♫ ♪ Advent, Advent, ein Franken brennt … ♫♪

Unser Autor ist keiner dieser dreckigen Kommunisten, die uns das heilige Recht auf Konsum wegnehmen wollen. No, Sir! Aber trotzdem ...
Kaufen macht glücklich.

Kaufen macht glücklich.

Black Friday, Not-so-black-Saturday, Sonntagsverkauf, Cyber-Monday – wir haben gerade den Start in den Weihnachtsverkauf absolviert. Von Null auf Hundert in vier Tagen. Wirtschaftsfuzzis werden uns im Januar anhand des Konsums im Dezember erklären, wie gut es uns als Gesellschaft geht. Je mehr wir konsumieren, um so besser soll es uns gehen. Ehrewort.

Ich war am Samstag an der Bahnhofstrasse, zwischen Zehntausenden von Menschen. Die sahen ehrlich gesagt nicht so gut aus. Genervt die meisten, aggressiv viele, verloren manche, unglücklich einige. Trotz der hübschen Lichter und all der schönen Sachen, die sie kaufen durften, mussten.

Menschen, die sich entscheiden mussten, ob sie in bar, mit Twint, Blue-App, Maestro oder Kreditkarte für Dinge bezahlen, die mit geplanter Obsoleszenz eigentlich nur für den Müll produziert wurden. Menschen, denen am Black Friday der Schrott angedreht wird, den der Detailhandel während des Jahres nicht verscherbeln konnte, damit die Regale für die neuen funkelnden Dinge im Advent frei werden.  Menschen, die in ihrer künstlich induzierten Gier nicht merken, dass sie den Mist nicht brauchen, den sie kaufen. Menschen, denen man weis macht, sie würden Geld sparen, indem sie es ausgeben.

Nein, ich bin keiner dieser dreckigen Kommunisten, die uns unsere Freiheit zu konsumieren wegnehmen wollen. No, Sir! Ich besitze gerne schöne Dinge und ich verschenke sie auch gerne. Auch zu Weihnachten. Ich glaube nur nicht, dass wir unser Glück als Gesellschaft daran messen können, wie viele Dinge wir in unsere Einkaufstaschen stopfen. Wir sind sicher nicht glücklicher, wenn wir im Dezember zwischen anderen Schafen von Kasse zu Kasse getrieben werden, um unsere Silberstücke gegen Ballast einzutauschen.

Vielleicht sollten wir unser Glück als Gesellschaft daran messen, wie viele unserer Mitbürger über Weihnachten wieder den Kopf in den Bachofen stecken, auch wenn da keine Guetzli drin sind. In der Schweiz begehen mehr Menschen Suizid als bei Verkehrsunfällen umkommen. Gerade in den nächsten vier Wochen.

Vielleicht ist es die Mischung aus winterlicher Besinnlichkeit mit all den elektrischen Kerzen und den stimmigen Dekos und dem weihnachtlichen Klingeln der Kassen, die mich etwas sensibler macht. Eigentlich mag ich Weihnachten. Und ich mag den Gedanken an das Fest der Liebe.

Nur glaube ich nicht, dass wir unser Mass an Liebe füreinander im feierlichen Austausch von teurem, verbilligten Schrott ausdrücken können. Das kostet uns nämlich nichts.

Was uns wirklich etwas kosten würde, wäre ein persönlicher Aufwand, die Überwindung eines unangenehmen Gefühls, das seufzende Öffnen der Haustür an Weihnachten, um einen Menschen einzulassen, der sonst einsam wär, unser Fest aber schwieriger macht.

Wir könnten irgendwem was Gutes tun. Muss ja nicht am Weihnachtswochenende sein. Könnte auch in den nächsten Tagen sein. Ein Anruf, eine Geste, ein Besuch. Und wir müssen deshalb nicht auf Weihnachtsgeschenke verzichten. No, Sir. Kaufen und Verkaufen ist unsere gottgegebene Freiheit. Daran wird auch eine kleine, liebevolle Geste nichts ändern.

6 Kommentare zu «♫ ♪ Advent, Advent, ein Franken brennt … ♫♪»

  • jane marple sagt:

    auszug aus einem unfreiwillig mitgehörten gespräch zwischen zwei frauen:
    1. „ich weiss nicht, was ich dem xy schenken soll..“
    2. „kauf doch ne nespresso maschine und gib ihm den kassenzettel dazu.“
    1. „gute idee, aber wieso den kassenzettel?“
    2. „damit er sie umtauschen kann, wenn sie ihm nicht passt…“
    noch fragen?
    das nennen die menschen heute das „fest der liebe“… (würg)

  • Sportpapi sagt:

    Interessant ist ja, dass die einen rund um sich immer nur gestresste Menschen wahrnehmen.
    Wenn ich vor Weihnachten mal in ein Einkauszentrum gehe, und mit über den Betrieb da freue, dann sehe ich nur Menschen um mich herum, die genauso freudig durch die Läden schlendern.
    Offensichtlich prägt unsere eigene Einstellung auch unsere Wahrnehmung.
    Wobei: Vielleicht trifft man auch an der Bahnhofstrasse eine spezielle Kundschaft?

  • geezer sagt:

    was mich in diesem zusammenhang immer so stresst sind leute, die – nach ihrem hobby gefragt – ausschliesslich mit ’shopping‘ antworten. echt jetzt? konsum als liebste freizeitbeschäftigung?

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