Ein Unding wuchert in Zürichs Hotel-Landschaft

Die Grenze zwischen Stadt und Agglo verläuft auch entlang der Sprache.

Die zweite Helvti: Das neue Boutique-Hotel in Zürich. Bild: Reto Oeschger

Keine Frage, das erweiterte Hotel Helvetia im Zürcher Kreis vier ist schön geworden. Man würde dort gern einmal nächtigen. Und doch weckt das neue alte Haus eine dezente Allergie: die Boutique-Hotel-Allergie. Jede Absteige, die einen Hauch von mehr oder weniger gutem Design für sich in Anspruch nimmt, nennt sich heute Boutique-Hotel. Auch das Hotel Helvetia.

Dabei hat man ja nichts gegen hübsche Hotels. Aber gegen die inflationäre Verwendung der Boutique-Hotel-Bezeichnung. Der Begriff steht exemplarisch für den Protzduktus der Stadtsprache. Und um diese soll es hier gehen. Denn die Grenze zwischen Stadt und Agglo ist auch eine sprachliche.

In der Stadtsprache spiegelt sich das Verlangen, hip zu sein und sich von allem Unmodischen abzugrenzen. Es ist ein Verlangen, das in der Stadt Zürich ein geradezu obsessives Ausmass angenommen hat. Ein Normalo-Hotel? Schrecklich! Miefig! Ein Boutique-Hotel? Wow, aufregend! Dabei ist das Anhängsel «Boutique» zwar französisch, der Boutique-Hotel-Begriff jedoch ein Importprodukt aus den USA. Bezeichnend: Die englische Sprache ist das Allheilmittel, wenn es darum geht, Coolness und Trendbewusstsein zum Ausdruck zu bringen.

Mit der Konsequenz, dass man an allen Stadtzürcher Ecken und Enden angelsächsische Sprach und Wortkapriolen antrifft. Dabei gilt das Gesetz: je angesagter das Quartier, desto penetranter die Sprache. Dass eine Bäckerei keine Bäckerei mehr ist, sondern eine Bakery – na ja, damit können wir noch leben. Schlimmer wirds, wenn eine Beiz keine Beiz mehr ist, sondern eine Eatery. Und dann all die Lounges – Shoe-Lounge, Massage-Lounge, Smoker-Lounge. Jeder Raum, der ein bisschen mehr zu bieten hat als ein Taburettli, wird zur Lounge hochgepimpt.

Und es geht munter weiter: Der Velomech heisst nicht mehr Velomech, sondern Wheelhouse. Der Lebensmittelhändler, der mit der Zeit gehen und deshalb betont nachhaltig sein will, bezeichnet sein Angebot als Social Food (und verkauft seine sozialen Rüebli vermutlich bevorzugt an die Not-Guilty-Eatery). Und dann kommen zu den englischen Importvokabeln noch die zwanghaft originellen Sprachkonstruktionen deutschen Ursprungs hinzu. Dass unter den Zürcher Urban Hipsters neben den Englischfixierten auch die Berlin-Fans zahlreich sind, manifestiert sich in so läppischen Geschäftsnamen wie Beckeria oder Macherei.

Ist auf der anderen Seite der Stadt-Agglo-Sprachgrenze alles besser? Es ist in der Agglo zumindest vieles anders: In Rümlang heisst die Dorfmetzg hochoffiziell Dorfmetzg und die Dorfbeiz ebenso hochoffiziell Dorfbeiz. Man bewegt sich dort auf der Originalitätsachse gewissermassen im anderen Extrem – also im unter- statt im überoriginellen Bereich. Die Agglo-Tierpension namens Pfötli wird ebenfalls keinen Pfiffigkeitspreis gewinnen. Und vor der Englischbesessenheit ist man auch ausserhalb der Stadt nicht gefeit: In Gockhausen heisst die Praxis für Tierphysiotherapie Physiopet.

Und doch stellt man fest: Die linguistische Wichtigtuerei im Dienste der Coolness wuchert in der Agglo weniger exzessiv als in der Stadt. Und das ist schon mal sehr entspannend.

30 Kommentare zu «Ein Unding wuchert in Zürichs Hotel-Landschaft»

  • Marianne Berna sagt:

    Ich frage mich schon seit Jahrzehnten, wann die Schweizer endlich merken, wie unsäglich bieder diese zwanghafte Anglophonie ist. Man will zeigen, dass man englisch kann (meistens schlecht), vor allem aber will man etwas sein, was man nicht ist. Nichts gegen „eingebürgerte“ Anglizismen – der „Gei“ (guy), „cool“, von mir aus auch „liken“ und „googeln“, notfalls sogar „es macht Sinn“. Wenn am Laden aber steht „come in, we’re open“, dannn stinkt mir das. Ein bisschen mehr Selbstbewusstsein und ein bisschen weniger Denkfaulheit bitte!

