Die Überraschung in der Poststrasse

Ein Chalet allein macht eben noch kein heimeliges Dorf aus einer Zürcher Agglogemeinde.

An einem Ort deplatziert, am anderen pervertiert: Chalets in Verbier. (Bild: Keystone/Laurent Gillieron)

In meiner Wohngemeinde, einer typische Agglogemeinde, gibt es – wenig überraschend – eine Poststrasse. Und in dieser Poststrasse gibt es – eher überraschend – ein altes Chalet. Es ist wohl gar nicht so alt, aber es sieht aus, als ob es aus einer anderen Zeit, ja von einem anderen Planeten hierherversetzt worden wäre – deplatziert im eigentlichen Sinn des Wortes. Das Chalet hat eine helle Holzverschalung, ein steiles Satteldach mit weitem Überstand, manche Pfeiler sind gedrechselt, die Fenster sind klein, die Läden grün, und am Balkon ranken sich Reben hoch.

Wobei zu erwähnen ist, dass diese Poststrasse ohnehin etwas eigentümlich ist. Da reihen sich nämlich ähnlich aussehende Häuser mit auffälligen Dachkonstruktionen – einer Mischung aus Krüppelund Mansardenwalmdach. Es sind neun auf jeder Seite in dieser Strassenzeile. Sie haben hübsche Vorgärtchen hinter Gartenzäunen. Manche Eingänge zieren noch Butzenscheiben, an den Ecken hängen kleine Laternen, in einem Unterstand steht ein Leiterwägelchen, in einem Garten wächst gar eine Agave, in einem anderen eine Palme, die bereits für den Winter abgedeckt ist.

Das erste oder letzte Haus in der Poststrasse, je nachdem, von woher man kommt, hat gar einen richtigen kleinen Turm. Die Einheimischen nennen es deswegen Schlösschen – so ist es auch mit verwitterten Buchstaben angeschrieben. Im Schlösschen war einst eine Bäckerei untergebracht, in der es richtig gute Gipfeli und bunte Marzipantierchen gab. Heute ist dort das Büro eines Steuerberaters und Immobilienvermittlers. Im Schaufenster hängt ein Plakat, darauf steht «Parkplätze zu vermieten».

«Ich wohnte im Chalet», war das Erste, was mir der 85-jährige, mittlerweile verstorbene Mann erzählte, als ich ihn zufällig kennen lernte. Dieses Chalet war sein Traumhaus, und diese Poststrasse, so scheint mir, verkörpert die Sehnsucht vieler Menschen nach dem Ländlichen, dem Überschaubaren, dem Beständigen – dem Dorf. Wenn wir aber vom Chalet wegzoomen, rücken bald Mehrfamilienhäuser ins Blickfeld, Strassenkreuzungen, ein grosses Schulhaus, Betonbauten. Die Poststrasse zweigt in die Zürcherstrasse, dort soll in ein paar Jahren die Limmattalbahn fahren. Das Chalet ist Nostalgie, aber nicht die Gegenwart, schon gar nicht die Zukunft dieser Stadt.

Etwa 250 Kilometer Luftlinie von meiner Wohngemeinde entfernt liegt Verbier. Dort gibt es nur Chalets, die Bauordnung schreibt es so vor. Was diese nicht vorzuschreiben scheint, ist die Grösse dieser Chalets. Dort stehen luxuriöse XXL-Chalets, die wie Karikaturen ihrer Gattung aussehen – «Chalet» bezeichnete ursprünglich Sennhütten. Hier, wo die Chalets eigentlich zu Hause sind, haben sie ihren Charme weitgehend verloren.

An einem Ort deplatziert, am anderen pervertiert. Ein Chalet allein macht eben noch kein heimeliges Dorf aus einer Agglogemeinde oder einem mondänen Skisportort. Das Dorf ist ein Sehnsuchtsort vieler Menschen, aber oft nur noch ein Bild in den Köpfen, eine Strassenzeile in urbanem Umfeld. Behalten wir es im Herzen. Dort ist es gut aufgehoben, für immer ländlich und überschaubar – und steht der Zukunft nicht im Weg.

2 Kommentare zu «Die Überraschung in der Poststrasse»

  • Stefan sagt:

    Stefan
    Philippe
    Bin total Ihrer Meinung. Ich kenne die Posstrasse in Dietikon. Sie ist in dieser Stadt eine der buntesten, auch über Jahrzehnte gewachsen, kleinbürgerlich und heimelig. Schön wärs wenn sie ihren Charakter mit samt Chalet behalten würde.

  • Philippe sagt:

    Verstehe nicht auf was sie hinaus wollen. In Winterthur gibt es eine Strasse an der es fast nur Chalets gibt. Ein Kuriosum, das die Strasse zu einer der beliebtesten der Stadt macht. Eine wilkommene Abwechslung zu den rechteckigen 0815 Hühnerställen die überall gebaut werden. Von mir aus dürfte ruhig ein wenig bunter gebaut werden. Sonst endet der Rest der Stadt auch als Sozialwüste wie die Europaallee.

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