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