  • Mägi sagt:

    Traurig genug, wenn ein Volk eine fremde Sprache besser zu sprechen, zu lesen und zu verstehen meint als die eigene. Es muss ja immerhin einiges im Argen liegen, bevor man sich dafür hergibt, sich mit (gar nicht „hipem“) deutsch/englischem Durcheinander-Kauderwelsch lächerlich zu machen.

  • Andy Waldis sagt:

    Verzwungene Coolness gehört zum Bünzligsten, das es gibt. Die Sprache und deren Auswüchse ist nur das orale Ende der dahinter stehenden Einstellung. Davon gibt’s in Zürich viel – ist ja auch eine Zwinglistadt. Aber zum Glück keimen immer wieder Zellen des echt urbanen Widerstands auf, welche die Stadt bereichern, ihr Abgleiten in die totale Provinzialität verhindern und vor allem eine kulturelle Vielfalt reinbringen, die sich durchaus mit Paris-Rio-Tokyo etc. messen darf.

  • Frank Peters sagt:

    Ich hatte mal einen super Deutschlehrer im Gymi, und eine seiner Devisen war: Ich bin kein Gralshüter (ein sehr deutsches Wort) der deutschen Sprache. Diese Aussage kommt mir immer wieder mal in den Sinn, wenn sich jemand über irgendwelche Veränderungen in der Sprache aufregt. Sprache verändert sich immer und ist auch Ausdruck sozialen Wandels. Klar werden Anglizismen heute inflationär verwendet, aber gerade in Zürich sind sie vielleicht auch Ausdruck des Versuchs, nicht in der Provinzialität des Umlands oder der restlichen Deutschschweiz abzusaufen. Und das gelingt – wie ich finde – immer besser. Es hat vielleicht auch einen praktischen Grund: Noch nie habe ich in Zürich so viele verschiedene Sprachen gehört wie heute. Damit alle mitkommen, gibt es oft nur eine Lösung: Englisch.

    • Paul Frei sagt:

      Es geht ja gar nicht um Gralshüterei. Ich liebe originelle Formulierungen, an genialen habe ich meine helle Freude. Aber wenn einem nur eine müde Klaumaukpointe einfällt, dann soll man es doch einfach lassen. Sonst nervt es genauso wie jemand, der es beim Anblick eines Klaviers nicht lassen kann, mit einem Finger den Flohwalzer zu klimpern.

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    wichtig ist, dass die städter in den städten bleiben. die landbevölkerung dankt herzlich.

  • Jennifer sagt:

    Ach, jetzt bin aber erleichtert, dass ich als ehem. deutschstämmige Philologin (u.a. Anglistik) nicht ganz allein bin mit meinen allergischen Zuständen, das oben witzig beschriebene Zürcher Neusprech betreffend.
    Mit Einheimischen getraue ich mich sonst kaum, so etwas zu thematisieren. Es bringt ja nichts, und die machen sowieso bloss die Rolladen dicht (erfahrungsgemäss), wenn da eine Deutsche etwas meint. Über etwas aufregen darf frau sich sowieso nicht in Zürich. Sonst kommen sofort Kontrollbedürfnisse auf, und mir wird erklärt, ich müsse das und jenes nicht so sehen und vor allem nicht so empfinden. Danke für das Schmunzeln. Wobei ich zweifle, ob es in der „Agglo“ wirklich noch soviel besser ist. Ich schaffe es sogar im Tessin, im ÖV unter jenem bemühten CH-Amerikanisch zu leiden…

  • Coolio Beckeria Cervelatius sagt:

    Huch. Gut hat der offizielle Uberhipster abgelästert.

  • Ulrich Oswald sagt:

    Lesen Sie doch einmal Gottfried Keller: „Die. Leute von Seldwyla.“. Der hat sich vor 150 Jahren genau gleich ueber die Zuercher Fuedlibuerger mit ihrem aufgesetzten Fremdsprachenfimmel mokiert. Nur gab es im 19.Jht noch keinen amerikanischen Kulturimperialismus wie seit 1918 bis heute.

