«Mit wem schlafen Sie zur Zeit?»

Gibt es Themen, die man in einem alltäglichen Gespräch mit losen Bekannten nicht ansprechen darf? Und ist belangloser Smalltalk die Lösung?
Geschwafel ist ein Schutz vor Intimität.

Geschwafel ist ein Schutz vor Intimität.

«Wie war das damals so mit den Drogen?», werde ich häufig gefragt. Auch von Leuten, die ich noch keine zehn Minuten kenne. Die Frage ist intim und zählt wohl nicht als «Smalltalk». Trotzdem beantworte ich sie lieber als zum Beispiel «Hast du das Stück von Blabla Grosskotz in der Inszenierung von Dicke Hose im Schauspielhaus gesehen?».

Meine Kollegin Wäis Kiani zählte kürzlich in ihrem Blogbeitrag auf, was das Gegenüber alles nicht sagen darf, um den «Vibe nicht zu killen». Zum Beispiel sollte man sie nicht nach ihrem Sexleben fragen, oder vom eigenen Sexleben erzählen. Oder von seiner Ernährung. Und da hab ich mich gefragt, ob es wirklich Dinge gibt, die «man» im täglichen  Gespräch nicht ansprechen soll.

«War das gewollt oder wars ein Unfall?», fragte ich kürzlich eine Kollegin, die mir mitteilte, sie sei schwanger. «Das geht dich nichts an», war ihre Antwort. Und gut ist. Ich hatte eine Frage gestellt, sie hat entschieden, dass sie mit mir nicht über das Thema reden will. So einfach.

Smalltalk ist übel. Aber Smalltalk ist nicht vom Thema abhängig, sondern vom emotionalen Wert des Themas für den Betreffenden. Ich lass mich lieber 25 Minuten von einem Kollegen über seine  Modelleisenbahn vollquatschen, wenn er dabei leuchtende Augen hat, als von einem anderen über Literatur und Kunst, wenn er mir nur zeigen will, wie kultiviert er ist.

Grundsätzlich gehe ich lieber in die Tiefe. Nicht zu verwechseln mit philosophischem Sändelen, wo man sich klobige Zitate grosser Denker um die Ohren haut, um dann gemeinsam schweigend und wissend zu nicken und an seinem Drink zu nippen.

Mit Tiefe meine ich die Dinge, die Menschen wirklich beschäftigen. Die Depression des Partners, die Drogenprobleme der heranwachsenden Kinder, die Angst um den Job, das Burnout, der Liebeskummer,  das eigene Körpergefühl, Sex oder fehlenden Sex, die Begeisterung für die neue Liebe, die Einsamkeit als Single, die Versagensangst als Kreativer, die Krebsdiagnose, der Tod eines Elternteils. Dinge, die im Alltag geschehen und die das Herz und die Psyche meines Gegenübers ausfüllen. Die Dinge, die den Menschen formen.

Von solchen Sachen erzähle ich, nach solchen Dingen frage ich. Wenn jemand das nicht beantworten oder hören will, fair enough. Das kann man mir direkt sagen. Dann wechsle ich das Thema oder geh meiner Wege.

Das Erstaunliche dabei ist aber, dass die Leute – auch wildfremde im Café – erleichtert sind, wenn ich direkt von mir, aus meinem Herzen oder von meinen Schwächen erzähle. Sie entspannen sich und erwidern die Offenheit. Sie lassen den Smalltalk links liegen und erzählen aus ihrem echten Empfinden. Und so entstehen Beziehungen. Manchmal nur für einen kurzen Augenblick. Manchmal für ein ganzes Leben.

Also, nein. Es gibt keine Tabuthemen. Es gibt nur Barrieren im Kopf. Und die meisten Menschen sind froh, wenn man diese einreisst und Platz für echten Austausch schafft.

