Eine Glacegeschichte (16)

Im heutigen Beitrag dieser städtischen Gebrauchsanleitung geht es um Jim Jarmusch und Gefängnisse, um Jim Jarmusch und Taxis, um Sünden und Beichten – in erster Linie aber geht es um Fruchtgemüse.

Es ist durchaus denkbar, dass Benigni von einer solchen «Zucca» sprach, als er im Jarmusch-Film «Night on Earth» dem Geistlichen in seinem Taxi die sexuelle Beichte ablegte. Bild: Keystone

Im Kittchen ist es echt nicht lustig. Das bestätigen fast alle, die mal drin waren. Und doch passieren im Kittchen manchmal echt lustige Dinge. Das bestätigen sogar viele, die nie drin waren, sich dafür aber Jim Jarmuschs «Down by Law» angeschaut haben – ich würd die Hand in die Gefriertruhe legen (ins Feuer passt hier nicht, das ist schliesslich eine Glacegeschichte), dass niemals davor und nie mehr danach jemand auf einer Leinwand amüsanter nach Eiscreme verlangte als «Roberto» (Roberto Benigni), «Jack» ( John Lurie) und «Zack» (Tom Waits) in ihrem knapp zweiminütigen «I scream, you scream, we all scream for Ice cream»Medley in der gemeinsamen Gefängniszelle in New Orleans.

Dass dieser kleine Film ganz grosses Kino ist, merkt man übrigens gleich zum Auftakt: Zwei Kamerafahrten nach links, eine nach rechts, sanft unterbrochen durch ein wenig Bedroom-Szenerie, die eindrücklich vorführt, warum von schlafenden Frauen oftmals etwas Unheimliches ausgeht, und all das vertont vom gut betrunkenen Groove des Waits-Songs «Jockey Full of Bourbon»… auch über drei Jahrzehnte nach seiner Uraufführung ist dieses schlicht magische, weil magisch schlichte Intro in den Augen vieler Cineasten genauso unerreicht wie Maradonas Solo zum 2:0 im WM-Viertelfinal gegen England.

Der Film und das unvergessliche Tor in Mexiko machen klar, dass 1986 nicht ausschliesslich ein «annus horribilis» war, trotz Tschernobyl, der Explosion des Spaceshuttles Challenger, drei Flugzeugabstürzen, zwei Schiffsuntergängen, einem Dammbruch, einem schweren Erdbeben, dem Chemieunfall in Schweizerhalle und der Ermordung des schwedischen Regierungschefs Olof Palme. (Wobei man den lateinischen Begriff im Kontext jenes schrecklichen Jahres wahrscheinlich gar nicht benutzen dürfte; die Queen hat ihn ja erst 1992 artikuliert und so offiziell in unseren niederen Sprachgebrauch übergeben.)

Doch darum geht es hier gar nicht. Oder sagen wir: nicht nur. Eine Verbindung zum heutigen Thema gibts nämlich schon, sie besteht aus Jarmusch und Benigni – weil der Regisseur den Schauspieler fünf Jahre nach «Down by Law» auch für den Episodenfilm «Night on Earth» verpflichtete. Als Taxifahrer, der morgens um vier einen Geistlichen durch Rom fahren muss – und dem immer atemloseren «Padre» dabei all seine Liebessünden gesteht.

Yep, damit gehts nun endlich zur Sache. Denn Teil eins der urkomischen Beichte ist dem Sex mit Kürbissen gewidmet. Und an jene furiose Leidenschaft, mit der Benigni die Sinnlichkeit dieses Fruchtgemüses beschreibt, musste ich denken, als ich im September im Piemont ein fabelhaftes Apfel und tags darauf ein noch fabelhafteres Birnensorbet geniessen durfte.

Falls Sie nun eben hochnäsig haben anmerken wollen, dass das Sorbet unter allen Glace-Disziplinen im Fall die banalste sei – in Haftanstalten gesprochen (um einen eleganten Bogen zum Einstieg zu schlagen) also ungefähr das Gefängnis Limmattal –, hätte ich nicht minder hochnäsig erwidert: «Aber wer es schafft, daraus ein Erlebnis auf Stufe des ADX Florence zu kreieren – das ist der beste Knast der Welt –, gehört für mich in den Olymp.» Und darum wird in Teil 17 alles Wichtige zu diesen beiden Sorbets verraten!

2 Kommentare zu «Eine Glacegeschichte (16)»

  • Gabriel sagt:

    Hab’s gelesen und nichts verstsanden. War trotzdem nicht langweilig – wahrscheinlich wegen dem Kürbis-Bildli

  • Lichtblau sagt:

    Nun, dieser Artikel ist sehr – komplex. Vielleicht erwarten Ihre Leser unter dem Titel „Eine Glacegeschichte“ eher Erlebnisberichte über das erste Soft-Ice oder über die früher in Kinos erhältlichen Stengel-Glacen der Marke „Firn“, die, wohl aus Reinlichkeitsgründen, ohne Stengel abgegeben wurden. Egal, danke für Folge 16. Und machen Sie ruhig so weiter, die Glacegeschichte ist noch längst nicht erzählt.

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