  • Renée sagt:

    @ „jan“: Interessant – hatte vor einigen Jahren die Möglichkeit, die schöne Stadt Würzburg zu besuchen. Eine ähnliche Entwickung wie in Zürich konnte ich dort nicht ausmachen, fand es erst noch herrlich „normal“ dort, im Vergleich zu den o.g. Entwicklungen in Zürich. Zumindest einen solchen Zwang, „hip“ zu sein, konnte ich dort nicht feststellen. St. Pölten kenne ich nicht, es ist aber nicht einmal halb so gross wie Würzburg. Stoke upon Trent kenne ich auch nicht, ist aber ca. doppelt so gross wie Würzburg. Somit, wirklich ein sehr interessanter Vergleich, der nach Präzisierung verlangt. Wenn Sie so frei sein möchten? Merci im Voraus.

  • Rolf Hefti sagt:

    Immerhin, Sie sind von mir der erste Journalist, der etwas Positives über das Grösserzüri schrieb ! Danke .

  • Max Melchlin sagt:

    Meine Theorie: viele (Deutsch-)Schweizerinnen und Schweizer sprechen wenig und schlecht Schrift/Hochdeutsch und haben deswegen eine Abneigung dagegen. Deutsch ist nämlich eine komplizierte Sprache, gerade auch für uns Schweizer, die wir einen Dialekt sprechen, der weder Grammatik noch Rechtschreibung kennt. Da ist Englisch wesentlich einfacher. Deswegen die Flucht in die Englischwörter.

    • Hans Hegetschweiler sagt:

      Die Linguisten zerbrechen sich seit Jahrzehnten den Kopf, wie man die Komplexität einer Sprache misst und ob es überhaupt ein sinnvolles Mass gibt. Sie aber wissen, dass Deutsch schwierig und Englisch einfach ist und dass deshalb die Schweizer Deutsch meiden, wow. Wozu braucht es noch soziolinguistische und typologische Studien, wenn das jeder Laie intuitiv weiss?

      • Max Melchlin sagt:

        @Hegetschweiler: Sie spötteln über meine Fähigkeit zu wissen, dass Deutsch sdchwierig und Englisch einfach ist – und dass für die (Deutsch-)Schweizer Englisch wesentlich willkommener ist. Naja, sagen wir mal, dass ich mich mit diesen Fragen seit 50 Jahren beschäftige, auch beide Sprachen (und noch andere) fliessend spreche, immer wieder in allen Ländern anwesend bin. Klar, wenn Sie meinen, ich falle unter die Kategorie „jeder Laie“, dann dürfen Sie das. Halt eine Frage des Vorurteils, dem Sie erlegen sind.

    • Hans Hegetschweiler sagt:

      Wenn die Anglizismen und Germanizismen den Leuten nicht gefallen, werden sie wieder verschwinden, und wenn sie gefallen, dann wird es halt im Rahmen des Sprachwandels eine Erweiterung und Veränderung des Lexikons geben. Grundsätzlich ist das Wort „bakery“ weder besser noch schlechter als „Bäckerei“ (das Sufffix -ei dürfte im Übrigen auch eine Übernahme aus dem Lateinischen („-ia“) und demnach nicht urdeutsch sein).
      Das ständige Moralisieren zum Sprachwandel („Wichtigtuerei“) ist etwas bemühend. Seien wir doch froh, dass es sprachliche Innovatoren gibt und die sich manchmal durchsetzen, sondt würden wir heute noch so reden: „Ich saz ûf eime steine, und dahte bein mit beine; dar ûf satzt ich den ellenbogen;“ und hätten für viele Phänomene keine Begriffe.

    • Kurt Schwob sagt:

      Teilweise einverstanden, nicht ganz: a. wir sprechen nicht einen einzigen Dialekt, sondern viele z.T. recht verschiedene, und b : alle unsere Dialekte haben sehr wohl eine Grammatik. Beispiel gefällig? „Dur das Türe e großes Maa chöme dure und guete Dääg saisch het.“ Niemand spricht so, praktisch alle folgen klaren grammatischen Regeln. Mit der Rechtschreibung steht etwas anders: Es gibt schon eine, aber die meisten wollen das gar nicht wissen..

    • Nick sagt:

      Falls es Sie beruhigt: auch englisch kann man sich problemlos schlecht oder falsch ausdrücken. Deutsch ist dazu gar nicht nötig

  • jan sagt:

    Die Folge ist, dass Zürich so ganz sicher nicht cool wird, sondern sich im Einheitsbrei von ähnlichen Städten wie Würzburg, St. Pölten oder meinetwegen Stoke upon Trent einreiht (Nein, bewusst nicht London, Berlin, Paris…. ) . Es muss irgendwie anstrengend sein, in Zürich. Ich mag mein Leben als Landei sehr, da kann es mir egal sein, wenn ich mich nicht im stream bewege und nicht In oder cool bin.

    • Hans sagt:

      Ich mag Deine Vergleichsliste!
      Nichts gegen Zürich, eine ganz angenehme Stadt, aber ich muss immer schmunzeln, wenn die Zürcher ihr Städtchen mit Weltstädten wie Paris, London oder gar New York vergleichen.