13 Kommentare zu ««Mit wem schlafen Sie zur Zeit?»»

  • roy allen sagt:

    Antworten von Bedeutung muss man sich verdienen oder bekommt sie in einer Sternstunde geschenkt…..Ansonsten ist aufdringliche Fragerei nur nervig

  • Claude sagt:

    Bei Bienen ist die Königin ans schlafzimmer gekettet. Für alle die nichts mit ihr haben, gibt es Blümchensex. 😉

    Im ernst, es sollte keine Frage geben, die man nicht stellen darf. Man sollte sich für die Antwort aber schon wappnen.
    Smalltalk ist oft verlogen, weil es eigentlich niemanden interessiert. Zeitvertreib aus langeweile, langeweile aus ignoranz. Im grunde sogar verletzend, denn das gegenüber wird als unterhatungsmedium missbraucht. wer sich jedoch dem entzieht, gilt schnell als eigenartig oder Arrogant.

  • Benni Aschwanden sagt:

    Es ist schwierig gute Gesprächspartner zu finden für die erwähnten oder andere Themen mit Tiefgang, wo Schwächen und Leidenschaften des Einzelnen zur Sprache kommen, wo man auch mal hinter die Fassade sehen kann. Ich würde mir wünschen, öfters frei von der Leber weg Emotionales und Provokatives sagen zu dürfen, ohne dauernd Bedenken, in irgendeinen Fettnapf zu treten und jemanden vor den Kopf zu stossen. Man kriegt hierzulande auch selten offenes Feedback, weiss u.U. also gar nichts vom Fettnapf, wird dann plötzlich einfach ignoriert. Besonders hierzulande sind oft gefühlte hundert Eiswände zu durchbrechen. Der belanglose unverfängliche Small Talk mit andauerndem Ausweichen zu platten Sprüchlein und Witzchen wird wie die Thuja-Hecke im Garten und der Paravent auf dem Balkon eingesetzt.

    • geezer sagt:

      was mir in der CH besonders auffällt ist die oft total langweilige zurückhaltung vieler schweizer, was das fragen anbelangt. ich war eine zeit lang geschäftlich an sehr vielen apéros. es lief fast immer gleich ab: ich stellte eine frage, welche vom gegenüber beantwortet wurde. danach kam von ihr/ihm nichts mehr. so à la: „haben sie eine bevorzugte freizeitbeschäftigung?“ „ja, ich wandere gerne“……dann totenstille…….. sogar bei sehr trivialen themen sind herr und frau schweizer oft einfach langweilig oder schlichtwegs zu faul und zu desinteressiert, um selbst etwas für eine angenehme ping-pong-konversation beizutragen. in anderen ländern erlebe ich das anders.

  • Ferdinand (nicht der Moudi) sagt:

    Stimme mit dem Autor überein. Nicht immer – aber immer öfter. Um andere Menschen mögen zu können, sollte man auch sich selbst mögen. Mit all seiner Ambivalenz, wie etwa Ich und Er (von einer Frau DD sogar verfilmt, mit Humor). Also, – ich schlafe manchmal eben auch mit mir selbst. Geht nicht so in die Tiefe wie mit der Geliebten. Dafür unkompliziertes Timing, und nachher bin ich – breit.

  • Agnès Laube sagt:

    Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht wie Réda: Ist man offen und unbefangen und redet auch über vermeintlich ’schwierige‘ Themen, sind viele Menschen froh darüber und öffnen sich. Das hängt aber von meiner Haltung ab: Es geht nicht um stundenlange, triefend-schwere Gespräche, sondern – gerade auch bei emotionalen Themen – darum, eine gewisse innere Distanz zu bewahren, eine gewisse Lockerheit. Das tönt jetzt eigenartig, aber es nützt dem vis-à-vis nix, wenn ich in sein Problem ‚hineinfalle‘. Übrigens nervt mich der Blog von Waïs und Michèle kollosal. Sie stecken in einer Kategorisierungsfalle fest, die veraltet ist. Sie schreiben von ‚dem Mann‘, ‚den Frauen‘; davon, wie sie sind, was sie tun und lassen sollen. Was soll das?