      • Mike sagt:

        Finde ich nicht. Zürich hat sich die letzten 30 Jahren zu einer tollen Stadt entwickelt und kann sehr wohl auch mit anderen Metropolen verglichen werden. Mag sein, dass Touristen London oder Paris toller finden, wichtiger aber ist, wie der Alltag aussieht. ÖV, kulturelles Angebot, Sauberkeit, gemütliche Ecken, eine Bevölkerung, die inzwischen ziemlich entspannt ist und dann einen wunderschönen, sauberen See, Berge im Hintergrund, gepflegte Grünflächen, Üetliberg und Zoo runden das Gesamtbild ab. Sorry, habe schon an vielen Orten gewohnt. Zürich bleibt einer meiner der Favoriten.
        Und das mit der Sprache… tja, auch das vergeht und verändert. Sprache lebt halt. Und das ist gut so.

  • jane marple sagt:

    wunderbar beobachtet und geschrieben. was mich noch mehr nervt ist das restaurant, das zum „resti“ wird, die mayonnaise, die es nur zur „mayo“ schafft, oder pommes-frites, die nur noch „pommes“ heissen, was eigentlich Apfel im plural auf französisch heisst – also mit kartoffel (aus welchen pommes-frites eigentlich gemacht sind) nichts zu tun hat. ganz generell geht mir das krankhafte „hip“ oder „cool“ sein wollen der stadtzürcher sowas von auf den geist, dass ich echt nur so lange in dieser möchtegern grossstadt bleiben will, solange ich muss. ach ja: übrigens „urbane“ Stadt heisst nichts anderes als städtische Stadt… aber es klingt cooler… nicht wahr?

    • Christian Mueller sagt:

      Pommes-Frites heisst dann aber auch nur ‚frittierte Aepfel‘. Was mit den frittierten Pommes de Terre – den Herdäpfeln – auch nicht so viel zu tun hat. Kartoffeln haben eh auch wenig mit Aepfeln zu tun, wenigstens botanisch 😉

    • Tobias sagt:

      Ich bin in Zürich geboren und aufgewachsen. Aber heute bin ich froh, dass ich da nicht mehr leben muss.
      Auch von meinen damaligen Schulkameraden lebt kaum mehr einer dort. Das Obercoolgetue der neu zugezogenen „Züricher“ aus allen vier Windrichtungen ist für mich sowas von oberflächlich. Das Schlimmste ist, dass die dabei auch noch glauben ein internationales Flair zu verbreiten. Dabei ist Zürich heute bünzliger als in den 60ern und 70ern. Egal ob Bratwurst beim Sternen oder Züri-Gschnätzletes mit Rösti im Luxusrestaurant. Es hat gepasst!

    • Asta Amman sagt:

      Meine Wiege stand im Seefeld und mein Spielplatz war die Blatter- (heute China-) Wiese. Trotzdem nervt mich das hier Beschriebene genauso. Aber haben eingeborene Zürcher wirklich das Bedürfnis, cool zu sein? Gilt das nicht vielmehr für die Zugezogenen, die ja mittlerweile auch in der „Kreativwirtschaft“ Fuss gefasst haben? Und wenn ich schon an der Quelle bin: Wer in welcher Werbeagentur hat sich bloss den Namen für das jüngste Tamedia-Baby ausgedacht? „Urbani Zürich – wir bringen dich raus“. Das toppt ja selbst die Eatery.

    • E. Widmer sagt:

      Was heisst in Zürich sein müssen. Reisen sie ab, um woanders zu motzen.

    • Mike sagt:

      Jane, gut leben Sie nicht mehr in Zürich. Ich bin auch hier geboren und als „Usländer“ hier aufgewachsen, in einer Zeit, als das Spielen auf Wiesen verboten war. Nach vielen Jahren im In- und Ausland bin ich nun wieder hier. Und ich fühle mich gut.
      Ich respektiere Menschen wie Sie, die Zürich nicht mögen, bitte aber auch darum, die Stadt zu meiden. Es gibt ja bekanntlich – und der Kleinheit der Schweiz sei dank – genügend Ausweichmöglichkeiten: Dörfer und Städte sind per ÖV wie auch mit Individualverkehr gut erreichbar. Somit: Ihre Entscheidung aussen vor zu bleiben – aber dann bitte nicht lästern und besser vor der eigenen Haustüre kehren: Schnipo bspw. ist wohl auch auf dem Land, in Bern oder auf Mallorca ein Begriff. Aus den 70ern… oder älter. Ein soooo tolles Wort;-)

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