  • marsel sagt:

    Sehr gut, Réda. Ganz deiner Meinung. Bin froh zu sehen, dass dich die Agglo noch nicht ganz weichgespült hat 😉 .
    Ich gehe manchmal noch einen Schritt weiter und wage es sogar, über Politik und/oder Ökologie zu reden. Du weisst schon, Auto/Velo, Parkplätze, Fliegen oder nicht, usw. Kann manchmal ausufern, oder sogar ausarten, aber ist tausendmal interessanter als ständig allem möglichen auszuweichen. So nebenbei kann man auch wunderbar die Spreu vom Weizen trennen.

    • Oliver Brunner sagt:

      Hoffentlich muss ich mit ihnen nie diskutieren. Ich komme nämlich aus der Agglo, wir sprechen nämlich nur über das Wetter, Trump, unseren getunten Subaru und die Fussballresultate von vor zwei Wochen. Aber ich nehme an, in Innercity spricht man über den eigenen Bartwuchs, den neuen Sattel vom Fixie und warum man heute gerade wieder mal 15 Leute über Veganismus aufklären musste. Und ich habe die Befürchtung, diese Themen wühlen sie tatsächlich auf und nehmen sie emotional mit.

    • Ferdinand (nicht der Moudi) sagt:

      Auh in Oeko-Systemen kann es zu Sex kommen. Bei Insektenvölkern gar aristokratisch. Bienenkönigin (oder Ameisenkönigin) lässt sich begatten. Das wäre aber nichts für mich, weil mein Leben wäre wie bei den Calvinisten vorherbestimmt. Dann doch lieber, als unabhängiger, fleissiger Quartiermoudi, obwohl immer manchen Gefahren ausgesetzt. Schützt immerhin vor der schwarzen Melancholie, aber nicht dem Kater danach.

  • Martin Tanner sagt:

    Smalltalk ist Hirnabstellen, Netflix auch. Wenn dem Angesprochenen die Emotionen wegen eines Aufregers (Ihre Worte: „der emotionale Wert“) hochgehen, ist das Ziel wohl auch verfehlt, weil immer noch kein tiefergehendes Gespräch losgeht.
    Wenn er anders kein Gespräch mit Tiefgang hinkriegt, hätte der Provokateur wirklich zuhause vor seinem Netflix bleiben können.

    • Réda El Arbi sagt:

      Naja, wenn „Emotion“ für Sie nur Aufreger bedeuten. Für mich bedeuten Emotionen Leidenschaft, Trauer, Freude, Mitgefühl, Humor, Ironie, Selbstironie, Angst. Mut, Betroffenheit, und noch ungefähr eine Million Gefühle mehr.

      Wenn Sie banales Blabla erzählen oder hören wollen, nur zu. Es wird sich sicher ein Gegenüber finden. Sogar ich höre da manchmal zu. Aus Mitgefühl.

  • Martin Tanner sagt:

    Das Nette an Gesprächsfloskeln ist nicht die Oberflächlichkeit per-se, sondern dass man dabei das Hirn ausschalten kann. Die Frage nach dem Bettgefährten macht aus Smalltalk noch lange kein tiefgründiges Gespräch. Falls mich also jemand an einer Gesellschaft nach der weiblichen Holdigkeit in meinem Nachtlager fragen würde, ware das wohl eher als Zeichen zu werten: „Lass uns endlich etwas mit Tiefgang bequatschen!“
    Vielleicht sollte man eher die Frage hinter der Frage verstehen, als bloss die Worte hören, auch wenn sie im Kleide eines Aufregers daherkommen.

    • Réda El Arbi sagt:

      Wie gesagt, es ist nicht das Thema, sondern der emotionale Wert, den es für den Betroffenen/ die Betroffene hat. Und ehrlich, um mein Hirn abzustellen brauche ich kein Gegenüber. Da bleibe ich daheim und schau Netflix.

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